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Filmmuseum: Wider den Konformismus im Kino

03.09.2012 | 16:49 |  Von Christoph Huber (Die Presse)

Zum dritten Mal widmet sich das Haus diesen Herbst der „Utopie Film – Leben und Kino“. Diesmal gibt es „100 Vorschläge“. Sie sind bis 17. Oktober im Filmmuseum zu begutachten. Damit schließt sich ein Kreis.

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Wieder prangt der Tiger auf den Plakaten und Programmen des Filmmuseums: Zum dritten Mal widmet das Haus diesen Herbst der „Utopie Film“. Ein Kreis schließt sich: 2004 wurden erstmals unter diesem Titel „100 Vorschläge“ zu einer Geschichte des Kinos präsentiert. Damals tobte gerade eine Debatte um Filmgeschichte und Kanonisierung, bei der Auswahl sah man vor allem auf eine erweiterte Vorstellung von Kino: Während bei Kinogeschichte(n) üblicherweise Klassikerlisten mit dem Schwerpunkt auf Spielfilmen dominieren, legte man Wert auf angemessene Repräsentation nicht nur von Dokumentarischem und Avantgarde, sondern auch entlegenerer Formen und Bereiche – vom wissenschaftlichen Film bis zum Kino der ganz frühen Jahre, dessen Aufarbeitung erst spät einsetzte.

Aus der Retrospektive wurde ein monatlicher Zyklus, eine zweite „Utopie“-Schau 2008 belegte das Nahverhältnis zur Programmpolitik des Filmmuseums noch deutlicher, indem man damals „100 Neuerwerbungen“ auf der Leinwand ausstellte. Weitere vier Jahre später sind es nun wieder „100 Vorschläge“, diesmal zum Themenschwerpunkt: „Kino und Leben“. Schon insofern ein Vorteil, weil heuer eigentlich wieder eine Kanondebatte angestanden wäre, die im Wesentlichen aber ausblieb.

„Beste Filme“: Ewig die gleichen

Alle zehn Jahre unternimmt die britische Filmzeitschrift „Sight & Sound“ die renommierteste Umfrage nach dem besten Film: Abgesehen von einem Wechsel an der Spitze – nach 50 Jahren löste Alfred Hitchcocks „Vertigo“ den Langzeitfavoriten „Citizen Kane“ ab – tat sich wenig. Die üblichen Verdächtigen tummelten sich im Vorderfeld, die Tendenz zu Tradition statt Innovation belegt u. a., dass der neueste Film in den Top Ten von 1968 stammt: Stanley Kubricks „2001“.

Gegen diesen letztlich kaum kommentierten Konformismus stemmt sich das aktuelle Filmmuseumsprogramm, auch wenn einige der bewährten Favoriten vom Verhältnis zum Kanon künden: berühmte Stummfilme wie F. W. Murnaus „Sunrise“ (1927) und Dziga Vertovs  „Der Mann mit der Kamera“ (1929, erstmals in neuer Restauration) oder „Die Reise nach Tokio“ (1953), der Überklassiker schlechthin vom japanischen Meisterregisseur Ozu Yasujirô, von den Filmexperten bei der heurigen „Sight & Sound“-Umfrage auf Platz drei gewählt und von den parallel dazu befragten Filmemachern sogar zum besten aller Filme gekürt.

Solche Marksteine sollen mit randständigen Ausnahmefilmen kommunizieren, exemplarisch verkörpert das etwa Roberto Rossellinis in den Berliner Nachkriegsruinen gedrehtes Zeitbild „Deutschland im Jahre Null“: Als Auftakt gibt es zwei Kurzfilme, Carl Hartmanns „Das Erbe“ (1936) verbreitete Propaganda im Auftrag des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP, „Die Todesmühlen“ (1948) von Hanuš Burger war der erste Dokumentarfilm über Konzentrationslager.

Kleiner Kanon des Hauses: Burger, Varda

Er gehört auch zum halben Dutzend von Filmen, die in allen drei „Utopie“-Retrospektiven vertreten sind: eine Art kleiner Kanon des Hauses, zu dem auch „Spare Time“ (1939) vom britischen Doku-Innovator Humphrey Jennings und die Außenseiterstudie „Vogelfrei“ (1985) von Agnès Varda zählen, während Djibril Diop Mambétys Road Movie „Touki Bouki“ (1973) Afrika repräsentiert sowie Abbas Kiarostami („Close-Up“, 1990) und die Dichterin Forough Farrokhzad („Das Haus ist schwarz“, 1963) den Iran.

Farrokhzads geheimnisvoller Leprakolonie-Bericht ist diesmal mit „Titicut Follies“ (1967) gekoppelt, Frederick Wisemans anklägerischem Porträt eines Anstaltsspitals für „psychisch abnorme Rechtsbrecher“. Es geht um das Kino als Basis für Assoziationen, unverzichtbare Reibung inbegriffen. Das zeigt schon die Rahmung mit sehr unterschiedlichen Wien-Filmen: Der früheste im Programm feiert die Ankunft des Lumière-Cinématographe in der Stadt 1896, der neueste ist Michael Palms bemerkenswerter Überwachungsgesellschaftsessay „Low Definition Control“ (2011). Auch zwischen anderen Extremen liegt in jeder Hinsicht ein weiter, aber auch fruchtbarer Weg – dennoch ist es ein Stück vom genau einen Filmkader kurzen Experiment „1/48“ (2008) zum fast elfstündigen Epos „Evolution of a Filipino Family“ (2004), in dem Lav Diaz so etwas wie die Bestandsaufnahme der Geschichte seines Landes versucht. Über manche der Vorschläge sollte man auch außerhalb des Programmschemas debattieren – Genrefilme etwa gibt es im Wesentlichen nur in kulturhistorisch abgesegneter Form. Aber so ist das Leben. Manchmal auch im Kino.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2012)

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