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Kinomostra: Konfusion und Katholizismus

09.09.2012 | 18:16 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Der Österreicher Ulrich Seidl erhielt zum zweiten Mal den Spezialpreis der Jury am Lido. Sieger wurde, vielleicht auf Umwegen, der Südkoreaner Kim Ki-duk. Er sang nach einer verwirrenden Zeremonie.

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Der Südkoreaner Kim Ki-duk erhielt am Samstag den Goldenen Löwen der Filmfestspiele Venedig für sein Drama „Pieta“ über einen Geldeintreiber, der in die Sinnkrise gerät, nachdem eine Frau behauptet, seine Mutter zu sein. Das in schludrigen Zooms schwelgende Opus des Südkoreaners galt als einer der Mitfavoriten, obwohl es viele Kritiker als verzweifelte Fortsetzung früherer Provokationen von Kim Ki-duk empfanden (es kulminiert in einer vermeintlichen Inzest-Vergewaltigung). Mit seiner im Titel annoncierten katholischen Symbolik war es jedenfalls ein passender Sieger für eine 69.Kinomostra, deren Konkurrenz ganz im Zeichen der Religion stand.

Dazu trug auch der Österreicher Ulrich Seidl bei, der für sein herausragendes, konzentriertes Kammerspiel „Paradies: Glaube“ den Spezialpreis der Jury erhielt – zum zweiten Mal nach 2001, als Seidl für „Hundstage“ am Lido prämiert worden war. Der ausgezeichnete zweite Teil von Seidls „Paradies“-Spielfilmtrilogie erzählt von einer mit der Wandermuttergottes missionierenden Katholikin (beeindruckend: Maria Hofstätter), deren Welt zerbricht, als ihr gelähmter muslimischer Gatte plötzlich zurückkehrt: Es beginnt ein religionsübergreifender Ehekrieg, der so absurd wie schmerzhaft verläuft.

Ulrich Seidl: Filmemacher zwischen Tabubrüchen und Preisen

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Seidl: keine Sorge ob Blasphemie-Anzeige

„Man kann sich nur gut fühlen, wenn man diesen Preis gewinnt“, kommentierte Seidl nach der Zeremonie, „noch dazu mit einem nicht ganz leichten Film.“ Dabei sorgte sein Werk – das erste ernst zu nehmende in einem Wettbewerb, der brauchte, um in die Gänge zu kommen – bei Pressevorführung wie Premiere für Applaus und Gelächter. Im Anschluss wurde der Filmemacher allerdings samt Hauptdarstellerin, Produktionsfirma und Filmfestival von einer ultrakonservativen katholischen Organisation wegen Blasphemie angezeigt. Insbesondere eine Szene, in der die erregte Protagonistin das Kruzifix liebkost und zu sich unter die Bettdecke holt, sorgte für Proteste. „Ich bin der Meinung, dass dabei nichts herauskommen wird“, sagte Seidl, der sich lieber freute, dass die Jury die Qualität des Films bestätigt habe.

Zuvor hatte es bei der Überreichung der Preise absurde Konfusion gegeben: Die Jury vertauschte Seidls Spezialpreis mit dem Silbernen Löwen für den besten Regisseur, der an US-Regisseur Paul Thomas Anderson für sein bombastisches Sektendrama „The Master“ ging. Dessen Crew weilte schon beim Filmfest Toronto, nur Darsteller Philip Seymour Hoffman – der sich die Coppa Volpi für den besten Schauspieler mit dem zweiten „Master“-Star Joaquin Phoenix teilte – kam zurück, um die Auszeichnungen entgegenzunehmen, und scherzte über sein zerknittertes Erscheinungsbild: „Ich habe diesen Anzug in der Toilette angezogen, also verurteilen Sie mich nicht.“ Amüsiert tauschte er mit Seidl auf der Bühne die jeweiligen Preise hin und her. Ohnehin herrschte Verwirrung, hatte Jurypräsident Michael Mann doch eingangs angekündigt, es werde pro Film nur einen Preis geben – dann gab es zwei Auszeichnungen für „The Master“ sowie den Italo-Beitrag „È stato il figlio“ (Technikpreis, Nachwuchsdarsteller).

