„Noch einmal neun Monate abgeschrieben“

Artmann schrieb ein Manifest, Jandl den „schtzngrmm“. Beide hatten das Grauen der NS-Wehrmacht hinter sich. Doch das Bundesheer hat erstaunlich wenige Spuren in der Literatur der Zweiten Republik hinterlassen.

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Ich gelobe – ORF

Links um, rechts um, schallt es schroff über den Kasernenhof, grau in grau, wohin ich schau...“ Wer im Österreich der letzten 40 Jahre abgerüstet hat, kennt sie, die „Tagwache“ von Wolfgang Ambros und Josef Prokopetz. Als der Song 1973 auf Single erschien, hieß er mit vollem Namen „Tagwache (Lü Lü Marleen)“ – das war eine Anspielung auf Karl Lütgendorf, den damaligen Verteidigungsminister, der 1977 wegen des Verdachts, in illegale Waffengeschäfte verwickelt zu sein, zurücktreten musste und sich 1981 selbst tötete.

In den Achtzigern nahm Ambros den aktuellen Minister Friedhelm Frischenschlager in den Text auf, der Refrain blieb: „Ja, in Zivil, da war er net viel, aber beim Militär, da is' er wer.“ Ein Highlight des Austropop in seiner Blüte, als er noch der Lebensrealität seiner Hörer nahe war – und den jungen Schriftstellern geistesverwandt, die in den frühen Siebzigern übers raue Leben zu erzählen begannen, meist mit stark autobiografischen Zügen.

 

Wolfgruber: „Alles, wo er ein Unterer ist“

Gernot Wolfgruber etwa, mit seinem zweiten Roman, „Herrenjahre“ (1976). Dessen Hauptfigur, der Arbeiter Melzer, geht nach der Lehre freiwillig zum Bundesheer, „weil er gedacht hatte, er will alles hinter sich haben. Alles, wo er ein Unterer, nur ein Unterer ist. Erst dann würde es anders werden können, hatte er gemeint. Und er hat noch einmal neun Monate abgeschrieben.“

Auch in „Schwarzer Peter“ von Peter Henisch (Jahrgang 1943) prägt der Wehrdienst die Entwicklung des Protagonisten: „Am 1. Oktober 1967 rückte ich zum Österreichischen Bundesheer ein“, erzählt Peter Jarosch, der Sohn einer Österreicherin und eines afroamerikanischen Besatzungssoldaten. Im Vergleich zur US-Army war für ihn „dieses Bundesheer fraglos ein Witz. Aber so bloß zum Lachen war es wohl auch nicht.“ Erzählt wird vom Drill, vom Gruppendruck und vom Terror gegen Schwache, aber auch von der beruhigenden Wirkung eines geregelten Tagesablaufs, von Erfolgserlebnissen. Jarosch ist ein toller Fußballer. Das hilft ihm bei der Truppe gegen Diskriminierung.

So gut wie militärfrei ist das Werk Peter Handkes. In einem Interview mit „News“ erklärte er: „Ich bin mein eigener Sklave. Ich war ja nicht beim Bundesheer, dem bin ich ins Ausland entronnen. Dafür bin ich jeden Tag mein eigener Soldat.“ Turrini hingegen war dort und bekannte später: „Beim Bundesheer habe ich wegen einer Frau Fahnenflucht begangen und bin im Häfen gelandet. Peter Rosei erinnerte sich vier Jahrzehnte nach seinem Präsenzdienst in der „Presse“ daran, dass er insgesamt zehn Schuss aus seinem Sturmgewehr abgegeben habe, dass eine Nachtübung in einem Massenbesäufnis endete: „Ich führte meinen ,Spieß‘ in der Scheibtruhe heim.“ Fazit: „Die Sinnlosigkeit des Ganzen, gerade in Hinsicht auf den Ausbildungszweck, von ,Höherem' nicht zu reden, ist kaum zu übersehen.“

 

Artmann: „Makabres Kasperltheater“

Doch insgesamt hat das Bundesheer in der österreichischen Literatur der Zweiten Republik erstaunlich wenige Spuren hinterlassen – vor allem im Vergleich zur Ersten Republik. Man denke nur an Joseph Roth. Wobei es zum Beispiel im „Radetzkymarsch“ nicht um das Heer der Ersten Republik geht (das ein Berufsheer war), sondern um jenes der Monarchie, das Roth wie diese im Rückblick nostalgisch verklärt.

Solche Verklärung war den Schriftstellern der Zweiten Republik, die unter dem NS-Regime „gedient“ hatten, natürlich nicht möglich. H.C.Artmann etwa. 1940 eingezogen, wurde er 1941 verwundet, blieb dann bis zum Kriegsende in einem Strafbataillon. Er protestierte 1955 gegen „das makabre kasperltheater, welches bei einer wie auch immer gearteten wehrmacht auf österreichischem boden zur aufführung gelangen würde... wir alle haben noch genug vom letzten mal – diesmal sei es ohne uns!!“ In diesem „Manifest“ erklärte er: „genauso wie sich der kannibalismus der urmenschen und höhlenbewohner überlebt hat, muss nun endlich auch die soldatenspielerei der vergangenheit überantwortet werden!! Lasst uns die drei milliarden – oder weißgott noch mehr –, die ein neues bundesheer verschlänge, für kultur und zivilisation verwenden!!“

Ernst Jandl, als Jahrgang 1925 vier Jahre jünger als Artmann, wurde 1943 eingezogen und 1944 an die Westfront geschickt, wo er zu den amerikanischen Truppen überlief. 1957 schrieb er das längst zum Klassiker gewordene Gedicht „schtzngrmm“, in dem er das Grauen des Kriegs in Laute zerriss. Dagegen ist all das Kabarett, das sich Heer und Krieg widmete, schwach. „Atompilz von links“ (1985) vom Schlabarett ist immerhin mit Sätzen wie „Der Atom is a Hund“ in den Volksmund eingegangen.

 

Befehlsgewalt im Film: „Ich gelobe“

Gar nicht spaßhaft zeigte Wolfgang Murnberger in „Ich gelobe“ (1994) das Robben und Kriechen, das Befehlen und Gehorchen: Dieser Film war mehr als ein Bundesheerfilm – nämlich ein Drama der späten Adoleszenz – und vielleicht genau deshalb der beste. Auch Florian Flickers neuester Film „Grenzgänger“ hat einen österreichischen Soldaten als eine Hauptfigur: Ronnie soll in den Marchauen an der Grenze Flüchtlinge aufhalten. Seinen Haflinger nennt er Casanova, einmal flüstert er: „Vietcong.“ Ein Pulverhauch von „Apokalypse Now“, sozusagen.

Der ORF zeigt morgen, am Tag der Volksbefragung, die Dokumentation „Allentsteig“ von Nikolaus Geyrhalter (ORF2, 23.30 Uhr).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

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