Diagonale: Totentanz mit Schlagerstars

Die Diagonale in Graz endet heute. Beim Festival des österreichischen Films siegten das Duo Tizza Covi und Rainer Frimmel sowie die Dokumentaristin Bernadette Weigel. Ein Lagebericht.

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Diagonale Totentanz Schlagerstars – (c) Stadtkino Filmverleih


Am Samstagabend wurden die Hauptpreise der Diagonale vergeben: Beim Spielfilm holten sich den Großen Preis Tizza Covi und Rainer Frimmel, die in „Der Glanz des Tages" den Theaterstar Philipp Hochmair Besuch mit einem Onkel (Walter Saabel) konfrontieren und deren unterschiedliche Lebensentwürfe studieren. Beim Dokumentarfilm siegte Bernadette Weigel für „Fahrtwind - Aufzeichnungen einer Reisenden", einem assoziativen Bericht ihrer Bewegungen und Begegnungen im postkommunistischen Europa. Weigels Film gewann auch bei Dokumentar-Kamera und -Schnitt.

Die Abschlussgala sorgte für Preisglanz bei einem Querschnitt des heimischen Filmschaffens, das längst unüberschaubar geworden ist. Im fünften Jahr als Intendantin tat Barbara Pichler ihr Bestes und dampfte etwa die Jahresrückblick-Sektion ein: Dennoch drängten sich insgesamt 156 ausgewählte Filme und Videos auf fünf Festivaltagen - die Spitze des Eisbergs.

Einer noch kleineren Spitze huldigen die Medien zuletzt dank internationaler Festivalerfolge und Oscar-Ehren: Michael Haneke oder Ulrich Seidl tragen dem kleinen Filmland Österreich großen Ruhm ein, auch „Glanz des Tages" reüssierte bereits in Locarno. Durch die Eröffnung mit Seidls „Paradies: Hoffnung" und Vorstellung seiner ganzen „Paradies"-Trilogie hat die Diagonale dieses Renommee ideal repräsentiert.

Doch die der nationalen (Selbst)-Feierlaune entgegenstehende Kehrseite des Erfolgs war auch zu spüren: Vom „bedenklichen Spannungsfeld" war Freitag die Rede, als beim Festival eine kritische Studie zur Filmförderung präsentiert wurde. Was oberflächlich wie ein Erfolgsmodell wirke, würde zugleich ein wachsendes Prekariat produzieren: Mit der digitalen Explosion wuchern Anträge, gerade der ORF ist als Auftraggeber in vielen Sparten weggebrochen, die Produzenten kompensieren über Förderstellen - TV-Formate fressen Mittel für innovative und künstlerische Kinoambitionen. Wie bei der vieldiskutierten Festplattenabgabe haben sich wirtschaftliche und künstlerische Interessen zum gordischen Knoten verschlungen, den es längst wieder zu trennen gälte.

Die Sieger

Großer Preis Spielfilm Tizza Covi, Rainer Frimmel für „Der Glanz des Tages“
Großer Preis Dokumentarfilm Bernadette Weigel für „Fahrtwind - Aufzeichnungen einer Reisenden“
Innovatives Kino Michaela Grill, „Forêt d'Expérimentation“
Kurzspielfilm Florian Pochlatko, „Erdbeerland“
Kurzdokumentarfilm Friedemann Derschmidt, „Das Phantom der Erinnerung“
Preis der Jugendjury Matthias Zuder, „Erbgut“
Publikumspreis Marco Antoniazzi, Georg Stadlober, „Schlagerstar“
Kamerapreise Wolfgang Thaler und Ed Lachmann, „Paradies: Liebe“ sowie Bernadette Weigel, „Fahrtwind“
Schnittpreise Peter Brunner, „Mein blindes Herz“ sowie Alexandra Schneider, „Fahrtwind“

Digitale Versprechen. Auch die Zeit der gewohnten Kinoauswertung ist vorüber, die Kehrseite der nur angeblich allumfassenden digitalen Verfügbarkeit ist die Bedrohung des Filmerbes. So zeigte sich beim exzellenten Tribute von Synema an den Regie-Emigranten Paul Czinner zeigte, dass nach der digitalen Kinoumstellung die reibungslose Vorführung von Archivkopien nicht mehr möglich ist - ein Meisterwerk wie „Der träumende Mund" (1932) konnte nur mit Unterbrechungen vorgeführt werden. Die versuchte Wiederentdeckung von wildem heimischen Genrekino als „Austrian Pulp" litt hingegen darunter, dass ein vor Sixties-Schlüpfrigkeit strotzender Film wie der Sex-and-Crime-Reißer „Schamlos" (1968) mit Udo Kier vom Filmarchiv Austria nur in unwürdiger Video-Beta-Kopie zur Verfügung gestellt wurde.
In der aktuellen Produktion gab es freilich Entdeckungen und Neues von bewährten Kräften: So überzeugten gerade Außenseiter wie Peter Schreiner (die Seelenlandschafts-Odyssee „Fata Morgana"), Ludwig Wüst (das beiläufig unheimliche Zweipersonenstück „Das Haus meines Vaters") oder Peter Kern (der antikapitalistische Teenagerfilm „Diamantenfieber"). Architektur-Spezialistin Lotte Schreiber schickte in „GHL" einen Banker ins Gänsehäufel, der als Austro-Pendant zu Robert Pattinson in „Cosmopolis" gelten darf, die sogenannten Ölfilmer marschierten im amüsanten Genre-Pastiche „The End of Walnut Grove" gleich in die Endzeit.

Hansi Hinterseers Bergpredigt. Florian Pochlatko bewies sich in Jugendstudie „Erdbeerland" als begabter Inszenator trotz didaktischen Schnitts, den auch der rettende Schlussauftritt von Sänger Waterloo nicht ganz vergessen ließ. Überhaupt wurden Musikwelten erforscht: Die volkstümliche in Marco Antoniazzis und Georg Stadlobers Dokumentation „Schlagerstar" über Marc Pircher - Motto: „Hände in die Höh'". Noch pointierter war der Kurzfilm „Hände zum Himmel" von Ulrike Putzer und Matthias von Baaren, in der ein alpiner Auftritt von Hansi Hinterseer praktisch zur Bergpredigt wird.
Das Meisterwerk des Festivals fand sich in Norbert Pfaffenbichlers „A Messenger from the Shadows": Szenen der erhaltenen Werke mit Stummfilm-Horrorstar Lon Chaney („Das Phantom der Oper") zum Meta-Alptraum montiert. Eine Geisterbahnfahrt, deren Held durch die Macht des Kinos zum ewigen Leben verdammt ist - zugleich ein Totentanz und eine Hymne an die Kraft des Films. Und darin, gewiss ganz unbeabsichtigt, Ausdruck der zwiespältigen Situation des heimischen Kinos.?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2013)

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