Robert Zemeckis: Zurück in die Zukunft, mit Ironie

26.01.2013 | 20:30 |  von Christoph Huber (Die Presse)

Regisseur Robert Zemeckis über sein packendes Drama "Flight", ungewöhnliche Hollywood-Projekte und die digitale Zukunft: "Darsteller aus dem Rechner werden bald die Norm sein."

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Heutzutage gehen Menschen nur mehr für zwei Sachen zu einem bestimmten Zeitpunkt außer Haus, meint der Hollywood-Starregisseur Robert Zemeckis: „Um ein Flugzeug zu erwischen oder um einen Film im Kino zu sehen.“ Da hat sein neuer Film das ideale Thema: In „Flight“ spielt Denzel Washington – ziemlich beeindruckend – einen Flugzeugpiloten mit Drogen- und Alkoholproblemen. In der Eröffnungsszene erwacht Pilot Whip zwischen leeren Flaschen in einem Motel: Eine nackte Frau beugt sich auf der Suche nach ihrer Unterwäsche über ihn, er greift zu Bier gegen den Kater, zieht sich einen Joint und ein paar Linien Koks rein, bevor er zu seinem nächsten Kurzstreckenflug aufbricht. Bei der routinierten Begrüßung der Passagiere kippt sich Whip noch heimlich ein paar Wodkafläschchen in den Orangensaft.


Glück oder Gott? Dann kommt es zur Katastrophe: ein technisches Versagen, der Flieger stürzt ab. In einem waghalsigen Manöver stellt Whip zur Stabilisierung das Flugzeug auf den Kopf und schafft die Notlandung auf freiem Feld, wobei er einen Kirchturm abrasiert. Fast alle überleben: eine Pilotenmeisterleistung, ein berauschter Glücksgriff – oder doch ein Akt Gottes, wie der gläubige Kopilot meint? Whip wird als Held gefeiert, aber nicht nur seine Blutwerte sind ein Problem angesichts der anstehenden Untersuchung...

Mit „Flight“ kehrt Zemeckis nach zwölf Jahren in die wirkliche Welt zurück: Damals ließ er in „Cast Away“ Tom Hanks Opfer einer Flugzeugkatastrophe werden, die von „Flight“ ist noch beeindruckender inszeniert. Zemeckis hat selbst einen Pilotenschein: „Wie es im Cockpit zugeht, soll man auch sehen.“ Die Reaktionen echter Piloten seien positiv.

In der Zwischenzeit hatte sich Zemeckis allerdings ganz computergenerierten Welten verschrieben: Mit „Polar Express“, „Beowulf“ und „Eine Weihnachtsgeschichte“ etablierte er sich als Vorreiter der digitalen 3-D-Innovation. Alles wurde im Computer kreiert, die Figuren sind nach – mit Sensoren erfassten – Bewegungen von Darstellern modelliert.


Dynamische Bilder. Ist „Flight“ also eine Kehrtwende? „Nein“, erwidert Zemeckis kategorisch: „Der einzige Unterschied ist die Art der Bilderzeugung. Heute wird jeder Film digital bearbeitet, Filmemachen ist ein Prozess, bei dem der eigentliche Dreh nur mehr ein Drittel ausmacht. Wenn ich nun wieder in der Realität drehe, ist die Grundlage für meine Bilder anders, der Rest bleibt aber gleich. Und egal, ob neue digitale Computereffekte oder der gute alte Ton – die Illusion des Kinos baut auf viele technische Hilfsmittel, bei denen man von Anfang an bedenken muss, wie man sie einsetzt, um möglichst dynamische Bilder zu erzeugen.“

