Hier wird jeder ein Voyeur: François Ozons neuer Film

29.11.2012 | 18:33 |  EVA STEINDORFER (Die Presse)

Neu im Kino. "In ihrem Haus" - ein Spiel mit doppelten Böden.

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Es gibt Regisseure, bei denen ist ein Bild nur ein Bild. François Ozon aber liebt die Doppelung. Die Idee, die seine Kunst im Innersten zusammenhält, spiegelt sich in der Handlung, in der Beziehung der Charaktere zueinander. Ozons Neugier in „In ihrem Haus“ gilt einmal mehr dem kreativen Prozess und der Frage, was dieser aus den Menschen macht, die daran teilhaben.

Der frustrierte Lehrer Germain (Fabrice Luchini), abgestumpft von den espritlosen Aufsätzen seiner Schüler, gerät in den Bann eines literarischen Naturtalents. Sein Schüler Claude hat sich ein nicht ganz unheikles Thema ausgesucht: die Familie seines Klassenkameraden Rapha. Mit jedem Besuch in deren Haus gewährt er dem Lehrer neue Einblicke in die Psychologie dieser im Grunde kreuzbraven, geheimnislosen Mittelstandsfamilie. Seine Aufsätze, die von einem ironisch-distanzierten Ton getragen sind, beendet Claude mit einem verheißungsvollen „à suivre“ – Fortsetzung folgt.

 

„Duft einer Frau aus dem Mittelstand“

Jede neue Episode dieses Fortsetzungsromans entspinnt sich auf der Leinwand zum atemlosen Voice-over von Germain und der subtil antreibenden Orchestrierung von Phillipe Rombi. Aber je waghalsiger und respektloser das Spiel wird, das Claude mit dieser Familie treibt, desto mehr fragt sich der Zuseher, was er da eigentlich sieht. Ist die Familie, die gelangweilte Hausfrau Esther (Emmanuelle Seiger), der jovial-tölpelhafter Ehemann (Denis Ménochet) und deren naiver Sohn mit dem Schafsblick (Bastien Ughetto) tatsächlich so, wie man sie zu sehen bekommt? Gerät ihre Welt wirklich durch die Interventionen von Claude langsam aus den Fugen? Kann es real sein, dass der 16-jährige Claude mit der arglosen Esther anbandelt, deren „spezieller Duft einer Frau aus dem Mittelstand“ ihn betört? Oder entspringen die Bilder nur der Vorstellungswelt von Claude, der von seinem Lehrer zu immer neuen Höhenflügen und dramatischen Wendungen („Ein Roman braucht den Konflikt!“) angestachelt wird. Wie schon in „Swimmingpool“ spielt Ozon hier mit doppelten und dreifachen Böden und stößt denjenigen, der seine Kunst konsumiert, darauf, dass er genauso die Rolle eines Voyeurs einnimmt wie Germain und Claude. Das tut Ozon aber mit leichter Hand und nicht mit der Keule, die etwa Michael Haneke dem Zuseher gern in den Magen rammt.

Ozon zeigt, dass jeder, der sich auf den kreativen Prozess einlässt, rücksichtslos zu sich selbst und anderen sein muss. Jedenfalls in Gedanken, um die Grenzen des Möglichen auszuloten. Letztlich werden der Schaffende und der am Schaffensprozess Teilhabende von der Kunst tiefgreifend verwandelt. Das passiert auch Germain, der in Beruf und Ehe in eine Krise schlittert. (Nebenbei liefert Ozon eine etwas seichte Satire auf den Kunstbetrieb, indem er als Ehefrau und mittelmäßige Galeristin Kristin Scott Thomas mit aus Penissen arrangierten Hakenkreuzen und Hitler-Aufblaspuppen hantieren lässt.)

Manchmal verweilt der Film etwas zu nonchalant an der Oberfläche, doch das wird durch das geglückte Zusammenspiel zwischen Fabrice Luchini und dem Newcomer Ernst Umhauer wettgemacht. Allein das Mienenspiel von Luchini in der Schlussszene ist so wunderbar, dass man dem Film sein manchmal etwas zu plakatives Spiel mit Realität und Fiktion sofort verzeiht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2012)

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