80 Jahre Widerstand: Kinotag für Jubilar Jean-Marie Straub

06.01.2013 | 18:41 |   (Die Presse)

Viennale und Stadtkino würdigen den radikalen Regisseur zum 80er am Dienstag mit einer Filmauswahl . Eintritt frei.

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Dass Jean-Marie Straub und Danièle Huillet ihre Kafka-Verfilmung schlicht „Klassenverhältnisse“ nannten, sagt eigentlich schon alles: Mit gewohnter Werktreue adaptierten sie 1983 Kafkas „Amerika“-Fragment, verzichteten dabei auf alles „kafkaeske“ Brimborium, das üblicherweise Verfilmungen dieses Autors zeichnet. Kein Albtraum-Surrealismus, sondern knallharter Materialismus – die Beschreibung der gesellschaftlichen Verhältnisse ist beunruhigend genug. Mit der bekannten Vorlage und bestechenden Schwarz-Weiß-Bildern ist „Klassenverhältnisse“ ein idealer Einstiegsfilm in das radikale Werk von Straub/Huillet. Um 21 Uhr beschließen damit morgen, Dienstag, das Wiener Stadtkino und die Viennale eine Würdigung zum 80. Geburtstag des großen Regie-Einzelgängers.

 

Von Anfang an gab es Kontroversen

Genau genommen war es ein Duett: 2006 ist Straubs Partnerin Huillet verstorben. Kontroversen war das Duo von Anfang an gewohnt: Ihr asketischer Zugang zum Kino – Verfremdungseffekt-Deklamationen von Laiendarstellern, klare Bilder, jede Kamerabewegung hart erkämpft – wurde erst als dilettantisch abgetan. Sie begannen mit Adaptionen von Heinrich Böll: „Machorka-Muff“ (1963) und „Nicht versöhnt“ (1965, nach „Billard um halbzehn“) haben über die Jahre nur an Größe gewonnen, bei der Premiere wurden sie verlacht, der Schriftsteller protestierte. Aber bald fanden sich Fürsprecher wie Jean-Luc Godard: Straub/Huillet wurden zu Zentralfiguren der Kinoaufbrüche der 60er. Die ganz zur Versenkung in die Musik einladende „Chronik der Anna Magdalena Bach“ belegte 1967 die Schlüssigkeit ihres reduzierten Ansatzes.

Die Kompromisslosigkeit von Straubs Kino spaltet bis heute: Es verlangt Anstrengung, sich in seine strengen Kompositionen zu versenken. Der Lohn ist eine erweiterte Wahrnehmung der Wirklichkeit. Nicht nur im ästhetischen, auch im politischen Widerstandsgeist ist kaum jemand so konsequent wie Straub/Huillet vorgegangen. Das lässt sich im Stadtkino etwa um 19 Uhr anhand von „Sicilia!“ (1998, nach Elio Vittorini) überprüfen: Es ist einer der zugänglichsten Filme des Paars, zugleich nüchtern und verspielt, eine Übung in Geschichte – im Sinne der Erzählung wie der italienischen Nachkriegshistorie. hub

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2013)

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