Schlachtruf: „Occupy Cannes!“

Die Trash-Firma Troma verunsichert Cannes mit Spaßguerilla-Protesten, Nicolas Winding Refn spaltet indes mit dem Wettbewerbsfilm „Only God Forgives“ mit Ryan Gosling.

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Schlachtruf bdquoOccupy Cannesldquo – (c) EPA (CANNES FILM FESTIVAL)

Der lustig-monströs kostümierte und geschminkte Trupp steht vor einem Marktkino in Cannes und schreit lautstark: „Tro-Ma! Tro-Ma! Tro-Ma!“ In den letzten Tagen hat er wie wahllos das Festival verunsichert: „Occupy Cannes!“ steht auf seinen Plakaten. Ganz wahllos ist ihr Auftauchen freilich nicht: Gerade vor Galascreenings versammeln sie sich gern rund um den roten Teppich und entblößen gern mal einen nackten Hintern, um ihn zum Beispiel in die Richtung von Leonardo DiCaprio zu halten, während dieser die Stufen hinaufgeht.

Für Fans von Underground-Kino ein geradezu rührender Anblick: „Troma Entertainment“ heißt die kultisch verehrte New Yorker Trash-Schmiede, die von Lloyd Kaufman und Michael Herz 1974 gegründet wurde und als unabhängige Anlaufstelle für Absurdes und Horribles aller Art zu haben ist: Mit Filmen wie „The Toxic Avenger“ – dessen deformiert maskierter Held, gern liebevoll „Toxie“ genannt, ist natürlich unter den Protestierenden auszumachen – feierte Troma ab den 1980ern Low-Budget-Erfolge.

 

„Überlebenskampf der Unabhängigen“

Und wiewohl längst weißhaarig, gibt sich der 68-jährige Lloyd Kaufman mit seiner Truppe so unermüdlich wie eh und je – und garantiert kein bisschen weise. In bester Spaßguerilla-Manier trieben sie für Dekaden ihr Unwesen in Cannes, etwa mit Störaktionen bei McDonald's nahe dem Festivalpalais. Bis vor ein paar Jahren – die Wirtschaftskrise erfasste offenbar auch die Ränder der Industrie – der bunte Haufen schmerzlich fehlte: An einem prestigeversessenen Ort wie dem bedeutsamsten Filmfestival der Welt gibt es schließlich sonst nicht viel zu lachen.

Aber in alter Improvisationsimpresariomanier schlagen Kaufman und Co. heuer zurück: Mit Internet-Crowdfunding hat Troma nicht nur wieder einen Film auf dem riesigen Markt, der den wirtschaftlichen Hintergrund des künstlerischen Festivals liefert– „Return to Nuke 'Em High“, eine Fortsetzung der entzückenden Troma-Teenagerfilmparodie „Class of Nuke 'Em High“ über eine Highschool gleich neben dem örtlichen Atomkraftwerk (die komischen Mutationsfolgen sind unschwer auszumalen).

Vor allem hat man die Kerntruppe des Films an die Croisette gebracht, wo sie gemeinsam auf dem Boden eines Hotelzimmers schläft und tagsüber die Dokumentation „Occupy Cannes!“ dreht. Einfach der geeignete Ort, um „vom Überlebenskampf der unabhängigen Kunst gegen die riesigen Konzerne“ zu erzählen. Mit Freude – Publicity! – registrieren die Troma-Leute Pressepräsenz bei ihrer Marktvorführung: „Return to Nuke 'Em High“ zeigt sich dann als bewährt psychedelisches, geschmackloses und derangiert-engagiertes Trash-Spektakel, so, als hätte sich seit 30 Jahren nichts geändert.

Hat sich aber. „Wir haben Quentin Tarantino beeinflusst, jetzt lassen wir uns von ihm beeinflussen“, erklärt Kaufman das abrupte Ende seines Films – eben nur „Vol. 1“, wie bei Tarantinos „Kill Bill“. So ist der Troma-Protest zwar ideal platziert inmitten von realitätsfernen Marktgeboten im Filmfestivalfieber und dem protzigen Gala-Glamour.

 

Refn: „Ich drehe wie ein Pornofilmer“

Doch das Programm von Cannes hat sich über die Jahre verändert: Nicht nur Namen wie Tarantino adeln inzwischen Action und andere Genres, die früher nur auf dem Markt zu sehen waren, zu Wettbewerbsbeiträgen. Ein gutes Beispiel liefert der mit bösen Buhs wie Applaus quittierte Rachefilm „Only God Forgives“, der den dänischen Filmemacher Nicolas Winding Refn wieder mit seinem Star Ryan Gosling zusammenbringt – für ihre letzte Kooperation, „Drive“, hat Refn 2011 den Regiepreis des Festivals erhalten.

War der vorige Film ein Neon-Noir-Traum, so ist der neue ein in blutrotes Licht getauchter Action-Albtraum, in dem der Mord an einer minderjährigen Prostituierten in Bangkok zu einem Rachefeldzug führt, der fast wortlos (aber zu opernhaftem Soundtrack von Cliff Martinez) und in sorgfältig komponierten Tableaus eskaliert. Gosling spielt den Bruder des Mörders wie einen Schlafwandler, den die absolut rücksichtslose Mama (radikal gegen ihr Image besetzt: Kristin Scott Thomas) in eine Serie von tödlichen Konfrontationen schickt.

Um die spirituelle Dimension der Gewalt sei es ihm gegangen, antwortet Refn auf entrüstete Fragen bei der Pressekonferenz, kann sich aber dann nicht zurückhalten, schelmisch nachzuschieben: „Als Regisseur arbeite ich instinktiv. Wie Pornofilmer drehe ich nur das, was mich erregt.“ Eine Antwort, als hätten sie die Leute von Troma gegeben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2013)

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