22.11.2009 04:55 | Meine Presse Merkliste0

"300": ... ist eine Beleidigung

31.05.2007 | 18:42 |  THOMAS SEIFERT (Die Presse)

Film und Politik. Der Hollywood-Film über die Thermopylen-Schlacht ist in Teheran noch immer im Gespräch: Ein Beleg für die Renaissance persischen Nationalismus.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Es ist ein lauer Samstagabend auf der Dachterrasse eines Hauses in Nord-Teheran. Die Lichter der Zwölf-Millionenstadt funkeln, der Gebirgszug des Elburs zeichnet sich schemenhaft im Dunkel ab. Hühnerteile liegen am Grill, es gibt billigen, selbstgebrannten Wodka und Johnnie Walker Red Label Whiskey. Teherans Tugendwächter könnten die Party, zu der eine bunte Schar an Künstlern, Ingenieuren und Geschäftsleuten gekommen ist, jederzeit sprengen und alle Anwesenden ins Gefängnis werfen: Alkoholkonsum ist in der Islamischen Republik streng verboten.

Beim Small Talk geht es um die Inflation, die Treibstoff-Rationierungs-Chipkarte, die explodierenden Immobilienpreise, die Kampagne der Tugendwächter – und um den Film 300. Dariush, ein erfolgreicher Geschäftsmann Mitte 30, hat erst kürzlich bei einer Internet-Petition gegen den Film unterschrieben. „Er ist eine Beleidigung für die iranische Nation“, sagt er.

In der Hollywood-Adaption des Frank-Miller-Comic geht es um die Schlacht bei den Thermopylen im Jahr 480v.Chr., bei der eine kleine Gruppe von Spartanern einer persischen Übermacht standgehalten hatte. Der griechische König Leonidas wird von Regisseur Zack Snyder als edler Idealist dargestellt, der persische König Xerxes als Anführer einer wilden Horde von Barbaren.

Schon im März, als der Film in den USA anlief, gingen in Teheran die Wogen hoch. 300 sei „kulturelle und psychologische Kriegsführung“, verlautete aus Regierungskreisen. Im Staatsfernsehen hieß es, „die zionistische Warner Bros.“ versuche, „eine Propaganda-Front gegen die antiken und historischen Wurzeln des Iran zu eröffnen“.

Die Aufregung hält immer noch an. Die jüngste Ausgabe des Monatsmagazins „Shahr Vand“ widmet sich dem Film. In einem Artikel wird er in eine Reihe mit der Verfilmung von Betty Mahmoodys „Nicht ohne meine Tochter“ gestellt, es wird auch der Hinweis nicht vergessen, dass selbst im „US-kritischen“ Film Syriana Szenen gezeigt würden, in denen die Jugend von Teheran rauschende Partys feiert, zu denen ein CIA-Agent eingeladen ist.

300 hat etwas geschafft, das heutzutage selten in Iran ist: einen Konsens zwischen Regierung und Opposition, konservativen und pro-westlichen Gruppen, Jung und Alt, Taxifahrern und Studenten herzustellen. Eine Tageszeitung brachte die Stimmung auf den Punkt: „300 gegen 70 Millionen“.


Der Schah verglich sich mit Kyros

Doch die lautstarke Kritik des offiziellen Iran ist auch ein Indiz für das Erstarken des persischen Nationalismus: Warum sollte ein islamischer Staat einen persischen Herrscher einer prä-islamischen Epoche in Schutz nehmen? Die Glorifizierung des Achämenidenreiches wurde zuvor vor allem von Shah Reza Pahlevi betrieben, der sich vor dem Grab von König Kyros zum „König der Könige“ krönen ließ, ein Titel, der im Altpersischen Reich verwendet wurde. Phalevi ersetzte auch den islamischen Kalender durch einen neuen, an dessen Beginn die Gründung des Achämenidenreiches stand.

Der postrevolutionäre Iran wollte mit der Antike nichts zu tun haben, die Zerstörung des Grabmals von König Kyros konnte nur knapp verhindert werden, der Name des Teheraner Fußballklubs „Persepolis“ wurde auf „Pirouzi“ geändert.

Doch all das hat sich mittlerweile geändert: „Pirouzi“ heißt seit einiger Zeit wieder „Persepolis“, Persepolis selbst wird als Sehenswürdigkeit angepriesen, der 2005 vom Obersten Führer Ayatollah Ali Khamenei unterstützte Präsidentschaftskandidat Ali Larijani (nun Chefunterhändler bei den Atom-Verhandlungen) posierte für ein Wahlplakat vor einem Bild der Ruinen von Persepolis.

Die religiöse Führung musste erkennen, dass sich vor allem die Jugend für die prä-islamische Ära interessiert. „Dieses Interesse ist zum Teil eine Reaktion auf die Bedeutung, die in den iranischen Schulen dem Erlernen der arabischen Sprache und der islamischen Kultur beigemessen wird“, schreibt der britische Iran-Kenner Christopher de Bellaigue in der „New York Review of Books“.


