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Ulrich Seidl: „Leben in verstellter Wirklichkeit“

31.08.2012 | 18:31 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Der österreichische Regisseur präsentiert mit „Paradies: Glaube“ den zweiten Teil seiner großen Trilogie im Wettbewerb. Es ist die Geschichte eines religionsübergreifenden Ehekriegs.

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Am Anfang geißelt sich die Frau vor dem Kruzifix. Am Ende geißelt sie das Kruzifix. Ulrich Seidls „Paradies: Glaube“, am Freitag im Wettbewerb der Filmfestspiele Venedig vorgestellt, ist die Geschichte einer enttäuschten Liebe – und in vieler Hinsicht eine Quintessenz des Schaffens des herausragenden österreichischen Autorenfilmers. Seine wiederkehrenden Themen wie Einsamkeit und Sehnsucht, Körperlichkeit und Religion verpackt dieser zweite Teil einer großen Trilogie in ein intimes, tragikomisches, schließlich schonungslos verzweifeltes Kammerspiel, während die Exkursionen in die Außenwelt mehrfach zu Protagonisten früherer Seidl-Werke führen. Suchte die Hauptfigur des heuer in Cannes vorgestellten Seidl-Films „Paradies: Liebe“ ihr Glück als Sextouristin in Kenia, so glaubt es diesmal die Heldin Anna Maria anfangs schon gefunden zu haben: im Glauben.

 

Den Urlaub mit Missionieren verbringen

Maria Hofstätter, unvergessen als Autostopperin in Seidls „Hundstage“, gibt als Anna Maria wieder eine Darstellung an der Grenze zur Selbstentäußerung: eine Röntgenassistentin, die ihren Urlaub damit verbringt, missionieren zu gehen. Daheim rutscht sie betend mit Bußgürtel auf den Knien: ein Ritual, für das sie vorher den Wecker stellt. Auf der Heimorgel intoniert Anna Maria inbrünstig religiöse Lieder, und wenn die Gebetsgruppe bei ihr zusammenkommt, wird dem Herrgott feierlich versprochen, Österreich wieder katholisch zu machen: „Wir sind die Sturmtruppen der Kirche.“

Dazwischen zieht Anna Maria von Tür zu Tür, im Arm die Wandermuttergottes („verwendet mit Zustimmung der katholischen Kirche“, wie das Presseheft vermerkt), die Glück und Heilung bringen soll. Mit der Hingabe einer Auserwählten ignoriert Anna Maria alle Absurditäten: „Da können Sie auch gleich ein wenig Deutsch lernen“, sagt sie, als sie ein frommes Heftchen bei einer verständnislos lächelnden Immigrantenfamilie hinterlässt. Etwas irritierter ist sie bei der Missionierung von René Rupnik, bekannt aus Seidls TV-Film „Der Busenfreund“, wenn das gemeinsame Vaterunser von dessen hingebungsvollen Exkursionen etwa über das „Lockfleisch“ der Frauen unterbrochen wird. Da ist Anna Marias Welt freilich schon erschüttert: Als sie eines Abends beim Heimkommen das Licht einschaltet, sitzt ein Muslim mit Rollstuhl im Wohnzimmer. Es ist ihr Gatte Nabil (eine Entdeckung: Debütant Nabil Saleh), nach jahrelanger Abwesenheit zurückgekehrt.

Anna Maria versteht die Heimkehr als göttliche Prüfung: Der Unfall, der Nabil lähmte, hat sie zum Glauben zurückgebracht. Ihr Gatte dagegen möchte, dass es wird wie früher, als er Herr im Haus war. Sein Flehen, ins Ehebett zurückzuwollen, bleibt unerhört. Anna Maria küsst nur das Jesusbild auf ihrem Nachttisch, und nimmt in einem Moment größter Verzweiflung sogar das Kruzifix von der Wand und unter die Tuchent, um es ausgiebig zu liebkosen.

Der Ehekrieg eskaliert unausweichlich: Liebe und Religion werden in pervertierter Form zur Waffe. Seidl inszeniert das Drama mit beklemmender Präzision und schwarzem Humor, im charakteristischen Wechselspiel von stilisiertem Tableau und dynamischer Handkamera. In einer Szene rächt sich Nabil, indem er die überall im Haus hängenden Kreuze mit dem Stock zu Boden schmettert. Beim Papstbild in der Küche gab es bei der Pressevorführung Szenenapplaus (überhaupt wurde der Film mit Beifall quittiert). Er glaube nicht, dass die Geschichte für den christlichen Glauben stehe, dass sie aber sehr wohl etwas über den Glauben sage, erzählte der Regisseur Freitagmittag gut gelaunt bei einer Pressekonferenz. Nur ein Journalist klagte über Verstörung: „Wenn der Film Sie verstört, wird das schon seinen Grund haben“, erwiderte Seidl, so gehe es nicht jedem.

