Krisenkino: Quo vadis, USA?

15.12.2012 | 18:25 |  von Christoph Huber (Die Presse)

Die Oscar-Favoriten zeigen die Selbstsuche einer Nation als problematischen Prozess: Die Jagd nach bin Laden in "Zero Dark Thirty", die Abschaffung der Sklaverei in "Lincoln".

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Ist der Osama-Film in Wirklichkeit ein Obama-Film? Das behaupteten die Republikaner im heurigen US-Wahlkampffieber zum anstehenden Kinostart von Kathryn Bigelows „Zero Dark Thirty“ über die Jagd nach Osama bin Laden: Die den Demokraten nahestehende Oscar-Gewinnerin wolle den großen Triumph der ersten Amtszeit von Präsident Obama auf der Leinwand verherrlichen.

Damit nicht genug: Ausgerechnet einer von Hollywoods Vorzeige-Demokraten, Steven Spielberg, präsentierte daneben seinen Film über den bis heute populärsten Republikaner, Abraham Lincoln. Wie bei Obama begann dessen Laufbahn zum Präsidenten als Anwalt in Illinois – man fürchtete, der bekennende Obama-Fan Spielberg wolle mit „Lincoln“ den gegenwärtigen Staatenlenker von der Aura seines großen Vorgängers profitieren lassen.

Doch wie so oft haben die im Vorfeld (und in Unkenntnis der Werke) angeheizten Aufregerdebatten mit den Resultaten herzlich wenig zu tun: Obama-Filme sind beide – aber nur als Stellungnahmen zur Lage der Nation.


Richtiges Timing. Direkte Unterstützung des inzwischen wiedergewählten Präsidenten oder seiner Politik wird man darin vergeblich suchen. Es sind detaillierte Schilderungen problematischer Prozesse, die für das US-Selbstverständnis entscheidend sind. Die offensichtliche thematische (Be-)Deutungshoheit dürfte ein Grund sein, warum diese eigentlich gar nicht so kommerziellen Filme nun in einer anderen, eher populistischen Wahl eine entscheidende Rolle spielen: als große Oscar-Favoriten. Mit seinem Entertainer-Instinkt behielt Spielberg recht, als er meinte, das „Timing sei genau richtig“ für den „Lincoln“-Starttermin drei Tage nach der Präsidentschaftswahl. Keine Kontroversen über Wahlbeeinflussung: Warum nicht vielmehr den Film von der politisierten Stimmung rund um die Wahlen profitieren lassen? Er hebt sich wie „Zero Dark Thirty“ aber wirklich ab vom „politischen“ Kino Hollywoods, das meist Thesenpapier-Auseinandersetzungen zum Mitnicken für bereits einschlägig Überzeugte meint.

Beide Filme lassen Verunsicherung spüren: Spiegelflächen aktueller Krisenzeiten, in der Produktion wohl verschärft vom ungewissen Ausgang der anstehenden Wahlen. Besonders vielsagend ist der Brennpunkt von Spielbergs vermeintlicher Filmbiografie: Es geht nur um Lincolns letzte Monate, dabei fast exklusiv um die rechtzeitige Durchsetzung des „13th Amendment“, jenes Zusatzartikels zur Verfassung, mit dem die Sklaverei im Gesamtgebiet der USA abgeschafft wurde. Was vor Bürgerkriegsende mit Kompromissen und Versprechungen erkauft werden muss.


Lichtgestalt Lincoln. Im Schwerpunkt mag man Parallelen zur mühsamen Installation des „Obamacare“-Gesundheitspakets sehen, ergeben hat er sich erst im Lauf der Arbeit: Das erste Drehbuch von Autor Tony Kushner war viel zu lang, Spielberg sah im Spannungsbogen um den Gesetzesbeschluss die ideale Filmbasis. Ein seriöses Kammerspiel ohne seine üblichen Kitschtendenzen: 150 Minuten Debatten, Finten und Weisheiten von Lincoln. Daniel Day-Lewis spielt ihn möglichst historisch und auffällig virtuos, beides passt zum weihevollen Ton: Lichtumkränzt in finstren Räumen tut Lincoln alles für sein Land und dessen Zukunft – ganz egal, was ihm persönlich lieber wäre.

