Superkraft vom Zigarettenrauchen

"Der Todesstrahl": Daniel Clowes, berühmt für "Ghost World", zerlegt die Mythen von Superheldencomics. Denn: Was nützen Allmachtsfantasien, wenn man keine Fantasie hat?

Daniel Clowes
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Daniel Clowes – (c) Wikipedia

Terry Zwigoffs schöne Verfilmung seiner Graphic Novel „Ghost World“ machte den ungewöhnlichen US-Comiczeichner Daniel Clowes 2001 international bekannt: Diese tragikomische Geschichte zweier Außenseiter-Schulfreundinnen in einem namenlosen Anytown, USA, gibt inhaltlich eine gute Vorstellung vom Universum des Comicschöpfers, der das Drehbuch zum Film selbst verfasst hatte. Seine Hauptfiguren fühlen sich der langweilen Durchschnittswelt, die sie umgibt, entfremdet – was aber nicht heißen muss, dass sie selbst so aufregend sind. Sie halten sich nur dafür.

Einen seiner Titelhelden hat Clowes gar „David Boring“ genannt: Sein beißender Humor war auch in „Ghost World“ zu spüren, mit seiner relativ realistischen Anlange lässt Clowes' bekanntestes Buch aber nur ansatzweise erahnen, dass sein Autor auch ein Faible für das Groteske hat. Als Clowes Anfang der 1990er in den USA seinen Durchbruch hatte, wurden seine Werke öfter als Comic-Äquivalent zu den Filmen von David Lynch gefeiert: Americana, in denen sich Kitsch und Schrecken auf eigenwillige Weise mischen.

 

Als David Lynch der Comics gefeiert

Die verqueren Entwicklungsroman-Bildgeschichten von Clowes prägten wie Lynchs Kino eine Zeitgeist-Ästhetik, die über ihre eigenen Metiers hinaus in der Kunst tiefe Spuren hinterließ. Es war die Zeit der GenerationX, deren McJob-Leben vom Versprechen eines Andersseins und einer Alternativkultur aufgewertet wurde: Film, Musik und Comics schmückte man mit den Beinamen Independent und Alternative. Wie das Magazin „Eightball“, in dem Clowes ab 1989 seine Comics publizierte: kurze Strips und satirische Serien wie „Art School Confidential“. „Ghost World“ erschien so über vier Jahre in Fortsetzungen, bevor es 1997 als Graphic Novel publiziert und einer der ersten Erfolge des Trends zum literarisch anspruchsvollen Comic wurde – gegen den Clowes als alter Querdenker gleich zu wettern begann.

Sein neues Werk, „Der Todesstrahl“, eben bei Reprodukt erschienen, füllte ursprünglich 2004 die letzte Ausgabe von „Eigthball“, erst 2011 wurde es als „The Death-Ray“ in den USA regulär publiziert – und Clowes hatte gleich wieder Grund, sich zu beschweren: Denn als Dekonstruktion einer Superhelden-Story wurde sein Buch mit in der Zwischenzeit entstandenen Filmen wie „Kick-Ass“ verglichen, die Ähnliches weniger erfolgreich im Zuge des Comicbooms in Hollywood versuchten. Beeindruckend am Werk „Der Todesstrahl“ ist dabei gerade die völlig unspektakuläre Art, mit der Clowes alle Superheldenträume unterminiert. Seine Hauptfigur Andy ist vielmehr der Inbegriff eines Antihelden: Er ist Vollwaise, lebt bei seinen Großeltern, ist gelangweilt und orientierungslos, von Minderwertigkeitskomplexen geplagt.

Bis Andy eines Tages seine Superkräfte entdeckt, als er seine erste Zigarette raucht. Dass ausgerechnet das mittlerweile vielerorts verpönte, als Initiationsritual Richtung Erwachsensein noch immer dienliche Rauchen die Kräfte aktiviert, erzählt viel über die realistische Grundierung und zwiespältige Ironie in Clowes' Comics, die zwischen sarkastischem Kommentar und einsamer Traurigkeit oszillieren. Andys Wandlung ist Spätfolge eines wohlwollenden Experiments seines verrückten Wissenschaftler-Papas – pure Comic-Fantasterei, wie der überdimensionale Todesstrahler selbst, den Andy bald auch noch in Händen hält: Jetzt hat er wirklich die Macht über Leben und Tod. Aber was nützen alle Allmachtsfantasien ohne Fantasie?

 

Ein Rächer braucht Verbrecher

Unter dem Einfluss seines (zunehmend neidischen) besten Freundes stilisiert sich Andy zwar zum maskierten Rächer. Doch wofür? Mangels Verbrechen in seiner öden Welt legt er bald Portemonnaies auf die Straße, um Gelegenheit für Diebe – und Bestrafung – zu schaffen. Kurzum: Die Versprechen des Superhelden-Universums werden von der schnöden Wirklichkeit ad absurdum geführt (viele Schlüsselszenen sind Alltagsvariationen der Herkunftsgeschichte von „Spider-Man“). Bedenkt man, dass „Der Todesstrahl“ nicht lang nach 9/11 erschienen ist, lässt sich auch eine politische Parabel ausmachen: vom Scheitern daran, Gerechtigkeit zu üben.

Aber die wahre Originalität des Buchs liegt in seiner komplexen Konstruktion, die auf nur 48 Seiten ein ganzes Leben zusammenfasst. So wie sich der verantwortungslose Andy erfrischenderweise dem Heldenauftrag entzieht und in seiner Durchschnittlichkeit gefangen bleibt (seine Festung der Einsamkeit ist ein banales Singleapartment), so verweigert Clowes eine lineare Erzählung. Im liebevoll gestalteten Stil alter Sonntagsbeilagen-Comics – gedeckte Pastellfarben, kleinteilige Episoden mit reißerischen Titeln– geht es wild durch Zeiten und Realitätsebenen, die sich dank einfallsreicher grafischer Gestaltung voneinander abheben. Effekte wie Clowes' kühne Sprünge in den Größenverhältnissen verstärken das Gefühl, einen Traum mitzuerleben, der aber auch keine Rettung vor der Bedeutungslosigkeit bietet: Clowes letztes Wort zum Heldentum.

ZUR PERSON

Daniel Clowes (*1961, Chicago) ist einer der bekanntesten Comic-Autoren der USA. Nach dem Kunststudium machte er mit der parodistischen Serie um den Detektiv „Lloyd Llewelyn“ (ab 1985) auf sich aufmerksam. Im Magazin „Eightball“ publizierte Clowes von 1989 bis 2004 seine Werke in Fortsetzungen, darunter „Ghost World“, dessen Verfilmung durch Terry Zwigoff 2001 ein Welterfolg wurde. Clowes schrieb dafür selbst das Drehbuch, seither arbeitet er parallel an Comics („Wilson“, 2010) und deren Kinoadaptionen: Auch eine Verfilmung des Werks „Der Todesstrahl“ ist in Arbeit.

„Der Todesstrahl“ ist soeben bei Reprodukt erschienen (48 Seiten, 20 Euro).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2014)

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