Mit seiner formalen Klarheit und emotionalen Wucht ist Seidls Film in einer anderen Liga als die bisherige Lido-Konkurrenz: Wo etwa Mira Nairs Eröffnungsfilm „The Reluctant Fundamentalist“ sein Thema vom Kampf der Kulturen als billige Wohlfühl-Allegorie zum Terrorismus-Thema verpackt, indem seine Auflösung dem Zuschauer das Nachdenken erspart, respektiert Seidl die Intelligenz des Publikums.

 

„Mensch ist Mensch. Das ist alles.“

Im privaten Kleinkrieg von „Paradies: Glaube“ geht es nicht um Allgemeinplätze zur Auseinandersetzung der Religionen, deren zermürbende Auswirkung auf einzelne Leben wird aber mit einer Nacktheit erforscht, die so brutal wie zärtlich ist. „Wir leben in einer verstellten Wirklichkeit“, betonte Seidl bei der Pressekonferenz, er wolle hinter diese Fassaden vorstoßen, auch in der Art, wie er seine Figuren und ihre Körper zeige. Hauptdarsteller Nabil Saleh, überhaupt in bester Monologlaune, brachte es ganz auf den Punkt: „Mensch ist Mensch. Das ist alles.“

Beide heurigen Seidl-Filme wurden erstaunlich positiv aufgenommen, obwohl nicht die geringsten Aufweichungserscheinungen in Thema und Stil zu spüren sind: „Das Leben ist oft die Hölle“, sagte Seidl denn auch kategorisch, fügte jedoch hinzu: „Dass die Suche nach dem Paradies in die Hölle führt, ist aber eine andere Sache.“ Wie sich dieser dramatische Bogen der Bewegung von Anna Maria in dem des ersten „Paradies“-Teils spiegelt und ihn doch auch bricht, lässt etwas von der Komplexität des unter künstlerischer Mitarbeit von Koautorin Veronika Franz entstandenen Gesamtprojekts erahnen: Im Gegensatz zu den überdeteminierten Zusammenhängen im Gegenwartskino bereichern sich die voneinander unabhängig funktionierenden Filme durch ungezwungene Resonanzen und unerwartete Harmonien. Mehr dazu wird nach der Premiere des letzten Teils, „Paradies: Hoffnung“ zu sagen sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2012)

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21 Kommentare

Man hat den Eindruck,...

...dass jene die diese Art von Filmen verurteilen, weit lieber ein Krügel als ein Seidl haben!

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Re: Man hat den Eindruck,...

Concedo, ein Krügel ist mir allemal lieber. als so ein Seidel. Leute wie er, die aus vorgeblich kritischer Einstellung zu etwas nur in den Niederungen menschlichen Verhaltens wühlen können, nehmen sich ja nur deshalb den christlichen Glauben katholischer Prägung an die heldenhafte, breite Brust, um nicht ein Todesurteil verrückter "Gottesfürchtiger" zu riskieren !
Dazu noch der Dialekt, der - wie wir erfahren - durchaus der der hochdeutschen Sprache zuzurechnen ist. Hoffentlich verfügte man bei den Filmfestspielen über Simultanübersetzer, um diesen von Text und Melodie her ördinärsten aller österreichischen Dialekte auch verständlich zu machen.

"...ördinärsten..."

Der "ördinäre" Wiener Dialekt, als einer der ältesten der deutschen Sprache, hat seine direkten Wurzeln im Mittelhochdeutschen.
Sie müssen also Ihre Entrüstung an unsere Altvorderen richten.
Auch die "Niederungen des menschlichen Verhaltens" gehören zum Menschen. Es ist mit die Aufgabe der Kunst auch sie zu zeigen.
Wer jedoch im Kunstbegriff des 19.Jahrhunderts lebt, wird mit künstlern wie Seidl nichts anfangen können.

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Re: "...ördinärsten..."

