US-Krisenkino: Rauch und Rache

"Out of the Furnace - Auge um Auge". Scott Coopers atmosphärisches Drama reiht sich in einen Trend ein: Hollywoodfilme erzählen Selbstjustizgeschichten als Spiegel einer gewalt(tätig)igen Gesellschaft.

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Christian Bale in ''Out of the Furnace'' – (c) Tobis /Kerry Hayes

Die Hochöfen brennen nicht mehr, aber die Landschaft sieht noch immer aus wie in Asche getaucht: Der „Rust Belt“ im Nordosten der USA, von der Küste um New York entlang der Großen Seen bis Chicago, ist das älteste Industriegebiet der USA. Lange sprach man vom „Manufacturing Belt“: Zum Rostgürtel wurde die Region erst in den 1980ern erklärt, nachdem die Abwanderung der Schwerindustrie in billigere Entwicklungsländer den wirtschaftlichen und sozialen Niedergang einleitete. Die Hymne zu Aufstieg und Fall eines typischen Stahlindustrie-Standorts lieferte (natürlich) Bruce Springsteen 1995 mit „Youngstown“ auf dem Album „The Ghost of Tom Joad“: „My sweet Jenny, I'm sinkin' down, here darlin' in Youngstown“, sang er aus der Perspektive eines (Vietnam-)Kriegsheimkehrers.

Detailreiches Sozialporträt

Mit seinem zweiten Spielfilm „Out of the Furnace“ begibt sich Regisseur Scott Cooper auf dieses kritische Springsteen-Territorium: Krisenstimmung zwischen angeschlagenem Patriotismus und desillusioniertem Protest. So wie die von Springsteen besungene Jenny den Spitznamen des Hochofens der größten Stahlfirma von Youngstown, Ohio evozierte, dessen zunehmend rostige Hülle nach der Schließung 1977 die Gegend wie ein Mahnmal überragte, so bezieht sich Cooper auf einen Hochofen namens Carrie in Braddock im Nachbarstaat Pennsylvania. Dort arbeitet Russell Baze (Christian Bale): Trotz der Hoffnungsversprechen des ersten Obama-Wahlkampfs ist das Verlöschen von Carrie nur eine Frage der Zeit. Aber ein Feuer brennt – in Russells Bruder Rodney (Casey Affleck), der sich aus der Stahlstadt-Misere in Irak-Einsätze geflüchtet hat und unausgesprochene Traumata zurückbringt. Er verschuldet sich bei Wetten (onkelhafter Buchmacher: Willem Dafoe) und verdingt sich für harte, illegale „Bare Knuckle“-Faustkämpfe.

In der ersten Hälfte des Films lässt sich Cooper Zeit für ein detailreiches und stimmungsvolles Sozialporträt mit differenzierten Figuren in einer verarmten Welt. Russell kommt wegen eines betrunken verursachten Autounfalls ins Gefängnis, bei seiner Freilassung macht er ein paar Atemzüge, als würde er das erste Mal Frischluft spüren. Inzwischen hat ihn seine Freundin („Avatar“-Heldin Zoe Saldana) für den örtlichen Sheriff (Forest Whitaker) verlassen und sein Bruder die vierte Irak-Tour absolviert. Wie der Bombenexperte aus „The Hurt Locker“ findet Rodney nicht ins Zivilleben zurück: Stattdessen steigt er in besser bezahlte, gefährlichere Kämpfe im Hinterland ein, die von einem White-Trash-Psychopathen (Woody Harrelson) geschoben werden. Die Entscheidung führt zur Tragödie, die den Krieg nach Hause bringt: Der Film wird zum Rachedrama, das der deutsche Titel „Auge um Auge“ verspricht.

Bevor er 2009 mit der Americana-Ballade „Crazy Heart“ um Jeff Bridges als abgehalftertem Countrysänger ins Regiefach wechselte, war Cooper Schauspieler, und wie sein Debüt lebt „Out of the Furnace“ vor allem von ungekünstelter darstellerischer Feinarbeit, etwa bei Russells bewegendem Wiedersehen mit seiner Freundin. Abermals jedoch kann Cooper als (Ko-)Drehbuchautor seine Ambitionen nicht ganz einlösen: Wie in „Crazy Heart“ verlässt er sich im Fortlauf der Handlung zu sehr auf Formeln (Parallelschnitt einer Hirsch- und einer Menschenjagd...). Mit vollem Einsetzen der Rachegeschichte verdrängt psychologische Überfrachtung zusehends das soziale Anliegen.

 

„Stolz auf 35mm gedreht“

Gerade auch darin ist „Out of the Furnace“ aber ein Film zur Zeit: Das Selbstjustiz-Thema ist vom dubiosen Aufhänger für Action-Reißer längst zur (Genre-)Zuflucht für Hollywoodfilme mit Anspruch geworden – es eignet sich als Spiegel einer gewalt(tät)ig zerrissenen Gesellschaft. Aber wie unlängst in „Prisoners“ mit Hugh Jackman führt das zu einer Überstrapazierung eines B-Film-Modells: Denn vor lauter universalem Anspruch kommt am Schluss nichts Konkretes heraus, sondern nur eine so unruhige wie vage Bestandsaufnahme zur waidwunden wie wütenden Seele der Nation. Coopers Film steht trotzdem für eine Rückbesinnung auf das politisch interessierte „New Hollywood“ der 1970er, sein Pennsylvania-Porträt schreibt das Stahlarbeitermilieu von Michael Ciminos Vietnam-Klassiker „The Deer Hunter“ direkt weiter. Auch die atmosphärische Kameraarbeit von Masanobu Takayanagi beschwört noch einmal verbrauchte, verrauchte Depressionsstimmungen, wie sie nur analoges Filmmaterial einfangen kann – „ganz und stolz auf 35mm gedreht“ steht in den Credits.

Trotzdem kommt der Film in zwei Stunden letztlich nicht weiter als Springsteens Song in vier Minuten – aber immerhin. Am Ende von „Out of the Furnace“ darf man an die letzten Zeilen von Youngstown“ denken: „I pray the devil comes and takes me, to stand in the fiery furnaces of hell.“ Und an den deutschen Titel von Ciminos Film: „Die durch die Hölle gehen“ bezog sich damals nur auf den Einsatz der Stahlarbeiter in Vietnam. Die Hölle ist heute überall.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2014)

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