Ein Siegfried unter den Sklaven

12.01.2013 | 18:04 |  von CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Am Freitag startet »Django Unchained« von Quentin Tarantino: Klingt nach Italowestern, ist aber ein explosiver Kommentar zur (Film-)Geschichte der Sklaverei. Wie das System Tarantino funktioniert.

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Eine Gruppe schwarzer Kettensklaven wird nachts durch einen märchendunklen Wald geführt. Ein Lichtschein nähert sich: die schwankende Laterne einer Kutsche, deren Dach ein erheiternder Riesenzahn auf quietschenden Springfedern ziert. Der Lenker heißt Dr. King Schultz, ehemals Zahnarzt, jetzt Kopfgeldjäger. Der gebürtige Wiener Christoph Waltz spielt ihn – und darf seiner gefeierten Darstellung als verschlagener SS-Mann in Quentin Tarantinos vorigem Film „Inglourious Basterds“ noch eins draufsetzen: Auch Schultz in Tarantinos neuem Film „Django Unchained“ ist eine Figur mit Faible für theatralische Auftritte und äußerst amüsante Ausdrucksweise.

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Die wohlgewählte Formulierungskunst dieses deutschen Einwanderers hebt sich ebenso vom umgebenden US-Sprachbild ab wie seine europäische Vorgangsweise vom sozialen Umfeld – und, wie sich zeigen wird, seine prinzipielle Haltung. Als kultivierter Außenseiter hat dieser Killer im Rahmen einer penibelst beachteten Legalität nur Verachtung übrig für das unmenschliche System der Sklaverei, die in den USA zum Zeitpunkt der Handlung ebenfalls noch legal ist.


Alternativgeschichte.„Django Unchained“ setzt „Inglourious Basterds“ ebenfalls noch eins drauf: Im Kern ist es wieder eine Alternativgeschichte, die Genreregeln auf den Kopf stellt – nach dem Weltkriegsfilm als Rachefantasie, bei der die jüdischen Basterds den Nazis an den Skalp gehen und sogar Hitler sprengen, folgt nun die vergleichbare Verdrehung des Südstaaten-Westerns, des sogenannten Southerns. Tarantinos Entwicklungsroman eines schwarzen Sklaven, der sich von den weißen Unterdrückern befreit, ist aber ungleich stärker zugespitzt: Als Analyse eines menschenverachtenden Systems ist „Django Unchained“ um einiges unerbittlicher als der Vorgängerfilm.

Aber erst wird man von der patentierten Tarantino-Mischung aus Humor, Gewalt und Überraschung eingelullt: Die Eröffnungsszene ist eine famose Miniatur der mit besten Manieren vollzogenen Eskalation. Schultz hält die Sklavenhändler auf, weil er einen der Angeketteten erwerben will: ein Geschäftsmann, der mit höflichen und lustig gespreizten Sentenzen zur Verhandlung schreitet. Als das nichts fruchtet, setzt er kurzerhand auf Waffengewalt. Der weitere Verlauf der Szene spielt das Hauptthema als Farce durch: Mit unerschütterlicher Geduld bringt Schultz die wie gelähmten Sklaven schrittweise dazu, die Fesseln abzulegen und Widerstand zu leisten. Es geht um Entwicklung eines (schwarzen) Selbstbewusstseins, Tarantino-gemäß gefiltert durch die Filmgeschichte.

Dass der obsessive Cinephile Tarantino als Zitat-Regisseur gilt, hat seine Berechtigung, greift aber zu kurz: In „Kill Bill Vol. 1“ mag er sich mit dem kunstvollen Remix von Einflüssen begnügt haben, spätestens mit dem zweiten Filmteil schälte sich Mutterschaft als übergreifendes Thema heraus. Ausgerechnet Tarantino, der noch 1994 dem Regiekollegen Oliver Stone vorwarf, sein Drehbuch zu „Natural Born Killers“ zum politischen Statement verbogen zu haben, hat seine DJ-Ästhetik mit „Inglourious Basterds“ und „Django Unchained“ nun vollends heißen Eisen der Historie zugewandt: nach dem Holocaust der Sklaverei. Seine Prägung aus dem Geiste von US-Entertainment bleibt aber unübersehbar. Den frechen Alternativweltgeschichten ist die Nähe zu entsprechenden Comics anzumerken, dem Umgang mit ihren Parallelwelten ein postmodern entwickeltes Bewusstsein: Im Verlauf des Films wirft sich der Titelheld samt Sonnenbrillen in coole 70er-Blaxploitation-Kluft, und Schießereien werden zu Hip-Hop-Musik orchestriert.

