Überschaubarer wird es nicht. Eher noch komplizierter. Frei nach dem Motto „schneller, höher, weiter“ ist At World's End, der dritte, angeblich letzte Teil von Gore Verbinskis Pirates-of-the-Caribbean-Saga angetreten, noch einmal noch eins drauf zu setzen. Woraus folgt, dass alle, die nach Teil zwei (Dead Man's Chest) verwirrt und erschöpft aus den Kinos gekrochen sind, sich diesmal ganz schön werden anstrengen müssen.
Also, wo waren wir stehen geblieben? Am Ende von Teil zwei wurde Käpt'n Jack Sparrow, der Rockstar unter den Piraten, von einem riesigen Kraken verschlungen. Danach standen die Dinge zwischen Gouverneurstochter Elizabeth Swann und Piratenabkömmling William Turner nicht mehr zum Besten. Gleichzeitig machte sich Lord Cutler Beckett, Beauftragter der East India Trading Company, daran, die Herrschaft über die sieben Weltmeere zu erlangen. Die Chancen standen gut, hatte er sich doch in den Besitz des Herzens des mächtigen Seewesens Davy Jones gebracht.
Auf dem Weg zum Galgen
In mehrfacher Hinsicht geht es nun also um die Wurst. Gleich die Eröffnungsszenen von Am Ende der Welt machen das klar: Lange Reihen von Piraten oder auch nur vermeintlich gesetzlosen Subjekten treten den Weg zum Galgen an. Doch bevor Maßnahmen zur Gegenwehr ergriffen werden können, muss, mit der Hilfe des wieder auferstandenen Käpt'n Barbossa, Käpt'n Jack aus seinem surrealen Totenreich befreit werden. Sodann wird der Rat der Oberpiraten einberufen. Aber auch Oberpiraten sind Piraten und verfolgen ihr eigenes Interesse. Was Wunder, dass der Kampf um die Freibeuter-Freiheit unübersichtlich bleibt. Zumal das Personal gewohnt hingebungsvoll trachtet, sich gegenseitig übers Ohr zu hauen. Von nun an herrscht Tumult, fast drei Stunden lang.
Charmanter Tumult, das muss man sagen. Zwar beschleicht einen des öfteren der Verdacht, dass der Einfallsreichtum mit den bewährten Drehbuchautoren Ted Elliott und Terry Rossio durch- und dabei die Logik über Bord gegangen ist. Allerdings herrschte Logik in diesem Piraten-Universum bisher auch nur in Form jener sophistisch verwirrenden Rhetorik, mit der die Protagonisten einander in Wortwolken hüllten, bis keiner mehr wusste, worum es eigentlich ging.
Der Krake liegt tot am Strand
Gemäß dieser Vorgabe schaffen Elliott und Rossio auch diesmal eine Atmosphäre gemütlich selbstreferenzieller Albernheit, in der noch die abstruseste Handlungswendung wenigstens akzeptabel wird: als Teil eines großen Spiels, in dem mitzuspielen sich einverstanden erklärt, wer eine Eintrittskarte kauft. Oder um einen von Johnny Depps Gewährsleuten, Hunter S. Thompson, zu zitieren: „Buy the ticket, take the ride!“
Es hilft wenig, damit zu hadern, dass links und rechts ganze Nebenhandlungen und potenziell ergreifende dramatische Szenen ungenutzt in der Versenkung verschwinden. Dass beispielsweise plötzlich der Krake tot am Strand liegt, dass Gouverneur Weatherby Swann quasi im Vorüberfahren den Styx überquert, wie noch so manch andere liebgewonnene Figur. Dass stattdessen eine Meergöttin sowie eine Piratenkönigin (dreimal dürfen Sie raten!) aus dem Hut gezaubert werden, eine Seeschlacht in einem Mahlstrom stattfindet, in deren Verlauf dann auch noch geheiratet wird (Sie dürfen nochmal raten!). Das alles sind Kollateralschäden der Beschleunigung, die die Geschichte inzwischen erreicht hat, Kollateralschäden auch des Primats von anything goes, dem Fluch der Karibik sich von Beginn an mit Gusto unterworfen hat. Wer Stringenz sucht, sitzt bei Verbinski im falschen Boot. Der nämlich gleicht jedes dramaturgische Holpern mit einem unwahrscheinlichen Gag aus, jeden zu kurz gekommenen psychologischen Konflikt mit einem fantastischen Element. Anders gesagt: Wer fragt nach Gründen, wenn er Keith Richards als Sparrows Vater geboten bekommt?
Auch Gesetzestreue sind amoralisch
Das Gleichgewicht im Gesamtbild jedenfalls ist aus leidenschaftlich praktizierter Anarchie gewachsen – und damit den Piraten sehr gemäß. Und weil Verbinski zuvor seinen Stoff nach allen Seiten hin erweiterte, weil er die mythologische Dimension des Meeres ebenso wie seine ökonomische Nützlichkeit zur Grundlage der Erzählung machte, kann er es sich schließlich auch leisten, einer Lösung des Kernproblems des Piratenfilm-Genres geschickt auszuweichen und stattdessen eine große Liebe herzzerreißend zu zelebrieren. Die Heimholung des Piraten in die Gesellschaft ist nicht das Ziel, auf das die Pirates of the Caribbean zusteuern. Wenn überhaupt irgendeine Erkenntnis am Ende dieser turbulenten Reise steht, dann die, dass die Gesetzestreuen den Gesetzlosen an Amoral in nichts nachstehen.
164 Millionen Euro kostete die Produktion von Teil2 (Die Truhe des Todes) und Teil3 (Am Ende der Welt) der Piraten-Trilogie Fluch der Karibik. Originaltitel des 2003 angelaufenen Teils 1: Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl
Fluch der Karibik 1 spielte 485 Millionen Euro ein, Teil 2 brachte Einnahmen von mehr als 745 Mio. und war damit der weltweit drittgrößte Filmerfolg aller Zeiten.
Filmstart in Österreich: 24. Mai.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2007)

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