Laut einem Insider-Bericht des „Hollywood Reporter“ lag dem eine Juryentscheidung zugrunde, die vom Reglement des Festivals bestimmt worden war: Ursprünglich wollte man „The Master“ den Goldenen Löwen, den Regiepreis und den Darstellerpreis geben – mehr als zwei Hauptpreise dürfen aber nicht sein. So ging ausgerechnet der wichtigste stattdessen an Kim Ki-duk, der es freilich sichtlich nicht krumm nahm, sondern sich vielmehr singend bedankte.

Unter den weiteren Auszeichnungen ist der Drehbuchpreis an den Franzosen Olivier Assayas für seine bemerkenswerte autobiografische Entwicklungsgeschichte „Apres Mai“ hervorzuheben, für die eindrucksvolle Komapatientinnen-Studie „Bella addormentata“ vom italienischen Veteranen Marco Bellocchio gab es nur den geteilten Nachwuchsdarstellerpreis. Andere Höhepunkte der Konkurrenz wie Harmony Korines „Spring Breakers“ und Takeshi Kitanos „Outrage Beyond“ gingen leer aus. Seidl indessen darf sich nicht nur gut fühlen, sondern zuversichtlich zum nächsten A-Festival blicken: Der letzte Teil seiner „Paradies“-Trilogie sollte bei der Berlinale laufen.

Die Preisträger von Venedig

Goldener Löwe: „Pieta“ von Kim Ki-duk.

Silberner Löwe für die beste Regie: Paul Thomas Anderson für „The Master“.

Spezialpreis der Jury: Ulrich Seidl für „Paradies: Glaube“.

Beste Darsteller: Philip Seymour Hoffman und Joaquin Phoenix für „The Master“.

Beste Aktrice:Hadas Yaron, „Fill the Void“.

Bestes Buch: Olivier Assayas, „Apres Mai“.

Technikpreis: Daniele Ciprì für die Kameraarbeit an seinem Film „È stato il figlio“.

Mastroianni-Preis für Nachwuchsdarsteller:
Fabrizio Falco für „Bella addormentata“ und „È stato il figlio“.

Hauptpreis des Zweitbewerbs „Orizzonti“:
„Three Sisters“ von Wang Bing.

Spezialpreis der Orizzonti-Jury: „Tango libre“ von Frédéric Fonteyne.

Bestes Debüt:„Küf (Mold)“ von Ali Aydin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2012)

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4 Kommentare
Gast: Peter Lackner
10.09.2012 09:27
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An no194

Richtig: Hinter Gitter mit diesem Ulrich Seidl!
Und - Bitte nicht vergessen: Zumindest einmal wöchentlich
den jeweiligen Mörder vom Sonntagabend-Krimi zur Anzeige bringen!!
Solche Künstler sind ja wirklich Todsünder...;-!

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Der Kulturschmäh dahinter

Der ORF produziert mit, sendet dann den Langweiler, der gänzlich ohne charismatische Schauspieler auskommt, irgendwann spät Nachts. Unter vorgehaltener Hand wird das dann auch bestätigt - in der Öffentlichkeit und auf Druck des gleichgeschalteten Feuilleton lässt man sich feiern. Das Publikum interessiert es sowieso nicht. Herr Seidl will natürlich nicht wirklich provozieren, ist sich aber bewußt, dass er ohne solche Themen kaum "festivaltauglich" wäre, und in Folge daher an die von uns allen finanzierten Fördertöpfe schwerer herankäme. So schafft man sich eine Nische, wird vom veröffentlichten Meinungs und Jury Biotop fast immer wahrgenommen und ...... genau, überlebt. Wie sagte schon der große Billy Wilder, als er gefragt wurde worum es eigentlich geht? " It's all about The next Job". Herr Seidl ist weder groß, noch populär ( wenn man vom Biothop- Journalismus mal absieht), aber die Erkenntnis wird sich sicher auch in seinem Unterbewußtsein eingebrannt haben.

Gast: vergilius
10.09.2012 06:06
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und der koran kommt ungeliebt davon?

der orf mischt natürlich bei einem solchen projekt kräftig mit. und selbstverständlich ist der film nicht "umstritten".

Gast: venezianisches
09.09.2012 19:26
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Meinungsvielfalt

Nach der Lektüre von Jelineks Kommentar ist zu Seidls Thematik alles klar. Sie weiss es-auf ihre Art. Er weiss es- auf seine Art. Hochgelobt sei die freie Meinungsäußerung.