Goethe hat es versucht, und ist gescheitert. Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss haben es versucht – und es ist die „Frau ohne Schatten“ dabei herausgekommen. Eine „zweite Zauberflöte“ ist auch den klügsten und kreativsten Köpfen der Theatergeschichte nie gelungen. Dennoch gibt es nur wenig spannendere Fantasiespiele als jenes: Was wird aus Tamino und Pamina, nachdem sie in den Tempel eingezogen sind? Überleben die Königin der Nacht und ihr Gefolge; wenn ja, kehren sie zurück?
Die „Zauberflöte“ gehört zu den großen Rätselspielen unserer Kulturgeschichte. Das hat schon das Wiener Vorstadtpublikum des Jahres 1791 begriffen, das die Uraufführungsproduktion im Theater auf der Wieden stürmte. Komponist Mozart erlebte noch, wie sein Meisterwerk von Reprise zu Reprise mehr gefeiert wurde. Textdichter Emanuel Schikaneder wurde mit der „Zauberflöte“ zur lebenden Legende – seinem Ruhm verdanken wir die Entstehung des Theaters an der Wien.
Wenn der geniale Impresario, Dichter und Schauspieler, der selbst bei der Uraufführung den Papageno verkörperte, sein Glück später auch wieder verspielte – die „Zauberflöte“ ist nie wieder aus den Opernspielplänen verschwunden und gilt als meistgespieltes Werk des ganzen Musiktheater-Genres. Und das, obwohl – apropos Rätselspiel – vom ersten Moment an sich Kritik regte, obwohl man behauptete, die Autoren hätten da ein „Machwerk“ schnell zusammengezimmert, dem es an innerer Folgerichtigkeit, an dramaturgischer Stringenz gebricht.
Vielleicht sind es aber gerade diese scheinbaren Brüche der Handlung, die unsere Fantasie bis heute wachhalten.
Die Frage, wie es nach dem Schlusstakt der Mozart-Oper eigentlich weitergeht, suchte Schikaneder selbst seinem wissbegierigen Publikum zu beantworten. Er ließ eine Fortsetzung namens „Das Labyrinth“ folgen. Weil Mozart schon gestorben war, verfasste der damals durchaus erfolgreiche Peter von Winter die Musik.
Der 200. Todestag Schikaneders liefert dem frischgebackenen Salzburger Festspiel-Intendanten, Alexander Pereira, den Anlass, beide „Zauberflöten“, die originale und das Nachfolgewerk, ins sommerliche Programm aufzunehmen. Und was erleben die Festspiel-Besucher da? Die Königin der Nacht, versteht sich, ist nicht untergegangen, sondern ficht mit ihren Freischärlern einen erbitterten Untergrundkampf gegen Sarastros Macht – und sie versucht, wie schon im ersten Stück, ihre Tochter und den nunmehrigen Schwiegersohn mittels erotischer Versuchungen zu entzweien. Auch auf der populären Ebene geht es turbulent zu, denn auch der „böse Mohr“ Monostatos treibt nach wie vor sein Unwesen, hat sich bei Papageno abgeschaut, dass man im Vogelkostüm Narrenfreiheit genießt und bringt auf diese Weise alle durcheinander.
Der Weise Sarastro, der einst den unbotmäßigen Monostatos bereits verprügeln ließ, obwohl man doch in den „heiligen Hallen“ seines Palasts „die Rache nicht kennt“, ist kriegerischer geworden, ruft zur Verteidigung des Vaterlandes auf. Das hatte seinen Grund. Die Nachwehen der Französischen Revolution waren in ganz Europa zu verspüren und mündeten in die Napoleonischen Kriege. Nach der Uraufführung des „Labyrinths“ sollte es nur noch knapp sieben Jahre dauern, dass die Franzosen Wien besetzten. Überdies stand das österreichische Heer beständig gegen die Türken in Alarmbereitschaft. Friedlich ging es also nicht zu. Da mussten auch die aufklärerischen Galionsfiguren reagieren.
Und das Labyrinth? Es ist das Prüfungsgelände für jene Erlösungsaspiranten, die schon Feuer- und Wasserprobe siegreich überstanden haben. Im neuen Stück verschlingt Mutter Erde den Prinzen und die Prinzessin. Versteht sich, dass am Ende auch bei Peter von Winter alles gut ausgeht. Fragen bleiben freilich auch hier offen – vielleicht schafft es Alexander Pereira ja, für eine der kommenden Spielzeiten einen zeitgenössischen Poeten zur „Zauberflöte III“ zu animieren – und einen lebenden Komponisten zum Wagnis, Mozart zu beerben. Diesmal erleben wir im Residenzhof Schikaneders Zweitversuch, verfasst anno 1798, geleitet von Dirigent Ivor Bolton und Regisseurin Alexandra Liedtke.
Die Besetzung liest sich zum Teil wie ein exquisites Aufgebot zur „echten Zauberflöte“ – mit Christof Fischesser als Sarastro und Julia Novikova als Königin der Nacht, Michael Schade als Tamino und Malin Hartelius als Pamina. Dann ist Anton Scharinger mit von der Partie, der an der Seite von Ute Gfrerer als alter Papageno in seine angestammte Rolle schlüpft: Die beiden haben aber, wie bei Mozart duettweise versprochen, „erst eine kleine Papagena, dann einen kleinen Papageno“ gezeugt, sodass sie nunmehr als eine Art komödiantisches Philemon-und-Baucis-Pärchen die Streiche ihrer Nachkommen begutachten können. An künstlerischem Aufwand wird jedenfalls nicht gespart, um der „Zauberflöte“ unter Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus Wien ein ebenbürtiges Schwesterstück an die Seite zu stellen.
| Termine | |
| „Die Zauberflöte“ von W. A. Mozart | 27. 7. 2012: Premiere in der Felsenreitschule, Vorstellungen: 30. 7., 2., 4., 6., 11., 13., 17., und 19. 8. 2012 |
| „Das Labyrinth oder der Kampf mit den Elementen“ von Peter von Winter | 3. 8. 2012: Premiere im Residenzhof, Vorstellungen: 9., 14., 16., 21., 24. und 26. 8. 2012 |
(Kultur Spezial vom 26.05.2012)
Jubilar der Woche70 Jahre Paul McCartney
Pauls QuizWussten sie, dass der Ex-Beatle drei Mal so reich ist wie seine Ex-Kollegen?
''The Great Gatsby''Vom Scheitern eines Spektakels
Inge Morath''Menschen'' in der Galerie Leica
Ballett im BerghainKlassischer Tanz erobert den besten Club Berlins