Der Titel bringt das System Tarantino eigentlich auf den Punkt: „Django Unchained“ fusioniert Sergio Corbuccis Italowestern-Klassiker „Django“ (mit Franco Nero, der bei Tarantino einen so netten wie nutzlosen Kürzestauftritt hat, als Rächer) mit dem italienischen Sandalenfilm „Hercules Unchained“, in dem Herkules durch Liebe und Täuschung versklavt wird. Aber so wie der Titel „Django Unchained“ eine spezifische Tarantino-Magie hat, ist auch sein Film etwas anderes als die Summe der Einflüsse – auch wenn Sklaverei und Täuschung, Rache und Liebe die Triebfedern der Geschichte sind. Bei „Inglourious Basterds“ blieb die Konstruktion der Referenzen manchmal hermetisch, nun liefert der Italowestern mit seinen epischen, pikaresken Erzählungen einen idealen Nährboden für Tarantinos Tendenzen zur Abschweifung (und tolle Soundtrack-Selektionen von Ennio Morricone bis Luis Bacalov): 165 Minuten Spieldauer passen ins epische Genre.


Leichen pflastern ihren Weg. Tarantino schließt auch an die politische, sozialanalytische Stoßrichtung vieler italienischer Revolutionswestern an. Doch ist die Spur auch eine bewusste Irreführung: „Django Unchained“ ist ein zweigeteilter Film, die erste Hälfte bietet in etwa, was man sich erwartet – nach der ersten Konfrontation nimmt Schultz den Sklaven Django (Jamie Foxx) mit – und unter seine Fittiche: als minoritär beteiligten Partner in seinem Geschäft.

Ein Buddy-Movie mit Tarantino-Touch: Ihre Abenteuer führen sie durch verschneite Westernlandschaften wie in Corbuccis nihilistischem Kopfgeldjäger-Meisterwerk „Leichen pflastern seinen Weg“, garniert mit Dialogschmäh und wendig inszenierten Schießereien, die Tarantinos Gabe als origineller Autor und seine Entwicklung als Actionregisseur schlagend demonstrieren. Ebenso charakteristisch ist eine komische Einlage um Ku-Klux-Klan-Vorläufer – wegen der Kapuzen buchstäblich blinde Rassisten –, die nicht nur mit einem ironisch eingesetzten Gaststar aus dem Rahmen fällt, sondern auch auf satirische Weise den Kern der Geschichte vorwegnimmt. Wie auch ein unerwarteter Exkurs über Wagner und dessen Siegfried, nachdem Schultz von Django über dessen versklavte Frau gehört hat: Die heißt zur großen Freude des deutschen Immigranten Brunhilde. Tarantino-typisch haben sie ihre Sklavenhalter allerdings zur „Broomhilda von Shaft“ gemacht: Die rückständig-rassistische Verballhornung des Vornamens und der Nachname vom berühmtesten Blaxploitationkino-Vertreter verweisen auf die Eckpunkte der Erzählung (der deutsche Adelstitel dazwischen ist einfach einer dieser Tarantino-Verbindungsschnörkel). Mit dem Aufbruch von Django und Schultz zur Befreiung Broomhildas beginnt der zweite Teil – der eigentliche Film.

