Cate Blanchett: Theatertriumph einer Hollywood-Queen

13.05.2012 | 18:25 |  von BARBARA PETSCH (Die Presse)

Star schauen! "Groß und klein" von Botho Strauß mit Cate Blanchett erweist sich als würdiges Eröffnungsevent. Regisseur Benedict Andrews revitalisiert das edle Avantgarde-Altertum mit Humor.

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Wickie, Slime und Paiper – die 1970er-Nostalgie ist schon fast wieder vorbei. Als Peter Stein 1978 an der Berliner Schaubühne „Groß und klein“ vom 34-jährigen Botho Strauß herausbrachte, der gerade vom Dramaturgen-in den Dramatikerstand gewechselt war, bekam der Nachkriegswohlstand seinen ersten starken Dämpfer ab: die Ölkrise.

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Strauß' Heldin, Lotte-Kotte aus Saarbrücken, erlebt, was damals noch weniger vertraut war als heute: den rasanten sozialen Abstieg – und sie begegnet ihm mit einer Haltung, die uns heute wieder sehr vertraut ist. Sie übt sich in Optimismus, wirft sich auf immer neue Herausforderungen bei Wohnungs-, Arbeits- und Beziehungssuche, hält den Kopf oben, verbiegt sich nach allen Richtungen – und kommt nirgends an.

Beim Lesen wirkt das Stück dennoch etwas behäbig, langatmig und – immer noch bei Botho Strauß – rätselhaft. Das Zeitdrama hat sich weiterentwickelt, analog zu den schnellen Schnitten des Films, aber auch inhaltlich. Der Brite Simon Stephens spinnt Strauß' leise, bedrohliche Dialoge fort, beschleunigt den theatralischen Schritt. Der Kanadier Robert Lepage verfeinert die humanistische Botschaft und verbreitert die Optik zur Breitwand in seinen multikulturellen Panoramen. Da könnte Botho Strauß alt aussehen. Doch die Substanz des Werkes triumphiert über seine gemächliche Dramaturgie. Dass es drei Stunden lang im Museumsquartier kaum zu Redundanzen kommt, ist doppelt und dreifach erstaunlich.

 

Ein Pathos wie für Shakespeare

Strauß' Sprache ist nicht unkompliziert, Martin Crimp hat „Groß und klein“ klug übersetzt, mit britischem Wortwitz und kleinen Aktualisierungen (Handys). Das Hauptgewicht der Wirkung liegt naturgemäß bei Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett, die sich als trittsichere Theaterschauspielerin erweist. Das ist kein Zufall. Die Australierin hat auf der Bühne begonnen, große Rollen gespielt, z. B. Ibsens Hedda Gabler, und sie ist auch künstlerische Ko-Leiterin der traditionsreichen Sydney Theatre Company, die im Uraufführungsjahr von „Groß und klein“, 1978, gegründet wurde.

Blanchett gibt Lotte-Kotte aus Saarbrücken, die, joblos, ihrem Ehemann nachweinend, durch eine fremde, kalte Welt stolpert wie Lewis' Caroll Alice, ein Pathos wie von Shakespeare. Sie verströmt aber auch Herzenswärme und erweist sich als versiert im Pointenservice. Manchmal orgelt Blanchett ein wenig zu laut, meistens aber hält sie den Zuschauer mit lebendigem Spiel und einer Aura in Atem, die Filmstars keineswegs angeboren ist. Auf einer Bühne ist schon manches geliebte Gesicht aus Kino und Fernsehen sang- und klanglos verblasst.

Man könnte auf die Idee kommen, dass das Konzept dieser Produktion bewusst so angelegt wurde, dass die anderen Akteure ihrem „Stern“ nicht wirklich das Wasser reichen können. Die 13 Personen, die sonst noch mitspielen, sind guter bis sehr guter Durchschnitt. Das Vorführen berühmter Mimen in weniger dankbaren Rollen, das durchaus auch zu Botho-Strauß-Aufführungen gehört, fällt hier aus. Trotzdem ist die Ensembleleistung tadellos.

Regisseur Benedict Andrews ist für Luc Bondy eingesprungen, auch ein Strauß-Spezialist, der übrigens auf YouTube das Stück kurz erklärt, was nicht uninteressant ist. Mit ihrem Landsmann Andrews hat Blanchett „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams aufgeführt. Andrews macht aus Botho Strauß, dem Schöpfer flirrender Rätsel- und Mythengebilde über die menschliche Existenz, postmodern gedanken- und zitatenschwer, ein nicht gerade flottes, aber doch recht zügiges „well made play“. Und wie gut das gemacht ist! Das Beste: der skurrile angelsächsische Humor, wer hätte gedacht, dass dieser bei Botho Strauß zu finden ist?

 

Schluss mit deutscher Gedankenschwere

Über dessen zeitweilig allzu vertrackte Kompliziertheiten brettert die Aufführung einfach hinweg. Sprachlich ist sie perfekt, wer also hören mag, der höre bis in die philosophischen Tiefen hinein. Wer sich darum nicht kümmert, erlebt trotzdem einen theatralisch überwiegend wunderbaren und auch noch amüsanten Abend, bei dem man keine Minute das Gefühl hat, nostalgisch in den lang verflossenen Siebzigern zu wühlen. Das ist auch der Ausstattung zu verdanken, die mehr als nur tourneetauglich ist. Bühnenbildner Johannes Schütz baute Versatzstücke eines flüchtigen Lebens, das sich in kahlen Mietzimmern, auf der Straße, vor quäkenden Haussprechanlagen oder in einer Telefonzelle abspielt. Da hat sich zwischen verebbendem Wirtschaftswunder und Neoliberalismus auch nicht viel verändert.

Die Produktion hatte 2011 in Sydney Premiere, sie ist also sozusagen durchtrainiert und ausgereift. Außer in Wien ist sie in London, Paris und bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zu sehen, eine internationale Koproduktion, die auch zum Nachdenken anregt, was in Wien passieren wird, wenn das „heilige“ Repertoiretheater einmal nicht mehr zu halten ist. Die Bühnenkunst wird es immer geben, ein Trost, wenn man diese Aufführung ansieht. Das Premierenpublikum bejubelte Blanchett am Samstag nachhaltig im MQ. Bis 20.5. widmet sich ihr eine Filmhommage im Gartenbaukino.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2012)

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