Sabin Tambrea: Unaufgeregtes Spiel

20.12.2012 | 16:43 |  von Bettina Aust (Die Presse - Schaufenster)

Als er noch Geige spielte, fiel Tambrea vor Auftritten aufregungsbedingt in Ohnmacht. Dann wechselte er ins Schauspielfach und feiert nun seinen Durchbruch in Neuschwanstein.

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Bisher hat sich Sabin Tambrea vor allem einen Namen auf deutschen Theaterbühnen gemacht. Nun spielt der in Rumänien geborene und im deutschen Hagen aufgewachsene 27-Jährige die Hauptrolle in dem opulenten Historiendrama "Ludwig II.". 370 Kandidaten hatten sich für die Rolle des bayerischen "Märchenkönigs" beworben, die Wahl fiel auf Tambrea, Absolvent der Berliner Busch-Schauspielschule.

Wann haben Sie Ludwig II. erstmals bewusst wahrgenommen?

Ich war damals zwölf Jahre alt und hatte mir von meinen Eltern ein Computerspiel gewünscht. Doch die schenkten mir ein 1000-Teile- Puzzle mit Schloss Neuschwanstein als Motiv. Es lag eine Zeit lang auf dem Tisch, ich habe es nie zu Ende gebracht. Da erging es mir wie Ludwig, der hat Neuschwanstein ja auch nicht ganz fertiggestellt.

Warum haben Sie als Newcomer diese wichtige Rolle bekommen?

Die Produktionsfirma hat einen Casting-Aufruf an jede Schauspielschule und alle Agenturen geschickt. Es wurde ein Darsteller gesucht, der größer als 1, 90 Meter und jünger als 30 Jahre ist. Außerdem sollte er reiten und Französisch sprechen können. Ich konnte nur die Körpergröße und das Alter bieten.

Sie haben gelogen, als Sie gefragt wurden, ob Sie reiten können?

Nein. Ich habe gesagt, ich kann reiten, aber ich muss es noch lernen. Und das habe ich dann gemacht: vier Monate lang, viermal in der Woche, jeweils vier Stunden. Man muss ja nicht übertreiben . . . (lacht). Und mein Französisch habe ich auch ein bisschen aufpoliert.

(c) Bavaria Pictures / Stefan Falke

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Auch Helmut Berger gehört zu den berühmten Darstellern von Ludwig II. Wie unterscheidet sich Ihr Ludwig von seinem?

Wir haben versucht, dem überforderten, fühlenden Menschen nahezukommen, Ludwig für unsere Zeit zu übersetzen. Ich habe großen Respekt vor O. W. Fischers und Helmut Bergers Interpretationen.

Sie werden an Ihren berühmten Vorgängern gemessen werden.

Ich habe eine Chance bekommen und die habe ich hoffentlich genutzt. Es haben sich viele Leute Gedanken gemacht, ob sie mich besetzen sollen. Ich habe darauf vertraut, dass ich in diesem Fall nicht die größte Fehlbesetzung bin.

Hatten Sie manchmal ein mulmiges Gefühl?

Da war ich wie Ludwig und habe mich ganz auf die Kunst konzentriert.

Sie sind in Rumänien geboren und mit zwei Jahren nach Deutschland gekommen. Sprechen Sie die Sprache Ihrer Eltern?

Ja, aber mit deutschem Akzent. Seit 1986 leben wir hier. Mein Vater ist 1985 auf einer Konzertreise geflohen und hat mich, meine Mutter und meine Schwester nach zwei Jahren zu sich holen können. Meine Familie und ich konnten erst wieder nach dem Tod des kommunistischen Diktators Ceauşescu das Land besuchen.

Ihre Eltern sind beide Musiker, auch Sie haben früh angefangen, Geige zu spielen. Wie gut beherrschen Sie dieses Instrument?

