Italokino: Die wiedergefundene Zeit

Ab heute widmet sich das Jännerprogramm zwei lange übergangenen Meistern des Existenziellen: Antonio Pietrangeli war ein König der komischen Melancholie, Valerio Zurlini der Poet der Ewigkeit.

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(C) Österreichisches Filmmuseum

Zwei international lange vernachlässigte Meister des italienischen Kinos werden im Österreichischen Filmmuseum mit einer Doppelretrospektive gewürdigt: Valerio Zurlini und Antonio Pietrangeli, zwei geniale Einzelgänger des Nachkriegskinos, überschattet von immer wieder gefeierten Klassikern wie Antonioni, Pasolini oder Fellini. Der fast traditionelle Jahresbeginn im Filmmuseum mit Italoprogrammen ist auch deshalb so willkommen, weil er den viel größeren Reichtum einer Kinonation verdeutlicht, die jahrzehntelang an der Weltspitze mitgemischt hat: Das zeigten zuletzt etwa Reihen zur Commedia all'italiana und ihrem Maestro Dino Risi oder zum populären Epiker Giuseppe Di Santis („Bitterer Reis“) und seinen zornigen Meisterschüler Elio Petri.

Bei Valerio Zurlini und Antonio Pietrangeli ist die Verbindung weniger direkt. Nachdem Pietrangeli kurz vor seinem 50. Geburtstag 1968 am Ende von Dreharbeiten ertrank, wurde sein letzter Film „Como, quando, perchè“ („Wie, wann, warum“, 1969) von Zurlini vollendet. Der machte danach selbst nur mehr zwei Kinofilme, bevor auch er unverhältnismäßig jung (1982, mit 56 Jahren) starb. Dass beider Werke so schmal sind, hat sicher zu ihrer Vernachlässigung beigetragen; dabei kommt wenig ihren exquisiten, existenzialistischen Visionen gleich – was verspätet weltweite Anerkennung brachte.

 

Pietrangelis Spiegelbilder der Gesellschaft

Etwa für Pietrangelis „Io la conoscevo bene“ (1965): Der Titel „Ich habe sie gut gekannt“ bezieht sich auf ein Landmädchen (Stefania Sandrelli), das nach Rim gekommen ist, um am boom, an Italiens Wirtschaftswunder-Illusion, teilzuhaben und ein Star zu werden. Stattdessen wird sie als Sandalenfilm-Statistin abgespeist und von Männern ausgenutzt. Bezeichnenderweise lässt der Film ihre Geschichte von den anderen erzählen – nach ihrem Freitod: Spiegelbild einer (Männer-)Gesellschaft, die Frauen prinzipiell zähmt.

Ein Pietrangeli-Leitmotiv: Die so resolut daherkommende Simone Signoret als Puffmutter in „Adua e le compagne“ („Adua und ihre Gefährtinnen, 1960) versucht den Neuanfang mit ihren Mädchen (u.a. Emmanuelle Riva) als Trattoria-Betreiberinnen. Dem sozialen Druck, dem Gefängnis der früheren Existenz dürfen sie aber nicht entkommen. Bei aller heiteren Einlagen: Pietrangeli prägt Melancholie. Formvollendet demonstriert im Meisterwerk „La visita“ („Der Besuch“, 1963): Eine Kontaktanzeige führt einen Römer zu einer Frau aufs Land. Gegensätze sorgen für zwerchfellerschütternde commedia – inklusive Mario Adorf als Halli-Galli-Streuner namens „Cucaracha“ und Streitgespräche mit einem Papagei. Doch dahinter steckt ein unerbittliches Wissen um die Einsamkeit und die nicht abzuschüttelnde Macht der Vergangenheit: Neben Blake Edwards' „The Party“ mit Peter Sellers ist „La visita“ einer der lustigsten Filme vom Grauen der Existenz.

Pietrangeli blieb gern nahe an Genres: Schon der Kurzfilm „Girandola 1910“ (1954) machte eine Wirbelwindfarce aus alltäglichem Betrug, privat wie in der ganzen Gesellschaft, typisch italienisch diagnostiziert als „la classica dilemma cornuto“ – in Pietrangelis Theaterverfilmung „Il grande cornuto“ („Der große Hahnrei“, 1964) wird Ugo Tognazzi dann von seinen Visionen der untreuen Gattin erschüttert: Ein Boulevardklassiker erhält tragische Dimensionen.

 

Zurlini brauchte Zeit – und erzählte sie

Zurlini dagegen dachte in Dimensionen, die Maßstäbe sprengen: Trotz früher Erfolge wie dem Venedig-Sieg des sozialbewussten Dramas „Cronaca familiare“ („Tagebuch eines Sünders“, 1962) mit Marcello Mastroianni sorgte seine Akribie für Probleme. Er brauchte Zeit, und er erzählte sie. Ob als Schicksal von Patrice Lumumba als Passion unter Söldnern in „Seduto alla sua destra“ („Töten war ihr Job“, 1968) oder als definitive, doch vieldeutige Allegorie im Abschiedswerk „Il deserto dei tatari“ („Die Tatarenwüste“, 1976).

Dieses heimliche Monument des Weltkinos ist zugleich Verkehrung und Vollendung des Abenteuerfilmgenres: Eine ganze Reihe Stars (von Vittorio Gassmann bis Jean-Louis Trintignant) verbringt darin die Zeit auf dem Außenposten des Imperiums mit wahnsinnig machendem Warten am Ende der Welt. Immer bereit für einen Feind, der nie kommt.

Hinter ihrem Fort sind nur die Wüste – und „das Nichts“: Zeit vergeht wie in einer Sanduhr, der wahre Hauptdarsteller ist der Schauplatz, die (mittlerweile von Erdbeben ruinierte) persische Bam-Zitadelle. Inmitten des geradezu urzeitlich anmutenden Bauwerks wirken die mit der Vergeblichkeit ringenden Menschen besonders verloren. Am Ende genügen vier wortlose Einstellungen für eine Erlösung, die auch Phantasma sein könnte. Das dauert vielleicht zwei Minuten – aber es ist, als erlebe man die Ewigkeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2013)

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