Prä-islamische Namen sind populär

Es gibt in Teheran eine Reihe von neuen Büchern auf Persisch über das Achämenidenreich, die Sassaniden, Zarathustra, prä-islamische Namen wie Dariush oder Yasna sind sehr populär und wohl ein weiteres Zeichen einer Renaissance des persischen Nationalismus. Da will die Regierung der Islamischen Republik nicht abseitsstehen.

Das sieht auch Dariush, Gastgeber der nächtlichen Party, so. Doch sein Ärger über 300 hat einen anderen Grund: Für ihn zählen die Könige des Achämenidenreiches zu den besten Herrschern, die der Iran je hatte – „neben dem von den Briten mit Hilfe des CIA gestürzten Premierminister Mohammed Mossadeq“: Die Könige von Persepolis lehnten die Sklaverei ab, verabschiedeten die erste Menschenrechtserklärung. Man solle im Westen einmal in der Bibel nachlesen, sagt Dariush, „sogar die Juden haben nur Gutes über die Perser zu berichten. König Kyros war es, der den Juden erlaubt hat, aus der babylonischen Gefangenschaft nach Jerusalem zurückzukehren“. Das Problem sei, dass es keine persische Geschichtsschreibung über diese Epoche gebe, sondern nur Zeugnisse von griechischen Autoren. „Schon damals waren die Medien unfair zu uns“, sagt Dariush und lacht.

NATIONALISMUS-RENAISSANCE.

Die Islamische Republik setzt vermehrt auf Patriotismus und besinnt sich der vor-islamischen Größe des Iran.

Persepolis, die altpersische Residenzstadt, wurde herausgeputzt und zu einem Symbol einer vergangenen glorreichen Ära.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2007)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

7 Kommentare
Gladius
01.06.2007 18:03
0 0

Wann....

kapieren die Leute entlich das dieser Film eine verfilmung eines Comics ist und nicht (!!) :

1. eine darstellung von Historischen Tatsachen

2. Ein Idiologische Vision von Bush

Es ist ein gutes Comic das, finde ich, sehr gut in diesem Film Umgesetzt wurde. Ich Frage mich wo sind die Zeiten des einfachen entertainment hin. Ideologen müssen in allem eine politische Botschaft sehen. Das geht mir auf die Nerven. Zum thema Fashistoid. Der Film arbeite mit Archetypen und die sind nun mal extrem. Aber mir gefälts :))

Antworten Gast: Kamyar
02.06.2007 14:48
0 0

Re: Wann....

Ich würde gerne wissen, wie Deutsche reagieren würde, wenn man ein Comic verfilmt, indem Luther, Schindler, Kant, Einstein, Fichte oder Schelling als monströs, transsexuelle Barbaren dargestellt werden ?
Jeder Mensch mit Kultur sollte sich dazu verpflichten solche Filme zu verurteilen. Egal ob Perser, Grieche oder Deutscher !
Es gibt genug Kulturzerstörung auf der Welt. Wir brauchen nicht noch die Unterstützung des Films !
Mfg

Antworten Antworten Gast: holrich g.
04.06.2007 12:17
0 0

Re: Re: Wann....

bitte bringen sie diesen comic heraus und lassen sie ihn von zack snyder verfilmen.... würde ich zu gerne sehen...
auch mfg

Antworten Antworten Antworten Gast: Kamyar
04.06.2007 21:09
0 0

Re: Re: Re: Wann....

Wenn es auch ein prozent anzeichen dafür geben würde aus hollywood, dass sowas verfilmt wird, dann hätten sie diesen spruch mit sicherheit nicht abgelassen.
Perser (besonders exil-perser) erleiden momentan eine ähnliche phase wie die deutschen nach dem 2. weltkrieg. Es sind ca. 62 jahre vergangen und deutschland bemüht sich weiterhin, um sein ansehen auf der welt, aufgrund ihrer vergangenheit, zu verbessern. Der film "300" ist eine ohrfeige für all diejenigen perser (mehrheit), die versuchen den iran-feindlichen islam durch die altpersische und vor-islamische kultur zu ersetzen. Damit es auch sie nachvollziehen: Es ist als ob 1952 in Hollywood gedreht wird, wo ein deutscher held (z.B. Luther) als bösewicht dargestellt wird. Da würde ich gerne die gesichter einiger deutsche sehen, wenn ein nicht-deutscher das als "ach, ist doch nur ein film" kommentiert :-)

Freundliche Grüsse
Ein vorislamischer und kultivierter Perser

Gast: holrich g.
01.06.2007 13:22
0 0

nicht immer alles nachplappern

dieses posting bezieht sich nicht explizit auf diesen artikel sondern auf die diskussion im allgemeinen, welche bis dato einige argumente verweigert: ob die usa teilfundamentalistische und faschistische züge haben kann diskutiert werden.... ob sie sich selbst so wahrnehmen kann man getrost verneinen. sparta disqualifiziert sich doch schon im ersten satz des films in dem erklärt wird, dass ein kind welches in erscheinung und wuchs nicht dem ideal entspricht auf der stelle getötet wird. desweiteren erscheinen die spartaner als todessehnsüchtige gleichgeschaltete faschistoide truppe während die perser (wenngleich auch mit entstellten monstern im gepäck und übertrieben dekadent) eher den liberaleren eindruck erwecken und mit einer armee aus vielen völkern anrücken. weder glaube ich dass die amerikaner sich selbst noch den iran auch nur annähernd in dieser richtung begreifen und daher ist diese auf den kampf der kulturen abzielende diskussion eigentlich obsolet.

