Der Südkoreaner Kim Ki-duk erhielt am Samstag den Goldenen Löwen der Filmfestspiele Venedig für sein Drama „Pieta“ über einen Geldeintreiber, der in die Sinnkrise gerät, nachdem eine Frau behauptet, seine Mutter zu sein. Das in schludrigen Zooms schwelgende Opus des Südkoreaners galt als einer der Mitfavoriten, obwohl es viele Kritiker als verzweifelte Fortsetzung früherer Provokationen von Kim Ki-duk empfanden (es kulminiert in einer vermeintlichen Inzest-Vergewaltigung). Mit seiner im Titel annoncierten katholischen Symbolik war es jedenfalls ein passender Sieger für eine 69.Kinomostra, deren Konkurrenz ganz im Zeichen der Religion stand.
Dazu trug auch der Österreicher Ulrich Seidl bei, der für sein herausragendes, konzentriertes Kammerspiel „Paradies: Glaube“ den Spezialpreis der Jury erhielt – zum zweiten Mal nach 2001, als Seidl für „Hundstage“ am Lido prämiert worden war. Der ausgezeichnete zweite Teil von Seidls „Paradies“-Spielfilmtrilogie erzählt von einer mit der Wandermuttergottes missionierenden Katholikin (beeindruckend: Maria Hofstätter), deren Welt zerbricht, als ihr gelähmter muslimischer Gatte plötzlich zurückkehrt: Es beginnt ein religionsübergreifender Ehekrieg, der so absurd wie schmerzhaft verläuft.
Seidl: keine Sorge ob Blasphemie-Anzeige
„Man kann sich nur gut fühlen, wenn man diesen Preis gewinnt“, kommentierte Seidl nach der Zeremonie, „noch dazu mit einem nicht ganz leichten Film.“ Dabei sorgte sein Werk – das erste ernst zu nehmende in einem Wettbewerb, der brauchte, um in die Gänge zu kommen – bei Pressevorführung wie Premiere für Applaus und Gelächter. Im Anschluss wurde der Filmemacher allerdings samt Hauptdarstellerin, Produktionsfirma und Filmfestival von einer ultrakonservativen katholischen Organisation wegen Blasphemie angezeigt. Insbesondere eine Szene, in der die erregte Protagonistin das Kruzifix liebkost und zu sich unter die Bettdecke holt, sorgte für Proteste. „Ich bin der Meinung, dass dabei nichts herauskommen wird“, sagte Seidl, der sich lieber freute, dass die Jury die Qualität des Films bestätigt habe.
Zuvor hatte es bei der Überreichung der Preise absurde Konfusion gegeben: Die Jury vertauschte Seidls Spezialpreis mit dem Silbernen Löwen für den besten Regisseur, der an US-Regisseur Paul Thomas Anderson für sein bombastisches Sektendrama „The Master“ ging. Dessen Crew weilte schon beim Filmfest Toronto, nur Darsteller Philip Seymour Hoffman – der sich die Coppa Volpi für den besten Schauspieler mit dem zweiten „Master“-Star Joaquin Phoenix teilte – kam zurück, um die Auszeichnungen entgegenzunehmen, und scherzte über sein zerknittertes Erscheinungsbild: „Ich habe diesen Anzug in der Toilette angezogen, also verurteilen Sie mich nicht.“ Amüsiert tauschte er mit Seidl auf der Bühne die jeweiligen Preise hin und her. Ohnehin herrschte Verwirrung, hatte Jurypräsident Michael Mann doch eingangs angekündigt, es werde pro Film nur einen Preis geben – dann gab es zwei Auszeichnungen für „The Master“ sowie den Italo-Beitrag „È stato il figlio“ (Technikpreis, Nachwuchsdarsteller).
Laut einem Insider-Bericht des „Hollywood Reporter“ lag dem eine Juryentscheidung zugrunde, die vom Reglement des Festivals bestimmt worden war: Ursprünglich wollte man „The Master“ den Goldenen Löwen, den Regiepreis und den Darstellerpreis geben – mehr als zwei Hauptpreise dürfen aber nicht sein. So ging ausgerechnet der wichtigste stattdessen an Kim Ki-duk, der es freilich sichtlich nicht krumm nahm, sondern sich vielmehr singend bedankte.
Unter den weiteren Auszeichnungen ist der Drehbuchpreis an den Franzosen Olivier Assayas für seine bemerkenswerte autobiografische Entwicklungsgeschichte „Apres Mai“ hervorzuheben, für die eindrucksvolle Komapatientinnen-Studie „Bella addormentata“ vom italienischen Veteranen Marco Bellocchio gab es nur den geteilten Nachwuchsdarstellerpreis. Andere Höhepunkte der Konkurrenz wie Harmony Korines „Spring Breakers“ und Takeshi Kitanos „Outrage Beyond“ gingen leer aus. Seidl indessen darf sich nicht nur gut fühlen, sondern zuversichtlich zum nächsten A-Festival blicken: Der letzte Teil seiner „Paradies“-Trilogie sollte bei der Berlinale laufen.
Goldener Löwe: „Pieta“ von Kim Ki-duk.
Silberner Löwe für die beste Regie: Paul Thomas Anderson für „The Master“.
Spezialpreis der Jury: Ulrich Seidl für „Paradies: Glaube“.
Beste Darsteller: Philip Seymour Hoffman und Joaquin Phoenix für „The Master“.
Beste Aktrice:Hadas Yaron, „Fill the Void“.
Bestes Buch: Olivier Assayas, „Apres Mai“.
Technikpreis: Daniele Ciprì für die Kameraarbeit an seinem Film „È stato il figlio“.
Mastroianni-Preis für Nachwuchsdarsteller:
Fabrizio Falco für „Bella addormentata“ und „È stato il figlio“.
Hauptpreis des Zweitbewerbs „Orizzonti“:
„Three Sisters“ von Wang Bing.
Spezialpreis der Orizzonti-Jury: „Tango libre“ von Frédéric Fonteyne.
Bestes Debüt:„Küf (Mold)“ von Ali Aydin.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2012)
Ulrich Seidl: Filmemacher zwischen Tabubrüchen und Preisen
Filmfestspiele Venedig: No-Gos am roten Teppich
Filmfestspiele Venedig: Schwacher Start, starke Filme
Filmfestspiele Venedig: Spitzenlooks am Lido
Filmfestival Venedig 2012: Die besten Filme am Lido




Cannes 2013Die 20 Filme im Wettbewerb
Filmstarts der WocheDiamantenhandel mit Hader, Autorennen mit Vin Diesel 
''The Great Gatsby''Vom Scheitern eines Spektakels
Inge Morath''Menschen'' in der Galerie Leica
Ballett im BerghainKlassischer Tanz erobert den besten Club Berlins