„Harry Potter und der Holocaust“

„Die Bücherdiebin“ nach dem gleichnamigen Erfolgsroman liefert ein pädagogisches Lippenbekenntnis vor weich gezeichnetem NS-Hintergrund. Problematisch. Ab Donnerstag.

Die Bücherdiebin
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Die Bücherdiebin
(c) Centfox

Die Buchvorlage wurde von der „New York Times“ 2006 mit dem süffisanten Satz kritisiert: „Markus Zusak hat nicht wirklich ,Harry Potter und der Holocaust‘ geschrieben. Es fühlt sich nur so an.“ Zusaks Jugendbuch „Die Bücherdiebin“ wurde seither ein internationaler Bestseller, wohl auch aus den Gründen, die in der zwiespältigen Rezension angeführt wurden: bibliothekarischer Anreiz – „die Kraft der Sprache wird gefeiert“ – und Abscheu vor menschlichem Leid. Es geht um ein junges, analphabetisches Waisenmädchen, das während der NS-Zeit die Liebe zur Literatur entdeckt: zumindest eine Fluchtmöglichkeit in eine Welt, wo die Gedanken noch frei sein dürfen.

Der Roman stellte diese Idee auch in sein Zentrum. Die aufwendige gleichnamige Verfilmung vom britischen TV-Regisseur Brian Percival (u.a. „Downton Abbey“) hingegen preist – und reißt – sie zwar in Beispielsätzen an, aber die Inspiration durch Lesen bleibt bloße Behauptung. Und ohne pädagogischen Literaturzauber ist nur mehr eine kitschige Familiengeschichte vor weich gezeichnetem Hintergrund übrig. In Zusaks Buch diente ein überarbeiteter Tod als Erzähler, der manchmal auch irritierte: Im Film hört sich Gevatter Hein bezeichnenderweise an wie ein netter Märchenonkel, im Original mit idealer Honigstimme von Schauspielveteran Roger Allam („The Queen“) gesprochen. Die Kamera geht dazu natürlich in die Vogelperspektive: Zu Beginn rattert ein Zug mit der jungen Heldin durch pittoreske Schneelandschaften. Der Film behält diese Märchen-Postkarten-Stimmung im Weiteren bei – nur dass von den Häusern Nazi-Flaggen hängen.

Auch in der Straße, wo die neunjährige Liesel Memminger (gespielt von der 13-jährigen Sophie Nélissee) als Adoptivkind bei einer armen Familie unterkommt – aber der Papa (Geoffrey Rush) hat immer das tröstlich gehandhabte Akkordeon in Griffweite und die mürrische Mama (Emily Watson) verbirgt auch nur ihr goldenes Herz hinter dem im ganzen Viertel gefürchteten Auftreten.

 

Abschied von der Babelsberg-Kulisse

Die Kulisse dafür lieferte ein letztes Mal die nun abgerissene „Berliner Straße“ im Filmstudio Babelsberg, oft für Kino- und TV-Produktionen von „Der Pianist“ und „Inglourious Basterds“ bis zu „Unsere Mütter, unsere Väter“ als NS-Ära-Hintergrund genutzt – und selten mit so unerbittlich erbaulichem Vordergrund wie hier. Der so banale wie bemühte Abschied mit „Die Bücherdiebin“ hat eine sarkastische poetische Gerechtigkeit, die dem Tod von Zuskas Roman gefallen hätte (dem des Films weniger): Es ist ein Endpunkt unter das hauptsächliche künstlerische Scheitern des Booms von deutsch (ko-)produzierten Nazi-Stoffen in der letzten Dekade.

Simpelste Schwarz-Weiß-Malerei regiert. Darstellerprofis wie Rush und Watson geben ihren Figuren zwar entsprechendes Profil und die Nachwuchshoffnung Nélisse bringt als kleine Liesel ein natürliches Werbeengel-Charisma mit, beim Rest der Figuren bleiben nur mehr schablonenhafte Ansätze und beschönigende Klischees: Den grundbösen Nazis stehen lauter heimliche Widerstandskämpfer im Herzen gegenüber. Etwa wenn die jugendlichen Helden mutterseelenallein in der Natur „Ich hasse Hitler!“ schreien.

Viel problematischer ist, wie die Schrecken des NS-Regimes auch auf politisch korrektes Kinderbuchniveau reduziert werden, während man sich den Anstrich von seriöser Auseinandersetzung gibt: So wird zwar dauernd Angst beschworen, die Judenverfolgung spielt eine Schlüsselrolle. Aber entsprechende Bilder werden verdrängt, das würde den weltfernen Zuckerguss und die angestrebte sichere Rührung stören. Wenn am Ende ein (alliierter) Bombenangriff Opfer fordert, liegen sie wie schön drapierte Schlafende da, die gleich zum Himmel aufsteigen werden.

John Williams feierliche Musik soll wohl an seinen „Schindlers Liste“-Soundtrack gemahnen, während im Original die eingestreuten deutschen Akzente und Wörter fast unfreiwillig komisch sind: „Dummkopf, can't you even read yet?“, wird Liesl verspottet, so lernt sie Bücher lesen und lieben und entkommt den Bücherverbrennern. Wer könnte der Botschaft schon widerstehen? Die Verfilmung von „Die Bücherdiebin“ ist selbst ein gutes Argument dafür, lieber etwas zu lesen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2014)

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