Spielberg kann sich jedoch nur begrenzt zurückhalten. „Lincoln“ beginnt wie eine Selbstparodie: Soldaten rezitieren nach einer Schlacht dem väterlich lauschenden Präsidenten seine berühmte Gettysburg Address, als wäre sie schon auf dem Schullehrplan. Am Ende zeigt Spielberg Lincolns Ermordung nicht, spart aber nicht am Sentiment. Er will halt den definitiven Film zum Thema machen, und hat gerade eine John-Ford-Phase: In „War Horse“ triefte sein Tribut an die Hollywood-Regielegende vor Americana-Kitsch, jetzt antwortet er auf Fords Meisterwerk „Young Mr. Lincoln“. Den spielte Henry Fonda 1939 als Mensch auf dem Weg zum Mythos. Bei Spielberg ist der Mythos längst zementiert, er bekommt nur ein menschliches Antlitz: Das bietet Rückversicherung, während die Werte und die Bedeutung von Demokratie zur Debatte gestellt werden. Wie die Abschaffung der Sklaverei durchgesetzt wird, mag dabei problematische Aspekte aufwerfen – die Zustimmung zum Ausgang ist jedoch garantiert.


Zwiespältige Zurückhaltung. Das gilt auch für „Zero Dark Thirty“, wiewohl Kathryn Bigelow nüchterner bleibt. Nach dem Oscar für den Irak-Kriegsfilm „The Hurt Locker“ plante sie mit ihrem Drehbuchautor Mark Boal ein Pendant dazu: einen Film über die gescheiterte Aktion gegen Osama bin Laden in den Höhlen von Tora Bora nach 9/11. Dann wurde bin Laden 2011 in Abbottabad von Navy Seals erschossen. Entsprechend episch fiel die Revision aus: „Zero Dark Thirty“ umspannt eine Dekade – von 9/11-Telefonbotschaften über schwarzem Bild bis zur Echtzeit-Rekonstruktion der Abbottabad-Attacke in Nachtsichtgerätoptik mit pseudodokumentarischen Manöverbewegungen statt Adrenalin-Action à la Bigelow.

Am Anfang steht auch eine gut vierzigminütige Konfrontation: Trocken werden die Foltern geschildert, denen die ungewöhnliche Protagonistin Maya (Jessica Chastain) beiwohnt. Sie basiert auf der CIA-Frau, die tatsächlich treibende Kraft hinter der Bin-Laden-Operation war: Bigelow und der versierte Rechercheur Boal sehen ihren Film als inhärent „apolitische“ Reportage in fiktionaler Form. So bleibt vieles zwiespältig – die Folter führt zwar zu Aussagen, aber von zweifelhaftem Wert. Eindeutig ist nur die Obsession Mayas, der Bigelow 157 Minuten lang durch Serien von Rückschlägen und verbissenen taktischen Manövern folgt.

Der Regimewechsel von Bush zu Obama ist dabei ironischerweise so gut wie egal. Bigelows demonstrative Zurückhaltung untermauert ebenfalls den Anspruch, etwas Endgültiges zu schaffen: eine Chronik der (zeitweise aus dem Ruder) laufenden Ereignisse. Die untypische Heldin hat etwas vom ursprünglichen, umfassenden „Yes, we can“-Flair Obamas. Triumphgefühle gibt es trotzdem keine. Nach erfüllter Aufgabe sitzt die US-Individualistin allein im Riesenbauch eines Transportflugzeugs und weiß auf die Frage, wohin es nun gehen soll, keine Antwort. Sondern sie weint. Vielleicht über das, was „Lincoln“ und „Zero Dark Thirty“ ihre Nation fragen: Quo vadis, USA?

Rennen um den Oscar

„Zero Dark Thirty“von Kathryn Bigelow hat diese Woche vier Nominierungen bei den Golden Globes in den wichtigsten Kategorien erhalten: Film, Regie, Buch, Hauptdarstellerin. Zudem ist Bigelows Epos von den meisten Kritikervereinigungen der USA zum besten Film gewählt worden, damit ein absoluter Oscar-Favorit. Österreich-Start ist am 1. Februar 2013.

„Lincoln“ von Steven Spielberg ist der andere Oscar-Favorit. Bei den Golden Globes hat er die meisten Nominierungen: sieben, davon vier in den Hauptkategorien. Österreich-Start ist am 25. Jänner 2013.

Die Oscars werden am 24. Februar 2013 vergeben, bereits am 10. Jänner werden die Nominierungen annonciert. Ebenfalls hoch im Kurs stehen Quentin Tarantinos „Django Unchained“ und Ang Lees „Life of Pi“. Beim besten fremdsprachigen Film ist der Österreicher Michael Haneke für seinen Film „Amour“ im Favoritenkreis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2012)

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