Kino: Killerwal und Körpersäfte

06.01.2013 | 18:40 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

"Der Geschmack von Rost und Knochen". Marion Cotillard verliert ihre Beine - und findet neuen Lebenswillen. Rohe Sentimentalität von Jacques Audiard. Ab Freitag.

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Der Schwertwal hat es nicht leicht im Kino: In den 1970ern zeigten ihn Filme mit Titeln wie „Orca, der Killerwal“ im Gefolge von „Der weiße Hai“ als grausame Bestie der Meere mit gnadenlosem Rachedrang am Menschen. Zwar steht der Orca an der Spitze der Nahrungspyramide seines Ökosystems – seine brutal wirkenden Jagdmethoden haben für den Beinamen Killerwal gesorgt: Er gilt als Spitzenprädator der Ozeane. Aber in freier Wildbahn gilt er als ungefährlich für den Menschen: Mit dem weltweiten Kinderkinohit „Free Willy“ über die Freundschaft zwischen einem Buben und einem Orca schien der Schwertwal in den 1990ern eigentlich filmisch rehabilitiert.

Doch in Jacques Audiards „Der Geschmack von Rost und Knochen“, letztes Jahr im Wettbewerb von Cannes vorgestellt, verstümmelt der Killerwal wieder Menschen – in diesem Fall eine junge Frau namens Stéphanie, gespielt von der hübschen französischen Star-Aktrice Marion Cotillard. Immerhin entbehrt das nicht einer faktischen Grundlage: In Marineparks gehaltene Orcas haben tatsächlich immer wieder ihre Trainer attackiert. Im Film bleibt jedoch unklar, was genau passiert, als Stéphanie ihre Beine verliert: Audiard setzt auf eine impressionistische Schnittfolge mit Walsprung-Donnerwetter und Unterwasser-Todesstille, bevor die Heldin wieder zu sich kommt und nach ihren Beinen schreit wie einst Ronald Reagan als Amputierter in seiner Lieblingsrolle im abgründigen Hollywood-Drama „King's Row“ (1942): „Where's the rest of me?“

Entschieden weniger abgründig folgt Audiards Film einer bewährten Hollywoodformel: Eine schrecklich Versehrte lernt wieder zu leben. Die Originalität soll mit ungeschminkten Milieubildern kommen und unzugänglichen Figuren: Beim Kickboxer Ali (Matthias Schonaerts) findet Stéphanie Halt. Sie versteht, dass sie dessen Mitleidlosigkeit braucht: Ali ist ein roher Typ, der mit jeder ins Bett springt (und das beim Sex garantiert läutende Handy abhebt). Abgesehen vom Rausch illegaler Kämpfe – wie der Killerwalunfall in einem gleichermaßen manierierten wie ungeformten Stil präsentiert – kümmert er sich um seinen kleinen Sohn, was in letzter Minute für eine wundersame Persönlichkeitswandlung sorgt, melodramatisch wie aus einem Stummfilm von D. W. Griffith.

 

Glaubhaft: Digital wegretuschierte Beine

Die Schauspieler machen ihre Sache gut, auch die digitale Retusche, die für Cotillards glaubhafte Beinlosigkeit sorgt. Audiard jedoch lässt einen nie vergessen, dass es seine Show ist. Als Kolportage-Kompendium ist die Handlung eigentlich lächerlich überzogen, was die mehr aufdringlich als authentisch „ungeschönte“ Ästhetik zwischen Konfrontationen und Körpersäften vergessen lassen soll. Reicht das nicht, packt Audiard noch Überwältigungsmusik von Katy Perry bis Bruce Springsteen drauf: Der Herzschlag des Films ist Videoclip-Sentimentalität.

Zur Person

Regisseur Jacques Audiard (*1952, Paris) ist der Sohn des enorm erfolgreichen Drehbuchautors Michel Audiard. Jacques begann auch als Autor, schrieb u.a. mit seinem Vater 1983 den Krimi „Das Auge“. 1994 debütierte er als Regisseur mit dem Gangsterfilm „Wenn Männer fallen“ (mit Jean-Louis Trintignant), sein Gefängnisdrama „Ein Prophet“ (2009) wurde mehrfach international preisgekrönt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2013)

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