Österreichische Filmemacher: Oscarverdächtig

21.02.2013 | 13:52 |  Petra Percher, Christoph Huber  (Die Presse - Schaufenster)

Österreich und der Red Carpet – wie geht das zusammen? Das wollen wir beim Shooting mit fünf heimischen Filmemachern herausfinden.

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Golden Globe, Berlinale und jetzt: die Oscar-Nacht. Stressige Zeiten in der Filmbranche. Vor allem wegen der Frage: Was ziehe ich auf dem Red Carpet an? Grund genug, einmal darüber nachzudenken, warum sich Österreich und der rote Teppich nicht anfreunden. Sind wir gar glamourfeindlich? Beim Modeshooting mit fünf heimischen Regisseuren und dem Modeduo Wendy & Jim haben sich dazu einige Thesen herauskristallisiert.

1. Dresscodes zu umgehen ist typisch österreichisch.
2. Filmleute lieben Inszenierungen, damit auch Red Carpets.
3. Männer haben es auf dem roten Teppich leichter als Frauen.
4. Red Carpets sind werbewirksamer als Modewochen.
5. Glamour und ernsthafte Arbeit widersprechen einander
6. Red Carpets sind ein wichtiges Medium zur Modebildung der Massen.

Alltagsunbrauchbare Kleidung. Mädchenträume. Alte Techniken: Das bedeutet Red-Carpet-Styling für Hermann Fankhauser, männliche Hälfte des Modelabels Wendy & Jim. „Aber es geht auch ums Protzgehabe. Darum, den Pfau zu machen“, ergänzt Partnerin Helga Ruthner. War das negativ gemeint? Aus österreichischer Sicht könnte man das vermuten. Kaum woanders gibt es so viele Vorurteile gegen die Glamourwelt wie hier. Das Publikum empfindet das Getue gern als lächerlich. Und heimische Starlets tendieren dazu, Dresscodes zu umgehen. Warum? „Weil sie meinen, da ohnehin drüberzustehen“, analysiert Ruthner. „Anbiederung wird als kommerziell empfunden. Frei nach dem Motto: Wer sich so aufputzt, versteckt schlechte Leistungen.“ Fankhauser sieht das ähnlich. „In Österreich denken viele, sie sind cool, wenn sie es nicht so machen wie alle. Dabei können es sich die meisten leider gar nicht leisten, einem Event nicht die Ehre zu erweisen.“
Antihaltung einzunehmen sei etwas Österreichisches. „Die Leute vergessen aber, dass man sich dafür vorher damit auseinandersetzen muss“, sagt der Designer. Wie bei den Grammys. Dort gab ein Fernsehsender heuer die Bekleidungsvorschrift „möglichst konservativ“ aus. Was von modisch schwer zu bändigenden Musikern natürlich ignoriert wurde. Katy Perry trug lange Ärmel, dafür ließ ein Cutout freien Blick auf ihre Oberweite zu. Und Jennifer Lopez’ Schlitz im Kleid zeigte extra viel nackte Haut.
Männer sind da einfachere Gäste. Der kollektive Smoking befreit sie von der Qual der Wahl. Dafür lauern viele Fehlerquellen. Wendy & Jim, die ja Männermode machen, sehen oft zu kurze Ärmel oder zu lange Hosen. „Bei Männern geht es um Präzision, bei Frauen um Geschmack.“

Red Carpet: Shooting mit Filmemachern

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Wir sind ja nicht Hollywood! Regisseurin Barbara Eder meint, das verkrampfte Ernsthaft-sein-Wollen sei mit schuld, warum Red Carpets in Österreich schlecht funktionierten. Anderswo tun sie das sehr wohl. Ihren ersten roten Teppich habe sie beim Filmfestival in Sarajewo erlebt. „Da jubeln dir Leute zu, obwohl sie dich gar nicht kennen können. Reporter fragen, welches Kleid man trägt.“ Natürlich sei das Teil einer Inszenierung der Filmbranche. „Aber es funktioniert gut.“ Filmleute seien von Natur aus eitler, vermutet David Schalko. Er selbst verzichtet gern auf Glamourstyling, auch wenn er weiß, dass ein Dresscode einem Abend den nötigen Glanz verleiht. Kollegin Mirjam Unger wiederum kennt Red Carpets vor allem vom Anschauen der Fotos. Beim Oscar falle die langjährige Erfahrung der Amerikaner einfach deutlich auf. „Bei uns hingegen schwingt immer Alltag mit. Alles wird hinterfragt.“ Dieses 100-prozentige Jasagen zur Show auf dem roten Teppich sei nur in Hollywood spürbar. „Dort wurde der Glamour perfektioniert.“

In den USA gilt der Red Carpet als größter Catwalk der Welt. Das wundert Wendy & Jim nicht: „Die glauben wirklich, das allein ist die Mode.“ Eigentliche bräuchte man das Ereignis dahinter gar nicht mehr, der Red Carpet stehe längst für sich. Das Gute daran: Es ist eine Art Modeschule für die Massen. Das Publikum wisse genau, wie Leute auf dem roten Teppich auszusehen hätten. Sogar in Österreich. Und dennoch sind wir ein Red-Carpet-Schlusslicht. Auf dem roten Teppich regieren Unsicherheit und Ungeübtheit – sowohl bei „Stars“ als auch bei Reportern. „In Frankreich, Großbritannien und Italien macht dich die Presse fertig, wenn du dich falsch kleidest“, sagt Fankhauser. Hierzulande steigt sie dir höchstens auf die Füße. Man denke an den Opernball. Die Lollobrigida wies einen Kameramann zurecht, der ihr an der Nase klebte, und Mira Sorvinos Mann forderte lautstark Respekt und Distanz. Kein Wunder, dass sich der junge heimische Filmpreis nicht mit Berlin, Venedig oder Cannes messen lässt. Was entspricht also eher dem roten Teppich? „Bälle?“, vermutet Fankhauser. Nachsatz: Vielleicht fallen sie deshalb in den Fasching, weil Leute dann eher gewillt sind, sich zu verkleiden. Das wäre These Nummer sieben.

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