"Jackass"-Film: Humanismus mit dem Mittelfinger

Mit „Bad Grandpa“ scheinen Johnny Knoxville und seine Stunt-Burschen erwachsen zu werden. Nun im Kino.

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(c) REUTERS (MARIO ANZUONI)

Ein Glas voll Körperschweiß eines Fettleibigen trinken, sich Billardkugeln in die Weichteile schießen lassen oder splitternackt in eine Kakteenplantage springen: Sind die Stunts der „Jackass“-Burschen pubertärer Blödsinn oder anarchische Attacke auf eine geglättete Kulturindustrie?

Darüber diskutieren Akademiker seit Jahren: „Bad Grandpa“ gibt ihnen neues Material. Diese Sketch-Komödie ist der erste „Jackass“-Film, der eine halbwegs schlüssige Erzählung versucht: Weil seine drogensüchtige Tochter ins Gefängnis geht, muss der 86-jährige Witwer Ivan Zisman (Johnny Knoxville, überzeugend auf Greis geschminkt) mit dem achtjährigen Enkel quer durch die USA touren, um ihn bei dessen leiblichen Vater abzuliefern.

 

Wenn der Sarg samt Leiche umfällt

Wie bei jeder anständigen Komödie ist dieser rote Faden nur ein Gerüst, das die Humoreinlagen zusammenhält. Die werden in „Jackass“-Tradition vor Publikum inszeniert und mit versteckter Kamera gefilmt. Wer also immer schon wissen wollte, wie der Durchschnittsbürger reagiert, wenn der Sarg bei einer Trauerfeier umfällt und die (vermeintliche) Leiche auf dem Boden landet, kann hier seine Neugierde befriedigen. Anders als in seinen vorigen „Jackass“-Kinofilmen lotet Regisseur Jeff Tremaine dabei weder neue Geschmacklosigkeits- noch Körperkaputtmachungsgrenzen aus. Fast scheint es, als wären die Burschen erwachsen geworden: Einige Lachnummern – ein motorisiertes Bett zwingt Knoxville in ungesunde Körperstellungen – hätten bei Jerry Lewis genauso Platz gehabt.

Dafür scheint in „Bad Grandpa“ die Gesamtvision hinter all der „Jackass“-erei erstmals klar durch: Im Gegensatz zu Sasha Baron Cohens „Borat“ geht es Knoxville und Tremaine nicht darum, die moralische Verkommenheit, Heuchlerei und generelle Schlechtigkeit der Welt möglichst unterhaltsam zu beweisen. Bei allem Pennälerhumor, etwa wenn sich dramatische Flatulenz als brauner Fleck an einer Restaurantwand entlädt, ist es ein erstaunlich humanistisches Werk. Es geht nicht um Schock, Ärger und Wut der unfreiwillig gefilmten Hauptdarsteller, sondern darum, dass man irgendwann gemeinsam darüber lachen kann.

Mit Schocktherapie wird Menschlichkeit eingefordert. In bisherigen „Jackass“-Filmen verschwendeten sich junge Menschen an gefährliche Stunts: Sie urinierten, defäkierten, kotzten und rülpsten vor laufender Kamera, um der Leistungsgesellschaft, der Gesundheitshysterie, der Neobürgerlichkeit den Mittelfinger zu zeigen. „Bad Grandpa“ eine Sozialutopie zu nennen, wäre lächerlich: Aber wenn der Alte und das Kind marodierend, fluchend und klauend durch die USA ziehen, sich irgendwann umarmen und gemeinsam über Landstraßen fahren, kann es passieren, dass man die eine oder andere Träne wegdrücken muss.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2013)

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