Regisseur und Produzent Tony Scott, bekannt für Erfolgsfilme wie „Top Gun“, „True Romance“ oder zuletzt „Unstoppable“, hat sich am Sonntag das Leben genommen: Um die Mittagszeit sprang der 68-jährige Filmemacher von einer Brücke in den Hafen von Los Angeles, „ohne zu zögern“, wie Augenzeugen berichteten. Die Polizei barg wenige Stunden später Scotts Leiche, nach Angaben der Behörden gab es einen Abschiedsbrief.
Dessen Inhalt wurde nicht veröffentlicht, ein Sprecher von Scotts Familie bat, dass „zu diesem Zeitpunkt ihre Privatsphäre respektiert werden soll“. Scott war seit 1994 in dritter Ehe mit der Schauspielerin Donna Scott verheiratet, sie hatten Zwillingssöhne. Mit seinem Bruder, „Alien“-Regisseur Ridley Scott, arbeitete Tony eng zusammen: 1995 gründeten sie die Produktionsfirma „Scott Free“, machten neben Filmen auch TV-Serien wie „The Good Wife“.
Die Karrieren der beiden britischen Brüder verliefen stets parallel. Tony kam am 21. Juni 1944 als jüngster von drei Söhnen zur Welt, der Vater – ein Berufssoldat – war oft abwesend, die Mutter ging gern mit den Kindern ins Kino und weckte ihre Liebe zum Film. (Tony widmete ihr 2001 den Agententhriller „Spy Game“ mit Robert Redford.) Als der sieben Jahre ältere Ridley 1965 den ersten Kurzfilm „A Boy and His Bicycle“ drehte, spielte Tony die Titelrolle – und trat in die Fußstapfen des Älteren, indem er ein Kunststudium begann. Tony wollte eigentlich Maler werden: Man merkt es dem einflussreichen Expressionismus seines hyperaktiven Kinos an. Immer gewagter wurden die Abstraktionen, die kubistische Montage, die geradezu avantgardistischen Collage-Effekte seiner Filme: buchstäblich Action Painting.
„Der größte Nervenkitzel ist Regieführen“
Aber Ridley hatte eine Firma für Werbefilme gegründet und überredete den Bruder zum Einstieg: „Arbeite mit mir und in einem Jahr hast du einen Ferrari“, versprach er dem Autonarren Tony. Der blieb zeitlebens Adrenalin-Junkie: ein leidenschaftlicher Felskletterer und Liebhaber von schnellen Wagen und Motorrädern. Doch er insistierte: „Der größte Nervenkitzel in meinem Leben ist das Regieführen. Das ist die furchterregendste, gefährlichste Sache, die du machen kannst. Nichts macht mir so Angst wie der erste Morgen einer Produktion, bei allen meinen Filmen: Die Angst zu versagen, das Gesicht zu verlieren, und das Gefühl der Schuld, weil alle auf dich vertrauen und du schaffst es nicht.“ Dabei verrieten schon die ersten Filme Talent: das Familiendrama „Loving Memory“ (1969) und die Ambrose-Bierce-Adaption „One of the Missing“ (1970) wurden erst kürzlich wiederentdeckt und zeigen einen Tony Scott fern des Action-Blockbuster-Klischees.
Nachdem Ridley Scotts Firma eines der erfolgreichsten Werbehäuser Europas wurde, gelang ihm samt Mitarbeitern wie Alan Parker oder Hugh Hudson in den 1970ern der Sprung in den Kinoregiestuhl: eine beachtete britische Welle, assoziiert mit dem schicken Look und der Ästhetik von Werbeclips und Musikvideos. Tony Scott debütierte verspätet, aber stilgerecht mit dem Vampirfilm „The Hunger“ (1983): Ein Flop trotz Stars wie David Bowie und Catherine Deneuve, seine durchdringende 80er-Atmosphäre sorgte später aber für Kultstatus.
Indessen kam die Wende in der Regiekarriere: Der Fliegerhit „Top Gun“ (1986) mit Tom Cruise begründete die Kollaboration mit Produzent Jerry Bruckheimer, der Cruise-Rennfilm „Days of Thunder“ (1990) oder die unkorrekte Actionkomödie „Last Boy Scout“ (1991, mit Bruce Willis) etablierten Scott als Blockbuster-Spezialisten. Seine ausgefeilte Optik und die schnellen Schnitte wurden prägend. „Top Gun“ war der „Navy-Werbeclip“ im militaristischen Erfolgskino der Reagan-Ära, auch Filme wie „Beverly Hills Cop II“ halfen wenig: Lange galt Tony als kommerziell erfolgreicher, aber vernachlässigbarer Bruder. Doch wo es mit Ridley nach „Blade Runner“ bergab ging, wurden Tonys Filme ab dem Road Movie „True Romance“ (1993, Buch: Quentin Tarantino) und dem U-Boot-Thriller „Crimson Tide“ (1995) immer ambivalenter und ästhetisch komplexer: Mit wildem formalen Furor hat er die Stuntfrau-Biografie „Domino“ (2005) mit Keira Knightley regelrecht atomisiert – ein Kommentar zur trügerischen Entertainment-Mediengesellschaft, zu der Tony Scott selbst ein Scherflein beigetragen hat.
Scotts Idealdarsteller: Denzel Washington
In „Enemy of the State“ (1998) mit Will Smith gerät der Überwachungsstaat außer Kontrolle, in „Man On Fire“ (2004) geht es um die Verteidigung der reichen Rückzugsgebiete inmitten globalisierter Armut. Denzel Washington spielte darin den Söldner-Märtyrer, er ergänzte sich perfekt mit Tony Scott, für den er seine beseeltesten Darstellungen gab: ob als introvertierter Verkehrspolizist mit Gewissen im Remake „The Taking of Pelham 123“ (2009), als abgebrühter Lokführer im proletarischen Hochgeschwindigkeitsthriller „Unstoppable“ – oder als Detektiv in der futuristischen Fantasie „Déjà vu“, in der seine Liebe zu einer Toten Zeit und Raum aus den Fugen geraten lässt. Die heftigen Stilisierungen von Tony Scott entsprachen den Gefühlszuständen seiner Protagonisten. Wie er selbst gestand: „Ich bin eigentlich ein hoffnungsloser Romantiker.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2012)
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