Große Erwartungen werden von Mike Newell nicht erfüllt

13.01.2013 | 18:43 |   (Die Presse)

Schon wieder ein Kostümfilm nach dem Roman von Charles Dickens. Vom Klassiker wird hier Wesentliches unterschlagen.

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Charles Dickens, dieser produktive Schöpfer dauerhafter viktorianischer Romane, war ein Meister des Sentiments, des Pathos, aber auch des Humors und der treffenden sozialen Satire. Sein famoses Buch „Great Expectations“ (1860/61), das inzwischen zu den am häufigsten verfilmten Klassikern der Jugendliteratur gehört, hat er auf dem Höhepunkt seines Schaffens geschrieben, Englands perfekten Bildungsroman. Da ist alles drin: ein armes Kind, das hoch hinauswill, der Fluch des Geldes, Böse, Erniedrigte und Beleidigte, die große Liebe. Ohne Ironie wären in dieser ausufernden Seifenoper weder Elend und Unrecht noch Romantik und Schmalz zu ertragen.

Regisseur Mike Newell aber, der mit dem Film „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ 1993 reüssiert hat und auch mit „Harry Potter und der Feuerkelch“ (2005) zu Ruhm gelangt ist, hat aus dem großen Welttheater in Papierform einen Kostümfilm gemacht, der auf Herz und Schmerz setzt, auf Stars und üppige Sets. Das Drehbuch von David Nicholls („One Day“), das fast zu viele Details des Romans in 128 Minuten Spielzeit hineingepackt hat, betont das Gefühl.

Waisenknabe Pip (Toby Irvine und danach als junger Mann dessen Bruder Jeremy), der durch die anonyme Hilfe des geflüchteten Sträflings Magwitch (Ralph Fiennes) zu Reichtum kommt, irrt hier durch eine Geisterwelt. Er fällt, richtet sich wieder auf, reift an Tragödien, bis er ein Happy Ending mit der frisch erblühten Angebeteten, Estella (Holliday Granger), findet, die seltsame Erziehungsmethoden zum Männerhass offenbar gut überstanden hat. Bis zum Glück sind einige Prüfungen zu bestehen, denn Estella (anfangs Helena Barlow) stammt aus dem Reich der geheimnisvollen Gönnerin Miss Havisham.

 

Wie eine Fee im verwunschenen Schloss

Die skurrile Rolle der verschmähten Jungfrau ist Helena Bonham Carter auf den Leib geschrieben. Sie darf traurige Schrullen als beinahe böse Fee in einem verwunschenen Haus voll Spinnweben und Ungeziefer ausleben. Ein passender alternativer Titel wäre „Harry Potter und das Schlossgespenst“.

Auch die jungen Protagonisten ergeben ein schmuckes, altersgerechtes Paar. Ralph Fiennes kämpft tapfer darum, Schrecken und Güte der zwiespältigen Figur des guten Verbrechers zu vereinen. Er trägt zu den Stärken dieses Films bei. Die Nebenrollen sind zum Großteil auch charaktervoll und typisch britisch besetzt, die Ausstattung ist opulent und authentisch. So kann man sich England in der ersten industriellen und späten imperialen Blüte vorstellen. Aber für einen Klassiker des Kinos reicht es dennoch nicht ganz bei dieser gewissenhaften Interpretation, die vor allem anfangs Atmosphäre hat. Das Zwingende geht später im Gewimmel von London verloren. norb

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2013)

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