Antworten Gast: the_stephan
16.12.2007 13:11
0 0

Re: nicht immer alles nachplappern

Es gibt ja die von Ihnen beschriebene, eingebaute "Gegen den Strich" - Lesart: Multikulti-Persertum gegen Spartanerfaschismus... Aber was dominiert? Das Thema des schwungvollen und gewaltseeligen Selbstopfers. Es dominiert durch das ureigene filmische Mittel des Identifikationsangebots: Natürlich gibt es es all die vielschichtigen Aspekte des Persertums, aber mit wem identifizieren wir uns? Mit Leonidas, der so voller Lust in den Tod rennt und seine Jungs zum Mitsterben motiviert. Noch ein paar der weniger offensichtliche Begleiterscheinungen dieses Opferkultes, die man sich bei der Identifikation gern mit einfangen darf: Intellektuellen/Autoritätsfeindlichkeit (die weisen Priester sind Schweine), Antiparlamentarismus (Die Politiker sind Schweine und Weicheier), Verfassungsfeindlichkeit (Unterhändler des Gegners gegen alle Verträge töten)... Das ist - dominierend, im Kern - faschistische Wehrertüchtigung vom Feinsten! Da änderts auch nix, dass Iraner zugleich Zionismus wittern.

Antworten Gast: plebs potus
01.06.2007 16:15
0 0

Re: nicht immer alles nachplappern

Generell glaube ich, dass sich die Amerikaner selbst nicht begreifen...

Schlagzeilen Kultur

  • Herr Jürgens, werden Sie unterschätzt?
    Udo Jürgens, derzeit mit seiner "Best-Of"-CD an der Spitze der Hitparaden, beschließt seine große Tournee mit drei Österreich-Konzerten. "Die Presse am Sonntag" traf den Charismatiker.
    Disziplin in tausend Blättern
    Für den neuen Uni-Campus im Prater baut Architekt Hitoshi Abe einen Komplex für Büros, Bibliothek und Institute. Ein Spiel mit Licht, Luft und ein wenig Konditorkunst.
    Musikmarkt: Der Fan als Plattenboss
    Die Internetseite Sellaband wird als Onlinerevolution auf dem Musikmarkt gefeiert. Dort kann man sein Geld in potenzielle Hitfabrikanten investieren.
  • Vielfalt zu Haydns Zeiten
    Eine CD-Aufnahme von Flötenuhren beweist: In der Entstehungszeit klassischer Kom- positionen hielt man sich kaum an die Vorgaben der Maestri.
    Galerie in Graz: Das Ganze passt ihm nicht
    Die Neue Galerie in Graz zieht um. Was Chefkurator Peter Weibel am Samstag für eine deftige Abrechnung mit Verhinderern, Verwaltern und Verkennern nutzte.
    Sandmännchen feiert Geburtstag: "Nun schnell ins Bett..."
    Am Sonntag feiert das beliebte Sandmännchen mit großem Trara seinen 50. Geburtstag. Es entstand aus einem Wettstreit zwischen Ost- und Westdeutschland.
  • Und immer wieder Vintage
    Das Dorotheum versteigert am Dienstag Design – von Klimts Zeichenmappe bis zu Domenigs Prototyp eines Armsessels. Der Trend: Vintage.
    Oprah Winfrey tritt ab: Talk, Tränen und Trara
    Die Talkshow-Queen Oprah Winfrey verkündet ihren Abschied in zwei Jahren, um einen eigenen Sender zu lancieren. Sie ist zur mächtigen Marke geworden.
    "Paranormal Activity": Horrorkammerspiel zum Mitmachen
    Um einen Dämon dreht sich das Debüt des Israelis Oren Peli – samt dazugehöriger Marketingkampagne. Peli spielt geschickt mit Urängsten: Sein Film ist effektiv, aber nicht innovativ.
  • Josefstadt: „Hans Moser sang mit Goebbels!“
    Franzobel schrieb ein Stück über Moser, das am 25. 2. 2010 mit Erwin Steinhauer in der Titelrolle uraufgeführt wird. Herbert Föttinger erklärt, warum dieses Moser-Stück wichtig ist.
    Thomas Quasthoff erhält Karajan-Musikpreis
    Der prominente deutsche Bass-Bariton wurde am Freitagabend ausgezeichnet. Der Preis ist mit 50.000 Euro für die Nachwuchsförderung dotiert. Quasthoff wird das Geld für den Wettbewerb "Das Lied" verwenden.
    Buddhas, Bauernkästen– und Raubkunst
    Die geplante Fusion von Völkerkunde- und Volkskundemuseum weckt große Euphorie. Das Projekt ist attraktiv, aber teuer und unrealistisch. Die beiden Sammlungen dürften noch länger im Dornröschenschlaf ruhen.