Ich war vier Jahre alt, als ich anfing, auf der Geige zu üben. Wir sind eine sehr musikalische Familie, alle spielen Geige. Ich habe als Kind auch bei den „Jugend musiziert"-Wettbewerben mitgespielt und war recht erfolgreich. Als ich später den Wunsch hatte, Dirigent zu werden, habe ich das Klavierspielen gelernt und Unterricht in Harmonielehre genommen. Musik ist meine zweite Muttersprache.

Warum haben Sie sich gegen eine Musikerkarriere entschieden?

Als Junge war ich immer sehr erstaunt, dass so viele Menschen zugucken, wenn ich auf der Bühne stand und Geige spielte. Mir war dabei unwohl. Als Geiger ist man auf die Reflexe in seiner Hand angewiesen, wenn aber der zweite Finger versehentlich mal zu tief greift, dann ist das als Musiker ein Defizit. Deshalb wurde ich manchmal ohnmächtig vor meinem Auftritt oder danach. Deswegen hat mich meine Mutter auch in den Kinderchor ins Theater Hagen geschickt, damit ich mich an die Situation auf der Bühne gewöhne. Das habe ich auch gut geschafft, aber ohne Geige.

Wie fanden Sie den Weg vom Kinderchor zum Schauspiel?

Einer der Schauspieler am Theater Hagen hatte die Idee, ein Jugendtheater zu eröffnen. Und ich gehörte mit zu den Gründungsmitgliedern. Dort habe ich jahrelang gespielt, bis ich an der Schauspielschule Ernst-Busch in Berlin aufgenommen wurde.

Wie gehen Sie heute mit Lampenfieber um?

Lampenfieber habe ich nicht mehr. Kurz vor einem großen Auftritt im Theater werde ich immer sehr still und konzentriert, denn ich will der Aufgabe gerecht werden, die man mir anvertraut hat.

Gibt es Parallelen zwischen Ihnen und Ludwig?

Es ist mein Engagement für die Kunst. Ich bin jemand, der sich künstlerisch verschwendet, um daraus neue Kraft zu schöpfen.

Können Sie Ludwigs Begeisterung für Richard Wagner teilen?

Wagners Musik habe ich mit fünfzehn Jahren kennengelernt, als ich Dirigent werden wollte. Im Dirigierunterricht habe ich mir damals „Tristan und Isolde" vorgenommen. Da habe ich zum ersten Mal begriffen, was diese Musik für eine Macht hat. Wagners Musik lässt sich sehr unterschiedlich interpretieren, das macht sie gefährlich. Ich höre Wagner oft vor dem Einschlafen, aber dann nicht die ganze Oper, sondern nur Extrakte.

Wagner beruhigt Sie also?

Musik beruhigt mich immer. Das ist wie Atmen. Musik kann jeden Zustand haben, ich fühle mich immer geborgen, wenn ich sie höre. Egal, was es ist.

Ludwig II. liebte Luxus. Was bedeutet Luxus für Sie?

Ludwigs Luxus war die Inszenierung, um etwas zu kompensieren, was er seit frühester Kindheit vermisste. Doch im Gegensatz zu Ludwig habe ich von klein auf die Liebe und Geborgenheit meiner Eltern erfahren. Wenn ich mir anschaue, unter welchen Umständen einige meiner Freunde aufwachsen müssen, dann ist meine Familie für mich unbezahlbarer Luxus. Und den genieße ich.

Was ist die größte Extravaganz, die Sie sich je geleistet haben?

Tut mir leid, ich kann nur mit einem alten Auto dienen. Ein VW Fox, den habe ich sehr günstig gebraucht gekauft. Im Gegensatz zu Ludwig sind mein Auto und ich sehr sparsam.

Auch Ludwig strebte nach der erfüllenden großen Liebe, doch er hat sie entweder nie gefunden oder nicht gelebt. Wie ist der Zustand Ihres Herzens?

Ich bin ein Mensch, der zur Liebe fähig ist.

TIPP
„Ludwig II.“ von Marie Noelle, Peter Sehr mit Gedeon Burkhard, Uwe Ochsenknecht, Katharina Thalbach und anderen läuft am 26. 12. in Österreich an.

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