Meistens, meinte Susanne Lothar vor etwa zwölf Jahren in einem Interview, spiele sie das Opfer. Nein, sie formulierte es weit drastischer: Meistens spiele sie „diejenige, die aufgeschlitzt wird“. Und darum freue sie sich besonders auf die Rolle in Yasmina Rezas Stück „Drei Mal Leben“ am Wiener Akademietheater.
Aufgeschlitzt? Da hat Susanne Lothar wohl auch an Frank Wedekinds Lulu gedacht, die als Opfer Jack the Rippers endet – sie spielte diese Rolle 1988 in einer Zadek-Inszenierung für das Hamburger Schauspielhaus. Wie sie dazu kam, erzählte Susanne Lothar 2009 nach dem Tod des Regiegroßmeisters. Mit gerade einmal 16 Jahren war sie ihm zu Silvester über den Weg gelaufen, sie beide hätten getanzt, er sei ihr mehrmals auf die Füße getreten. Kurz nach Mitternacht musste sie kurz das Lokal verlassen, um zu telefonieren, da zerriss ihr ein Böller das Kleid. „Er sagte mir, dass ihm das leid täte, als er merkte, wie erschrocken ich war. Zehn Jahre später erzählte er mir, dass er mich in jener Nacht besetzt hat, und dass er sich die noch nie gespielte Urfassung sichern wollte, in der Lulu ein Kind ist und keine erfahrene Frau.“
„Eine Extremschauspielerin“
Lothar spielte, es wurde ein Triumph. Atemlos verfolgte das Publikum, wie die zarte Schauspielerin dieser Figur ihre Unschuld zurückgab. Diese Lulu war verrückt, betörend, von Beginn an gefährdet, verwirrend. „Wenn ich nicht wusste, was ich machen sollte, habe ich mich oder meine Partner ausgezogen“, erklärte sie. Als „Extremschauspielerin mit sanften Mitteln“ bezeichnete sie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.
Auch später engagierten Regisseure für Film und Fernsehen die 1960 in Hamburg geborene Schauspielerin gern, wenn es darum ging, gefährdete Frauen darzustellen, und kaum ein Artikel über sie kam ohne die Attribute „verletzlich“ oder „zerbrechlich“ aus, manchmal folgte darauf die Erwähnung, dass dieser Verletzlichkeit Kraft und Energie innewohnen. Für Michael Haneke spielte sie in „Das weiße Band“ eine Hebamme, die entsetzlich gedemütigt wird. In „Funny Games“ (1997) gerät eine Familie in die Gewalt von sadistischen Jugendlichen. Die Frau muss dabei zusehen, wie ihre Kinder getötet werden, sie selbst wird gefoltert, am Ende zeigt Haneke sie, wie sie gefesselt und geknebelt neben ihrem Mann auf einem Segelboot sitzt, da wird auch der ins Wasser gestoßen. Diesen Mann spielte Ulrich Mühe, Susanne Lothars Ehemann, die beiden hatten sich 1990 bei den Salzburger Festspielen kennengelernt.
Mit ihm stand sie häufig vor der Kamera und auf der Bühne: in „Oleanna“ und in „Drei Mal Leben“ im Akademietheater, in Sarah Kanes „Gesäubert“, einem extremen Stück, in dem Menschen, die vorgeben, einander zu lieben, bis zur Verstümmelung aufeinander losgehen – wiederum eine Zadek-Inszenierung. Mühe und Lothar galten fortan als Extremschauspieler.
Und extrem sollte auch ihr letzter gemeinsamer Film werden, „Nemesis“, eine Low-Budget-Produktion, in 13 Tagen abgedreht, ein Kammerspiel über die Brutalität einer Ehe, ein Psychodrama auf engstem Raum. Während der Aufnahmen wussten die beiden noch nicht, dass Ulrich Mühe an einem Magenkarzinom erkrankt war; er starb 2007, 54 Jahre alt. Susanne Lothar kämpfte darum, den Film unter Verschluss zu halten, sie wollte nicht, dass er ein falsches Licht auf ihre Ehe warf. Vielleicht trieb sie auch die Sorge um ihre gemeinsamen Kinder, die 1995 geborene Sophie Marie und den 1998 geborenen Jakob.
Schatten der Stasi-Vergangenheit
Susanne Lothar war es gewohnt zu kämpfen, sie hat gemeinsam mit ihrem Mann die Schmähungen ertragen, als er sich öffentlich mit seiner Exfrau Jenny Gröllmann über deren Stasi-Vergangenheit gestritten hat, sie hat sich um die Stieftochter gekümmert, die heute als Schauspielerin erfolgreiche Anna Maria Mühe, als Gröllmann überraschend gestorben ist. Ab 2007 stand sie allein da – mit drei Kindern und der Erinnerung an ihren Mann. „Ich habe ihn immer bei mir, ihn und die schöne gemeinsame Zeit“, sagte sie.
Man erwartet gern, dass das Zerbrechliche nur wirkt, als sei es zerbrechlich, dass es sich als zäh und stark erweist, und man ist schockiert, wenn es dann doch zerbricht: Am Mittwoch ist Susanne Lothar gestorben, woran, wurde nicht bekannt.
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