"Anchorman 2": Idioten machen Quoten

Nächsten Freitag startet »Anchorman 2«: In der feinen Fortsetzung zur surrealen Kultkomödie wird Will Ferrells TV-Moderator zum ahnungslosen Propheten einer neuen Medienära.

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(c) Gemma LaMana (Photo credit: Gemma LaMana)

Warum den Leuten das geben, was sie hören sollen, wenn wir ihnen geben können, was sie wollen?“ Filmheld Ron Burgundy (Will Ferrell) äußert diese folgenschwere Frage gewohnt gedankenfrei bei einer Strategiebesprechung des neuen New Yorker TV-Kanals, der Nachrichtenberichterstattung rund um die Uhr einführt: Die 1980er ziehen gerade ins Land und werden Burgundy als ahnungslosen Propheten einer neuen Medienära bestätigen – Infotainment ersetzt zunehmend die seriöse Berichterstattung.

So viel zum seriösen Aspekt der Retrokomödie „Anchorman 2: The Legend Continues“ – praktisch die Slapstick-Version der dramatischen Mediensatire „Network“. „Ein wunderbares Lustspiel, aber eigentlich pure Tragödie“, meinte auch der altgediente CBS-Anchorman Don Shelby, der als Gastkritiker vom Fach „Anchorman 2“ für ein US-Blatt besprach: Von der steigenden Quotenhörigkeit der Sender bis zur „Synergie“ genannten Unterdrückung von Geschichten, die schlecht für Werbekunden wären, habe er „die reine Wahrheit wieder erkannt“. Doch bei allem Verständnis für Shelbys professionelle Depression: Die – in den USA bekanntlich viel stärkere – Entgleisung von Nachrichten Richtung Entertainment wird in „Anchorman 2“ mit wunderbaren Pointen illustriert.

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Autoverfolgungsjagd statt Arafat. Als etwa Ron Burgundys Exgattin und nunmehrige Konkurrentin Veronica Corningstone (Christina Applegate) ein politisch wichtiges Interview mit Yassir Arafat an Land zieht, überflügelt sie Burgundy sensationell bei den Quoten, indem er erstmals im TV live eine Autoverfolgungsjagd durch die Polizei überträgt. Als man schließlich bei Corningstone im Studio erfährt, wodurch man ausgestochen worden ist, fragt Arafat auch noch, ob man denn nicht zum Konkurrenzkanal umschalten könne: „Das will ich auch sehen!“

Solche surrealen Schlenker sind das Erfolgsgeheimnis von Comedystar Will Ferrell und seinem Leib-und-Magen-Regisseur Adam McKay, seit das Duo 2004 mit „Anchorman: The Legend of Ron Burgundy“ einen Überraschungserfolg lieferte, der mittlerweile als Zündfunke für Hollywoods Comedy-Hausse der letzten Dekade gilt – Judd Apatow, seither omnipräsente Zentralfigur des Genres, war Produzent und hatte einen Gastauftritt.


Nonstop Nonsens. Aber die gemeinsamen Projekte von Ferrell und McKay – man denke an den rasanten Rennfahrer-Wahnwitz von „Talladega Nights“ – hatten stets besonderes Flair: Zeitgemäße Revisionen der Nonstop-Nonsens-Komödien des Trios Zucker-Abrahams-Zucker, das in Parodien wie „Airplane!“ oder „Die Nackte Kanone“ den inspirierten Pointenschwachsinn von den Fesseln des Erzählzwangs befreite.

„Anchorman“ handelte pro forma zwar von den Problemen des schnauzbärtigen Machomoderators Ron Burgundy und seines reizend idiotischen Teams mit der Gleichberechtigung in den 1970ern. Wie in den Screwball-Klassikern um Katherine Hepburn und Spencer Tracy führte das zu Hassliebesgefechten mit der neuen, schockierenderweise weiblichen Kollegin Corningstone: „It's anchorman, and not anchorlady. And that is a scientific fact!“ Doch bei allem Amüsement über die Borniertheit der Figuren wurden sie samt Schwächen liebevoll gezeichnet: Diese Balance blieb das Grundprinzip aller guten Ferrell-Filme. Dazu kam die Bereitschaft zur handlungssprengenden Abschweifung in Bild und Wort (viele „Anchorman“-Sager wurden US-Alltagsphrasen) sowie Ferrells Großzügigkeit als Starkomiker, der dem Ensemble Raum ließ: So trieben seltsame Dialogblüten, die verrückter als alle Drehbuchwendungen waren.


Unbegreiflich lustig. „Anchorman“ gilt inzwischen als Klassiker und Ferrell/McKay, die sich lange Hollywoods Sequelsucht verweigert hatten, brechen nicht mit der Formel: Die Geschichte geht direkt weiter, muss aber sowieso hinter die Gags zurücktreten. Und auch hier kommt die Frage ins Spiel, ob man den Fans nur gibt, was sie wollen. Die Entscheidung ist salomonisch ausgefallen: Beliebte Ideen wie Burgundys Begabung für Jazzquerflöten-Improvisation oder die Schlacht der Nachrichtenteams – nun eine wahre Gaststar-Apokalypse – werden lustvoll ausgebaut. Aber der bei aller Absurdität entspannte Ton von „Anchorman 2“ erlaubt Ausflüge in neue Bereiche des Irrsinns: Etwa Burgundys fehlgeleiteter Versuch, beim Familienessen mit seiner schwarzen Freundin „die Rassenschranke durch Anpassung zu durchbrechen“. Sein schwerer Slangmissbrauch ist wie die Inversion der „Airplane!“-Kultszene, wo (in der deutschen Fassung) zwei Schwarze unerklärt in tiefstem Bayerisch parlieren.

Zentrales Dada-Emblem des zweiten Films ist aber Steve Carrells minderbemittelter Wetteransager geworden. Seine unfassbaren Unverständnis-Exzesse münden in einer Liebesgeschichte (mit Kristen Wiig aus „Bridesmaids“): endlich die Seelenpartnerin, mit der er einträchtig zusammenhanglose, alle anderen verwirrende Dialoge führen kann. Diese surrealen Begegnungen liefern die Leitsätze eines Films, der dem Komödiendiktum folgt, dass man über das am meisten lacht, was man gar nicht begreifen kann. Insofern ist auch die Fortsetzung wieder unbegreiflich gut geworden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2014)

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