„Frankenweenie“: Frankenstein und sein Hündchen

25.01.2013 | 16:48 |  Von Christoph Huber (Die Presse)

Tim Burton hat „Frankenweenie“ auf Spielfilmlänge gestreckt: Das Ergebnis hat heitere Momente, ist aber enttäuschend zahm. Der Animationsfilm ist nett anzusehende Designerseltsamkeit mit Ablaufdatum. Derzeit im Kino.

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Filmnostalgie mittels moderner Digitaltechnologie: Wie Martin Scorsese in der 3-D-Fantasy „Hugo“ beschwört Tim Burton im dreidimensionalen Animationsfilm „Frankenweenie“ eine ruhmreiche Kinovergangenheit, die ihm persönlich am Herzen liegt. Burtons Tribut ist allerdings in der Ausführung wie in den Zitaten wenig überraschend: Beim klassischen Horrorkino hat er sich schließlich eine Karriere lang bedient – und „Frankenweenie“ 1984 schon einmal gedreht. Als junger Lehrling in der Animationsabteilung von Disney machte er Kurzfilme aus seinen Kinovorlieben, erwies etwa in „Vincent“ (1982) dem genialen (Grusel-)Darsteller Vincent Price die Ehre. „Frankenweenie“ war seine tierische Variation auf die berühmten Frankenstein-Monsterfilme mit Boris Karloff: Zu unheimlich für das junge Zielpublikum, befand man beim Maus-Studio – und feuerte Burton wegen „Verschwendung von Firmenmitteln“.

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Tim Burtons Originalität ist geschwunden

Ironischerweise ist die Langfilmneuauflage nun wieder eine Disney-Produktion – und brav genug: Längst ist Burton ein zugkräftiger Name, sind seine gruselig-komischen Animationsfilme – zuletzt „Corpse Bride“ – eine etablierte Marke. Die Originalität, die man ihm gemeinhin zuschreibt, ist im Zuge seines Erfolgs freilich geschwunden: Von den acht Filmen, die er seit dem Jahr 2000 inszeniert hat, sind fünf Remakes, bei denen sich der Burton-Touch darin erschöpfte, dass er ihnen seine typischen Ausstattungsschnörkel angedeihen ließ. Denn gewählt waren sie ohnehin so, dass der andere typische Burton-Beitrag – die Mischung aus Schauerromantik und dunkler Ironie – sich von selbst verstand.

Das gilt auch bei „Frankenweenie“, der trotz einer Spieldauer von unter 90 Minuten überlang daherkommt – aber trotzdem einer der sympathischeren Burton-Filme der letzten Zeit ist: stilgerecht in Schwarz-Weiß gedreht und mit einem entzückenden missverstandenen „Monster“. Wer könnte dem nach Karloff-Vorbild zusammengeflickten Hündchen Sparky schon widerstehen, wenn es seine großen Augen rollt und mit dem Schwänzchen wedelt?

Ein bisschen Leichenfledderei

Doch auch der Film „Frankenweenie“ wirkt ein bisserl wie Leichenfledderei – ein zwar aus aufrichtiger Zuneigung zusammengesetzter Kino-Bastard, dessen Flickwerk allerdings ebenso deutlich sichtbar bleibt wie die Mission, bei allem Genre-Spaß luftdicht abgepackten Liebreiz zu liefern.

So heißt die Hauptfigur zwar, passend für eine Referenz an die Vergangenheit, Viktor Frankenstein, ist aber ein typischer Burton-Außenseiter: ein Bub, dessen Familie in einem Einheits-Vororthäuschen wohnt, das direkt neben dem von Burtons „Edward mit den Scherenhänden“ stehen könnte – Viktor scheint sogar frei nach Johnny Depps Edward modelliert. Als Alter Ego von Burton ist Viktor ein Heimbastler-Jungfilmer: Eine charmante Demonstration seines Schaffens eröffnet „Frankenweenie“, kurz darauf verkündet der Papa, er möchte nicht, dass der einzelgängerische Bub „weird“ werde – merkwürdig zu sein ist freilich im Burton-Universum dem Helden vorherbestimmt. Der Druck zur Konformität führt ins Chaos, nachdem Viktor seinen geliebten Hund (und einzigen Freund) Sparky bei einem Unfall verliert: Er gräbt ihn auf dem Tierfriedhof aus und belebt ihn dank Blitzschlag wieder – frei nach der Elektroschock-Froschschenkel-Lektion seines Naturkundelehrers, einem ausgezehrten Vincent-Price-Wiedergänger, den im Original Martin Landau mit fremdländischem Akzent spricht.

Als Ausländer und Proponent der Wissenschaft ist der Lehrer den bornierten US-Kleinstädtern freilich ebenso suspekt wie der untote Sparky, als der erst entdeckt ist: Unvermeidlicherweise marschiert dann ein Fackelzug-Mob Richtung Windmühle wie im originalen „Frankenstein“. Da hat sich der Film vom leisen Horrortribut schon zur lauten Action-Parodie gewandelt, weil ein paar Mitschüler die Haustierwiederbelebung ebenfalls versucht haben – buchstäblich ein riesiger Fehler:  Winzige Urzeitkrebse wachsen sich zu Unruhestiftern nach „Gremlins“-Vorbild aus, die Schildkröte eines japanischen Buben verwüstet im Godzilla-Format den Vergnügungspark.

Kinder, schaut euch die Originale an!

Das sorgt für ausgelassene Momente, aber bei allen heiteren Zwischenspielen ist „Frankenweenie“ letztlich spürbar auf Spielfilmlänge gestreckt und enttäuschend zahm: Filme wie „Godzilla“ und „Frankenstein“ berührten echte Ängste und hatten radikale Einfälle, darum wirken sie bis heute seltsam und verzaubern emotional.
„Frankenweenie“ ist nett anzusehende Designerseltsamkeit mit Ablaufdatum – trotz Burtons Faible für Außenseiter regieren Konformität und Kompromiss. Immerhin mit pädagogischem Potenzial: falls Kinder so zu den Originalen geführt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2013)

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1 Kommentare

Habs am Flug nach Singapur gesehen


langweilig!

lieber 2x corpse bride

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