Dokumentation: Das wahre Märchen vom "Sugar Man"

30.12.2012 | 18:30 |  SAMIR H.KÖCK (Die Presse)

Der Star auf der Baustelle: "Searching For Sugar Man" erzählt die Geschichte vom späten Comeback des amerikanischen Singer-Songwriters Sixto Rodriguez. Im Gartenbaukino und im Filmcasino.

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Sein berühmtestes Lied heißt „Sugar Man“. Es handelt von den Verführungskünsten eines Dealers, der in den dunklen Gassen Detroits als „Volkswagen-Frank“ bekannt gewesen ist. David Holmes und vor allem Paolo Nutini coverten es superb. Am eindrucksvollsten ist jedoch immer noch die Originalversion des heute 70-jährigen Sixto Rodriguez. Er intoniert das mit flirrenden, psychedelischen Effekten gewürzte Lied mit erstaunlicher Dringlichkeit.

Rätselhaft, warum er mit seinen 1970 und 1971 aufgenommenen Alben keinen Erfolg hatte. Er wandte sich vielleicht ein wenig zu rasch von der Musik ab. Jahrzehntelang riss er Häuser nieder und renovierte Wohnungen. Dass er eigentlich Musiker ist, davon ahnte keiner seiner Arbeitskollegen etwas. Im Film erinnern sie sich vor allem an dessen erstaunliches Arbeitsethos: „Er hat die Arbeit als eine Art Sakrament aufgefasst. Wann immer etwas besonders Unangenehmes anstand, war er in vorderster Reihe zu finden.“ Der schwedische Regisseur Malik Bendjelloul hat nun die unglaubliche Lebensgeschichte dieses zunächst kommerziell gescheiterten Künstlers gefühlvoll in Szene gesetzt. Mit eindringlichen Bildern, die durch Trickfilmsequenzen und Zeichnungen ergänzt werden, entrollt er eine Story, die für jede Fiktion zu kühn wäre.

Der Film beginnt in Südafrika. Er erzählt zunächst aus der Perspektive jener, die für Rodriguez' weltweite Wiederentdeckung verantwortlich sind. Ihre Suche dauerte ein paar Jahre lang. Am Ende spürte man den lange Zeit Totgeglaubten in Detroit auf. Eine von Rodriguez' drei Töchtern hatte höchst erstaunt das Konterfei des Vaters auf ihrem Frühstücksmilch-Tetrapack entdeckt. (Das ist eine in den USA übliche Methode, nach Abgängigen zu suchen.) Kontakte wurden ausgetauscht, und bald fragte eine Stimme aus Übersee, ob Rodriguez denn wisse, dass er im Land am Kap der Guten Hoffnung größer als Elvis und die Rolling Stones sei...

Der Anrufer erzählte weiter von den Gerüchten, dass Rodriguez einen spektakulären Rock-'n'-Roll-Tod gestorben sei. Konsequenz dieses Anrufs war eines der spektakulärsten Comebacks der Popgeschichte. Nicht weniger als 5000 fanatische Fans waren zum späten Debütkonzert auf südafrikanischem Boden gekommen. Die Bilder von diesem spektakulären Konzert sind rechtschaffen verwackelt. Kein Wunder, sie stammen von einer der Töchter des Künstlers. Die Ovationen waren überwältigend.

Circa eine halbe Million Alben verkaufte Rodriguez im kleinen Südafrika, ohne die leiseste Ahnung davon zu haben. Geld gab es ja für ihn keines. Seine Tantiemen versickerten bei Clarence Avant, dem Chef seines Plattenlabels Sussex. Die spannungsgeladene Begegnung von Regisseur Bendjelloul und Avant gehört zu den intensivsten Momenten des Films.

 

In der Luxussuite schläft er auf dem Sofa

Ausgiebig zu Wort kommen auch die südafrikanischen Musiker und Radioleute, für die Lieder wie „I Wonder“ die entscheidenden Reize zur Revolte gegen das Apartheidregime gaben. Die renommierten Produzenten der Originalalben, Steve Rowland und der Motown-Funk-Gitarrist und Rodriguez-Entdecker Dennis Coffey, erzählen Launiges. Der unerwartete Erfolg freut sie immens. Das Leben von Rodriguez hat er nur zum Teil verändert. Er tritt zwar weltweit wieder auf, hat aber seine alten Knochenjobs nicht aufgegeben. Ob das Starleben für ihn beglückender gewesen wäre, will er nicht erörtern. Sein bescheidener Lebensstil spricht für sich. Buchen ihm Konzertveranstalter eine Luxussuite, so schläft er auf dem Sofa. Er mag nicht, wenn andere sein Bett machen müssen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2012)

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