Gerade ist Michael Moores Sicko in den Kinos gestartet, breitenwirksam auch dank Selbstdarstellung des populären Populisten. Aber auch so feiert Moores (zu) eingängiger Stil fröhliche Urständ: Im Kino belegt das etwa die heimische Doku The War on Drugs, im TV vieles (Moore perfektionierte seine Polemik in den 1990ern in einer TV-Serie).
Das Dokumentarische – genauer: gemeinhin davon erwartete Verantwortlichkeit – fällt dabei ungeniert schnellem Witz, vor allem aber flotter Montage zum Opfer. Gerade in der Internetvideokultur um YouTube wurde rasantes Arrangement von Material und Fakten zum Zeitvertreib und zur (egal wie dubiosen) Informationsquelle, sogar mit eigenen Superhits: etwa dem 9/11-Verschwörungsvideo Loose Change 2nd Edition.
Viel Verschwörungstheorie braucht das in Netzschreibweise kleingedruckte Kollektiv parallel universe (um Regisseur sebastian j.f.) nicht, um in The War on Drugs darzulegen, welche Lobby-Interessen und Doppelzüngigkeiten zur US-Drogenpolitik gehören, dafür bürgt schon die Eröffnung mit Richard Nixon. Auch sonst ist man Kino-Konkurrent Moore nicht fern: Ob hübsches Archivmaterial (wie chaotisch endende LSD-Versuche mit Soldaten), lustige Lieder zu Marihuana („muchas me gusto“) oder ganz ernste Aufnahmen, etwa aus Bolivien – es wird montiert, dass der Eindruck fotogener Auswahl aus wahllos gefilmten Eindrücken entsteht: Infotainment-Anstrengung.
Am anderen Ende des Spektrums: das Video Zurück zu einem unbekannten Anfang. Helmut Wimmer und Marianne Hoppe zeigen das Leben von fünf Alzheimerkranken bei Angehörigen, in ruhigen Bildern. Auch die Funktion ist klar: Positives Vermitteln von Alltagsbewältigung, gewisse Wiederholungen mag man absichtsvoll der Krankheit zuschreiben. Wie zuletzt Anita Natmeßnigs Zeit zu gehen über Hospize, wo Wimmer Kamera führte, Beleg einer Dokumentartradition, in der Verantwortlichkeit dominiert. hub
„The War on Drugs“: im Top; „Zurück zu einem unbekannten Anfang“: im Filmcasino.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2007)
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