Filmfestival Rotterdam: Ein Tiger-Sieger aus Österreich

03.02.2013 | 18:35 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Heimische Erfolge beim renommierten Festival: Der junge Regisseur Daniel Hoesl erhielt für sein Debüt "Soldate Jeannette" einen Hauptpreis, Veteran Peter Schreiner beeindruckte mit "Fata Morgana".

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Mit einem weiteren Erfolg für das österreichische Kino ging am Samstag das internationale Filmfestival von Rotterdam zu Ende: Der junge heimische Regisseur Daniel Hoesl erhielt für sein Langfilmdebüt „Soldate Jeanette“ einen der drei Tiger-Awards im Wettbewerb für Erstlings- oder Zweitlingsfilme des renommierten Festivals. Der letzte heimische Tiger-Sieger war 1998 Stefan Ruzowitzky, der in Rotterdam für „Die Siebtelbauern“ ausgezeichnet wurde – ziemlich genau eine Dekade, bevor er für „Die Fälscher“ den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhielt.

„Wir haben mit gar nichts gerechnet“, freute sich Regisseur Hoesl anschließend im Gespräch mit der APA: „Wir haben den Film nicht gemacht, weil wir Erfolg haben wollten, sondern weil wir etwas zu sagen haben.“ „Soldate Jeanette“ wurde mit minimaler Förderung um etwa 65.000 Euro improvisiert: ohne Drehbuch, mit kleinstmöglichem Team – eine „European Film Conspiracy“ nennt sich das von Hoesl ins Leben gerufene Kollektiv für No-Budget-Produktionen, dem Produzentin Katharina Posch, Regieassistentin Eva Hausberger und Kameramann Gerald Kerkletz angehörten. Dass die Rotterdam-Jury bei der Preisbegründung die „starke Bildsprache und visuelle Kraft“ des Films hervorgehoben hat, ist auch ein Beleg für die Kameraleistung von Kerkletz (der zuletzt „Michael“ und „Empire Me“ fotografierte): Es ging sichtlich darum, auch unter improvisierten Produktionsumständen eine formal ausgeklügelte Bildstrategie zu erzielen.

 

Was macht Gerald Matt als Modeverkäufer?

Das Endresultat ist dennoch zwangsläufig eine Art Patchworkfilm. Der (heimische) Zuseher darf sich etwa gleich zu Anfang fragen: Was macht Gerald Matt als Modeverkäufer? Der ehemalige Kunsthallenleiter Matt versichert in der ersten Szene einer Kundin beim Anprobieren: „Das Kleid ist ein Kunstwerk“, und fügt hochtrabend auf Englisch an: „It's the power of being deeply moved by beautiful objects.“ Dass ausgerechnet diese Szene als Trailer kursiert, mag man etwas unglücklich finden, weil es die öfter doch bemühte Ironie von Hoesls Film in den Vordergrund rückt. Gastauftritte wie der von Matt waren dabei eine Hilfeleistung (weitere Unterstützer in Kleinrollen: Autor Josef Kleindienst oder Filmemacher Thomas Draschan), ebenso wie bei der Musik, für die etwa Eva Jantschitsch einen ihrer Gustav-Songs beisteuerte: Das Gustav-Lied „Soldatin oder Veteran“ diente auch als Inspiration für Hoesls exzentrische Selbstfindungsgeschichte (samt dem Kunstwort „Soldate“ im Titel), die einer Frau namens Fanni folgt.

Fanni ist Matts Kundin in der Eröffnungsszene und scheint ein komfortables urbanes Luxusdasein zu führen: Aber bald schmeißt sie das schmucke Kleid in den Müll, verbrennt ihr Geld und bricht ins Hinterland auf, wo sie auf dem Bauernhof zwischen Schweinen in der jüngeren Anna eine Schwester im Aussteigergeiste findet. So wie Fanni-Darstellerin Johanna Orsini-Rosenberg ein echt guter Typ ist, aber nicht in jede Szene passt, leidet auch Hoesls Films an einer gewissen Inkonsistenz: Die Sprunghaftigkeit ist zweifelsohne beabsichtigt (und produktionstechnisch wohl unvermeidlich), aber was frisch und aufrüttelnd daherkommen soll, verträgt sich mancherorts schlecht mit spürbarem Kalkül – etwa wenn filmische Frauengeschichtenvorbilder von Godard, Dreyer und Chantal Akerman zitiert und dabei sofort parodiert werden.

Dass mag man als die Chuzpe verstehen, die sich Hoesl als Devise ans Revers geheftet hat, aber es passt auch, eventuell unbeabsichtigt, zur augenzwinkernden Gleichschaltung, die im Festivalbetrieb immer stärker spürbar ist: Ein zweiter Tiger-Award ging an „Fat Shaker“ von Mohammad Shirvani, der damit das iranische Kino in die Groteske treibt (dritter Tiger-Sieger: die slowakische Neonazi-Studie „My Dog Killer“ von Mira Fornay). Aber mit dem Rotterdam-Preis direkt nach der wohlwollend aufgenommenen Sundance-Weltpremiere hat Hoesl mit „Soldate Jeanette“ jedenfalls einen erstaunlichen No-Budget-Erfolg erzielt.

 

Schreiners monumentale Studie

Noch ein Österreicher sorgte in Rotterdam für Aufsehen: Peter Schreiners monumentale existenzielle Studie „Fata Morgana“ feierte dort Weltpremiere. Schreiner, eine Zentralfigur des heimischen Sensibilismus, folgt darin einem gealterteten Paar – Giuliana (die Zentralfigur von Schreiners preisgekröntem Film „Bellavista“) und Christian Schmidt (einst Titelheld von Niki Lists „Müllers Büro“). In ruhigen Gesprächen stellen sie sich, jedes Wort abwägend, ihren Ängsten – während sich Schreiners Kamera spürbar jedes Bild genauso hart erkämpft: In ungewöhnlichen Kadragen studiert er die Gesichter und Körperteile und liefert atemberaubende Landschaftspanoramen von der Lausitz und von Libyen – als würde sich das Innerste in die Außenwelt projizieren, wie einst in Ingmar Bergmans „Persona“. In der privaten Suche spiegelt sich die gegenwärtige Krisenzeit: Weltkino im besten Sinn.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2013)

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