Verehrter Putinsohn, germanistisch bin einigermaßen gut beschlagen und die Wurzeln stimmen ja, aber was soll das ? Walther von der Vogelweide war kein Mundel. Auch lebe ich sehr gerne in und mit Kunstbegriffen aus dem 19.Jhdt, wie auch in allen andern Jahrhunderten bis in die Antike, aber ganz gleich in welcher Zeit, wenn "Künstler einmal glauben, sich in Wort oder Bild nur mehr abscheulich, verletzend, oder schmutzig artikulieren zu müssen, hat für mich die Kunst ihren Sinn verloren.Wird schon so sein, dass Niederungen im menschlichen Verhalten zum Menschen "gehören", aber niemand kann mir vorschreiben, das als Kunst empfinden zu müssen. Das können ohne weiteres Menschen tun, mit denen ich nichts zu tun haben will.

Lieber Verehrer der...

..."hehren" Kunst. Die Idee dass die Kunst der ästhetischen Erbauung dienen soll, hat spätestens mit dem Beginn der Moderne ausgedient. Warum glauben Sie, malt kein Maler mehr wie im 19.Jhdt.?
Das Volk hat nie so gesprochen wie Walther von der Vogelweide sang oder gesprochen wie Goethe schrieb.
Lesen Sie einmal die zotigen Briefe Mozarts oder betrachten Sie die dämonisch "schrecklichen" Bilder des Hieronymus Bosch aus dem 15.Jhdt.
Vielleicht hilft das, Ihren Kunstbegriff zu relativieren.
Nicht der Schönheit hat die Kunst zu dienen, sondern der Wahrheit!

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Re: Lieber Verehrer der...

Ich bedauere Sie sehr. Sie leben im Korsett der unzähligen Wahrheiten, oder glauben Sie dass Phidias eine "Wahrheit" schaffen wollte ?
Bitte antworten Sie nicht mehr, ich würde die Nachricht ungelesen löschen.

Ich nehme zur Kenntnis...

...dass Ihnen die Argumente ausgehen!

Gast: Cineast
01.09.2012 16:10
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Vollkommen richtig:

´Verstellte Wirklichkeit´. Nämlich ideologische Hirnkonstrukte verstellen die Wirklichkeit total - bei Menschen wie Seidl (oder auch Haneke), die ihre entsetzlich oberflächlichen, neurotischen Fantasien auf die Leinwand projizieren und das als ´Realität´verkaufen. Einfach lächerlich. So ist die Wirklichkeit nicht. Es gibt immer eine andere Seite. Schatten und Licht. Sowohl bei Seidl (als auch bei Haneke) gibt es nur Schatten, nur eine Seite, und selbst die ist primitives, extrem übertriebenes Klischee. Propaganda-Schwachsinn ganz persönlichen Lebens-Ekels. Hat absolut nichts mit dem wirklichen Leben in seiner Polarität zu tun. Der künstliche´Jubel´ österreichischer Medien/leute, etwa auch des Herrn Wrabetz, über das österr. ´Filmwunder´ ist nur noch oberpeinlich. Wie schaut es denn mit den Zuschauerzahlen aus? Ah ja, pardon: wer die Filme von Seidl (oder von Haneke) nicht gut findet und gar die Qualität eines Films mit Zuschauerzahlen in Zusammenhang bringt, ist ein stumpfsinniger armer Trottel, der keine Ahnung hat. So, wie das Publikum. Eh klar.

Dass Seidls Filme natürlich ihre Bewunderer finden ist ebenfalls klar. Es gibt Millionen, die in einer verstellten Wirklichkeit leben - und daher die ´Botschaft´ von Machwerken wie ´Paradies:Glaube´ mit Begeisterung einsaugen. Es gibt eben, wie gesagt, immer zwei entgegengesetzte Seiten. Allerdings nicht in der elenden, einseitigen Wahnwelt eines Seidl (oder Haneke) und ihrer Fans.

Antworten Gast: Kinogängerin
01.09.2012 18:24
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Re: Vollkommen richtig:

Bin im falschen Film ...
in Filmen von Seidl u. Co. fühle ich mich immer vollkommen fremd ...
habe einfach keinen Bezug zum hochsubventionierten österreichischen "Problemkino" ...
verstehe die Probleme um die es in diesen Filmen nicht, weil sie in meiner Lebenswirklichkeit nicht vorkommen ...
und außerdem sprechen in meiner Familie alle hochdeutsch und nicht diesen gekünstelten wienerischen Filmdialekt

"...hochdeutsch..."

