Der österreichische Regisseur Ulrich Seidl bekommt Probleme mit der italienischen Justiz. Die ultrakonservative katholische Organisation "NO 194" hat nach der Uraufführung des Wettbewerbsfilms "Paradies: Glaube" bei den Filmfestspielen von Venedig Anzeige wegen Blasphemie erstattet, berichtete die katholische Webseite "Pontifex". Der Vorwurf richtet sich gegen den Filmemacher, die Schauspielerin Maria Hofstätter, die Filmproduzenten sowie die Leiter des Festivals. Weder das Filmteam noch das Festival wollten die Anzeige am Montag kommentieren.
Die Katholikin Anna Maria weiß, was es heißt, ein Kreuz zu tragen. Und mit ihrer Muttergottes-Statue geht sie von Haus zu Haus und missioniert. Mit ihrer Gebetsgruppe kämpft sie dafür, dass „Österreich wieder katholisch wird“. Gottesfürchtig rutscht sie auf den Knien, geißelt sich mit Peitsche und Gürtel. Und nachts, nach dem Abendgebet, wird aus ihrer metaphysischen Liebe zu Jesus auch eine physische – per Selbstbefriedigung mittels Kruzifix.
Solche Szenen, gespielt von der Schauspielerin Maria Hofstätter, provozierten bei der Premiere von „Paradies: Glaube“, dem zweiten Teil einer Trilogie des österreichischen Filmemachers Ulrich Seidl, bei den Filmfestspielen in Venedig am Wochenende spontanen Applaus und sogar Lacher. Der „Corriere della Sera“ prognostizierte freilich: „Die Skandalszenen des Films werden Diskussionen auslösen und Katholiken irritieren.“ In der Tat zeigten sich katholische Medien wie „Pontifex“ vor allem über die Kruzifix-Szene empört.
Abtreibungsgegner kritisieren Film
Pietro Guerini, Gründer der ultrakonservativen Organisation NO 194, die sich gegen Schwangerschaftsabbruch engagiert (sie ficht das Gesetz Nr. 194 an, das diesen seit 1978 ermöglicht), hat nun Ulrich Seidl, Maria Hofstätter und die Leitung des Filmfestivals wegen Blasphemie angezeigt. „Im Gegensatz zu den Moslems reagieren wir Katholiken nie, wenn unsere Religion beleidigt wird, doch diesmal ist die Grenze der Toleranz überschritten worden“, sagte Guerini zur APA: „Italien und Österreich sind Länder mit katholischer Tradition, die verteidigt werden muss.“
Es sei ihm zwar bewusst, dass diese Anzeige wahrscheinlich gute PR für Seidls Film sei, er hoffe trotzdem auf eine Verurteilung Seidls – es ginge darum, den katholischen Glauben zu verteidigen. „Meiner Ansicht nach würde er sogar eine Haftstrafe verdienen, weil er mit seinen blasphemischen Szenen nicht nur die katholische Religion, sondern auch diejenigen beleidigt, die Katholiken sind. Laut italienischem Recht wird es jedoch lediglich zu einer Geldstrafe kommen.“
„Ich weiß schon, dass diese Szene eine gewisse Überschreitung eines Tabus ist“, sagte Seidl im österreichischen Filmmagazin „Celluloid“: „Aber für mich ist es nicht viel mehr als ein Weiterdenken im Sinne dieser Figur, dieser Frau.“ Vom Vatikan gab es bei Redaktionsschluss noch kein Statement zu Seidls Film. APA/alv
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2012)
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