Zemeckis räumt jedoch ein, dass „Flight“ klassischer gebaut ist als die Computerfilme mit ihren „unmöglichen“ Kamerafahrten: „Wie ich einen Film inszeniere, hängt nur vom Drehbuch ab.“ Das von „Flight“ hat ihn gleich begeistert: „Es ist schon schwierig, so einen Stoff heute überhaupt noch zu finden, ganz zu schweigen davon, einen Film daraus zu machen! Moralische Mehrdeutigkeit und Komplexität sind im heutigen Hollywood außergewöhnlich.“ Über die zwiespältigen Handlungen der Figuren soll man sich selbst ein Urteil bilden, findet Zemeckis: „Ich mag es nicht, wenn man im Kino predigt. Die Zuseher müssen schon ihr Gehirn mitbringen: Jede Kunstform muss das Publikum intellektuell und emotional stimulieren.“

Für ein spektakuläres Starvehikel ist „Flight“ mit 30 Millionen Dollar für Hollywood gering budgetiert: „Das bringt natürlich Beschränkungen mit sich, aber auch größere künstlerische Freiheiten“, bilanziert Zemeckis: „Man kann Risken eingehen, die man sich bei teuren Filmen nicht erlauben darf.“ Hauptdarsteller Denzel Washington und Drehbuchautor John Gatins hat das Oscar-Nominierungen eingetragen, was die klassischen Qualitäten von „Flight“ zu unterstreichen scheint. „Diese Form ist heute außer Mode“, bestätigt Zemeckis – und beschwört gleich wieder den digitalen Umbruch: „Die Technik hat in kürzester Zeit Riesenschritte gemacht: ,Polar Express‘ war grauenhaft! Doch es ist nur eine Frage der Pferdestärke: Darsteller aus dem Rechner werden bald die Norm sein!“ Der menschliche Faktor werde dennoch entscheidend bleiben – „wie in der Musik. Maschinen können den Klang jedes Instruments reproduzieren, aber ohne Menschen bringt das nichts. Das gilt auch für computergenerierte Filme: Sonst bleiben die digitalen Avatare nur künstliche Modelle.“


Ist „Forrest Gump“ zynisch? Die Fusion von kenntnisreichem Traditionsbewusstsein und Glauben an technische Innovation ist typisch für Zemeckis: Sie prägte 1988 seinen Animationshit „Roger Rabbit“ – und der Titel seiner berühmten Filmserie „Zurück in die Zukunft“ wirkt fast wie ein Bekenntnis. Auch wenn er solche Mehrteiler mittlerweile als TV-Saga umsetzen würde: „Heute schauen die Leute ohnehin viel mehr allein zu Hause“, lächelt er. Doch bei aller Freundlichkeit bleibt Zemeckis immer zurückhaltend: Kein Wunder, dass er Ambivalenzen so schätzt. Sein Welthit „Forrest Gump“ erzählt von einem beschränkten Helden als Inbegriff der USA – sentimentale Schönfärberei oder doch böse Satire? „Mein langjähriger Drehbuchpartner Bob Gale meinte, es sei der zynischste Film, den ich je gemacht habe“, sagt Zemeckis amüsiert. Aber selbst Farbe bekennen will er nicht: „Sagen wir so: Es gibt bei allem eine Ironie.“

Steckbrief

Robert (Lee) Zemeckis (* 1952, Chicago) liebte schon als Kind Filme und griff als Teenager zur Super-8-Kamera des Vaters. Nachdem er „Bonnie und Clyde“ sah, beschloss er endgültig, auf die Filmschule zu gehen.

Die folgende Dekade nannte Zemeckis später „geopferte Lebenszeit“ für die Filmkarriere: „Nur Arbeiten ohne Geld und Leben.“ 1978 kam das Langfilmdebüt mit „I Wanna Hold Your Hand“, die schwere Zeit endete erst 1984 mit „Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten“.

Der Welterfolg kam 1985 mit „Zurück in die Zukunft“, mit den Fortsetzungen und anderen Hits wie „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ (1988) wurde Zemeckis zum Starregisseur und kam mit „Forrest Gump“ 1995 zu Oscar-Ehren.

Als digitaler Innovator hat sich Zemeckis in der letzten Dekade mit Filmen wie „Beowulf“ etabliert. „Flight“ ist sein erster Realfilm seit zwölf Jahren, er läuft derzeit im Kino.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2013)

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