Sie können in Ihrer Familie sprechen wie Sie wollen. Jedoch sollten Sie anstelle zu sprechen, sich weiterbilden.
Ich spreche Wiener Dialekt, also Hochdeutsch. Aufgrund Ihrer Ungebildetheit verwechseln Sie Hochdeutsch mit Hochsprache. Wienerisch ist Hochdeutsch oder dachten Sie es sei Niederdeutsch (Platt)? In Ihrer Arroganz glauben viele die Hochsprache sei etwas "Besseres". Das wertvollere Sprachgut ist der Dialekt. Er war zuerst da. Erst durch Gutenbergs Erfindung und der damit einhergehenden Veröffentlichung von Gesetzestexten kam es zu einer Vereinheitlichung der Sprache, die später als Hochsprache auch in die Umgangssprache Einzug hielt.
Als auf Ihr "Hochdeutsch" brauchen Sie sich also gar nichts einzubilden!

Re: Re: Vollkommen richtig:

Da ist EINMAL was international erfolgreich, und dann kommt sofort dieser SubventionsBlödsinn daher.

Glaubens mir: Seidel und Haneke kennt man in Paris, Mailand, etc. -

Hansi Hinterseer nicht.

Und der Dialekt ist hoch authentisch, aber sie sind wohl zu hochwohlgeboren dazu, wenn sie "nur Hochdeutsch sprechen".

Normale Menschen können und verstehen übriges beides.

Re: Vollkommen richtig:

Die Fast & Furious Reihe, oder auch Titanic, haben mehr Zuschauer, schon klar.

Ist das ihr Maßstab für Qualität?

Haben Sie mitbekommen, dass wir endlich Filmemacher von Weltrang haben?

Oder steckt bei ihnen eine generelle Kust und Geist-Feindlichkeit dahinter?

Re: Re: Vollkommen richtig:

Wir? Ich hoffe, sie freuen sich bei sportlichen Veranstaltungen auch darüber, dass "wir" eine Medaille gewonnen haben oder "unsere" Sportler so toll waren.

Bei den intellektuellen Nudelsuppenschwimmer vom Format Seidl, weiß ich nicht, ob er stolz darauf ist so National einverleibt zu werden.

Egal, Langeweile und verlogene ideologische Subtexte sind auch kein Merkmal für Qualität und die sind den Filmen Seidls und anderen "intellektuellen" Filmen immer eingeschrieben.

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Re: Re: Vollkommen richtig:

Seltsam aber, dass sich deutsche und österr. Fimemacher immer nur durch Blasphemie Geltung verschaffen können. Sie fallen auf durch besondere Schmuddeligkeit, sollte das nicht auch mal anders möglich sein?

Re: Re: Re: Vollkommen richtig:

Nun, zum Glück leben wir nicht in Iran.

Was soll "Blasphemie" sein?

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Re: Re: Re: Re: Vollkommen richtig:

bin ich ein Lexikon?

Gast: mens sana
01.09.2012 14:20
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Klingt alles nach etwas zu billiger Religionskritik.

Den Popanz, den man sich selbst zurechtgebastelt hat, kann man leicht der Lächerlichkeit preisgeben. Aber was hätte Seidl zu Persönlichkeiten wie Mutter Teresa oder Franz von Assisi gesagt? Waren das auch Idioten?

Antworten Gast: schlÄchter
07.09.2012 10:15
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Re: Klingt alles nach etwas zu billiger Religionskritik.

sg mens sana!
regisseur seidl stammt lt wikki aus einem strengkatholischen elternhaus und wollte als jugendlicher priester werden.

vom saulus zum paulus ?

mfg
s.

7 7

Diese Geschichte soll was über den Glauben sagen?

Die Ahnungslosigkeit die hinter dieser billigen Anmache steht, wird ein Gläubiger mit müdem Lächeln quittieren und den Film mit Verachtung bestrafen. Völlig unnötig sich so was anzusehen, sollen doch die Atheisten und Agnostiker in ihren Vorurteilen schwelgen.

Re: Diese Geschichte soll was über den Glauben sagen?

Genau wegen Leuten wie ihnen sind Filmemacher wie U.S. so wichtig, im Gegensatz zu Ihnen bezieht er ja auch keinerlei Position.
Der Angriff entsteht also nur durch die vorauseilende Defensive in ihrem Kopf!

Re: Re: Diese Geschichte soll was über den Glauben sagen?

Naja, im Prinzip hat der Vorposter schon recht. Die Leute, die so ein Film wirklich treffen würde, schauen sich den gar nicht an. Zumindest nicht im Kino; kann sein dass der im TV, ordentlich beworben, auch breitere Schichten erreicht - die schaun aber dann wahrscheinlich doch lieber was anderes.