Der Weg führt zur Plantage namens Candieland: Dieser Witz wird gleich konterkariert, wenn ein fliehender Sklave von Hunden zerrissen wird. Besitzer Calvin Candie (Leonardo DiCaprio mit Tabakflecken-Zähnen) frönt der Phrenologie, um die Unterlegenheit der Schwarzen zu beweisen, lässt „Mandingo“-Sklaven zum Vergnügen weißer Herren auf Leben und Tod kämpfen und hat einen unterwürfigen Hausdiener namens Stephen, der den Film vollends ins grotesk Unheimliche abdriften lässt. Ein zunächst fast unkenntlicher Samuel L. Jackson spielt diese Figur – neben Waltz die herausragende Darstellung in diesem Film. (Es gibt auch feine Auftritte von Veteranen wie Don Johnson; Foxx hat in der Titelrolle mehr als stoische Ikone zu funktionieren; DiCaprio fällt in die Tarantino-Rubrik der gegenläufigen Besetzung und macht seine Sache ganz gut.)

Denn Stephen ist die entsetzliche Verdichtung einer (US-)Filmgeschichte voller Karikaturen von Schwarzen, weit schlimmer als ein langmütiger „Onkel Tom“ und andere dankbare Sklaven aus Südstaatenfantasien à la „Vom Winde verweht“, von Tarantino gleichsam als Antivorbild ebenfalls pflichtschuldig zitiert. Stephen verkörpert, was Malcolm X in einer berühmten Rede von 1963 als „House Negro“ anprangerte: „Wenn sein Meister ,wir‘ sagte, sagte auch er ,wir‘ [...] Er identifizierte sich stärker mit seinem Meister als der mit sich selbst.“ Jackson macht aus diesem abstrakten „House Negro“-Konzept eine glaubwürdige, irritierende Gestalt – das Gegenstück zum Kopfgeldjäger von Waltz, der ironischerweise als einziger Weißer im Film Gewissen und Gerechtigkeitsempfinden besitzt: Der explosive Showdown wird herbeigeführt, als sich Schultz trotz aller Geschäftsbeflissenheit genötigt sieht, zu seinen Prinzipien zu stehen. Der Rest ist Rachefeldzug (inklusive eines Auftritts von Tarantino selbst, der seine schauspielerischen Probleme auf echt durchschlagende Weise löst).


Schwarze Selbstermächtigung. Django wächst vom Diener zum Siegfried: ein Supermann, der im Stil der kommerziellen, oft kompromittierten schwarzen Selbstermächtigungsfantasien der 70er-Blaxploitation zurückschlägt, aber überdimensional gesteigert. Dieweil erzählt Tarantino von einer vernachlässigten, parallelen Kinoentwicklung. Mit falschen „Southern“-Klischees wurde in zornigen Filmen wie „Slaves“ vom radikalen Kommunisten Herbert J. Biberman und Richard Fleischers einst gehasstem Plantagen-Perversionsmeisterwerk „Mandingo“ aufgeräumt. Fleischers Film ist ein Tarantino-Favorit: Der brütende zweite Teil von „Django Unchained“ ist zugleich Hommage und hoffnungsvolle Weiterführung – ein Theater des Absurden, aus dem man sich nur mit angemessener Brutalität befreien kann. In seiner Konsequenz ist „Django Unchained“ der erwachsenste und beste Tarantino-Film seit „Jackie Brown“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2013)

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1 Kommentare

Ein Siegfried unter den Sklaven

Leider falle ich immer wieder auf positive Kritiken hinein. Diesmal war es Django Unchained, diese brutale, unlogische Kasperliade, in der zuletzt ein soeben brutal Kastrierter als strahlender Rächer auftritt.

Wie logisch war doch einst für eine Handvoll Dollar, da benötigte der fürchterlich verprügelte Terrence Hill immerhin einige Wochen, um zurückzukommen.

Völlig zu Recht verweigerte Morricone laut einigen Quellen jede zukünftige Zusammenarbeit mit Tarantino.

Zu behaupten, Tarantino betreibe Gesellschaftskritik ist, halte ich für völlig unzulässig.

Wenn ein Film, der immerhin für den besten Film und für das beste Originaldrehbuch Oscar nominiert war, so aussieht, dann kann man dem Kino nur fernbleiben.

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