Ang Lee: „Bergman hat meine Unschuld geraubt“

Interview. Ang Lee über seinen Film „Gefahr und Begierde“, Verwirrung beim Sex und Ingmar Bergmans Einfluss.

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(c) Tobis

Die Presse: „Gefahr und Begierde“ basiert auf einer Kurzgeschichte von Eileen Chang.

Ang Lee: Sie ist die verehrteste Autorin der modernen chinesischen Literatur. Die Leute lieben sie. Die Geschichte ist allerdings eine der kürzesten, die sie je geschrieben hat.

Sie mussten also erweitern, Figuren einfügen?

Lee: Es ist eine sehr komplexe Kurzgeschichte mit vielen versteckten Bedeutungsebenen. Fast wie ein Gemälde von Vermeer.

Verstörend ist die Sexualität Ihres Films.

Lee: Um diese Geschichte zu erzählen, mussten wir Körper verbiegen. In der chinesischen Kultur wird kaum über Sexualität gesprochen. Selbst hier geht es um eine Schauspielerin, die eine Rolle spielt. Sie ist ein gutes Mädchen, das ein böses Mädchen spielt. Und beide Hauptfiguren, besonders der Mann, verspüren Selbsthass. Gefühle oder gar Liebe werden verleugnet. Für diese Themen gibt es keine Worte, man muss sie über Körpersprache ausdrücken. Sex ist ja auch eine Art von Darstellung: Sie muss ihr Bestes geben, um sich sein Vertrauen zu erschleichen, er verhört sie währenddessen.

Haben Sie Angst davor, dass man die Darstellung von Sexualität missverstehen könnte?

Lee: Ich tue nur, was ich tun muss, um eine Geschichte bestmöglich zu erzählen. In „Brokeback Mountain“ hieß das, genau so viel zu zeigen, dass jeder verstehen konnte, dass die beiden ineinander verliebt sind. Und das Brokeback-Gebiet war ein Paradies, eine Garten Eden. „Gefahr und Begierde“ spielt eher in der Hölle: Es geht um die totale Konfusion, die totale Angst, um all das, was nicht ausgesprochen werden kann. Ein Psychokrieg um Vertrauen und Reinheit.

Wie haben Sie die Schauspieler auf ihre Sexszenen vorbereitet?

Lee: Es war natürlich eine schmerzhafte Erfahrung, wir machen ja keine adult movies.Gleichzeitig war das die Herausforderung.

Es wirkt echt, vor allem in den Gesichtern.

Lee: Wollen Sie mir weismachen, dass echter Sex nicht gespielt ist? Wir sind stolz, dass wir „Gefahr und Begierde“ so gemacht haben, egal wie schmerzhaft und auszehrend es war. Dadurch haben wir Dinge erfahren, die wir niemals wieder vergessen werden.

Ihre Hauptdarstellerin Wang Tei ist eine Entdeckung: Waren deren Körperlichkeit und Gesicht der Hauptgrund für Ihre Besetzung?

Lee: Sie kommt der Beschreibung in der Kurzgeschichte sehr nahe, und ihre physische Erscheinung ist heutzutage sehr selten: Sie ähnelt meiner Elterngeneration. Ich verkörpere mich in dieser Frau selbst: Wenn ich Wang Tei sehe, sehe ich die weibliche Version meines Selbst. In den Sexszenen war ich ganz verwirrt, da ich nicht wusste, in welchem Körper ich stecke. Auch ich bin ein Darsteller, verkörpere mich in verschiedenen Charakteren. Meine Identität fließt eher durch verschiedene Filme, als dass sie in der Realität verankert ist.

Wird „Gefahr und Begierde“ in China laufen?

Lee: Ja, aber gekürzt. Ich schneide selbst um, eine Version für ein allgemeines Publikum, da es in China keine Altersfreigabe gibt.

In den USA gab es absolutes Jugendverbot.

Lee: Die meisten Kinos zeigen den Film nicht, und wir dürfen nicht dafür werben.

Ihr Film spielt im Shanghai der 1940er. Wie viel mussten Sie in Studios drehen?

Lee: Sehr viel. Shanghai ist ein idealer Treffpunkt von Ost und West, der ganze Rest von China ist völlig anders. So war der westliche Stil des Films für mich selbstverständlich. Außerdem war Eileen Chang von alten Film-Noir-Krimis beeinflusst. Das beherzigten mein Kameramann Rodrigo Prieto und ich.

Es ist also ein romantischer Film Noir?

Lee: Und ein Melodram. Diese altmodischen Noirs mag ich sehr, und sie entstanden genau zur Zeit, in der diese Geschichte spielt.

Wie wichtig war für Sie der politische Aspekt, die Darstellung der japanischen Besatzung?

Lee: Für Chinesen ist das sehr wichtig. Der Stoff versetzt uns viele Stiche direkt ins Herz – für ein chinesisches Publikum wird der Film sehr schmerzhaft und verstörend! Es ging mir um die realistische Darstellung des Kriegs, das hat ein Echo bei den Bewohnern der besetzten Gebiete. Für das westliche Publikum musste ich die Sprache etwas vereinfachen, um die Trennung in Kollaborateure und den Widerstand hervorzuheben. Denn am wichtigsten ist immer noch, dass die Zuseher der Geschichte folgen können.

Sie haben große Melodramen wie Actionfilme gedreht. Worin liegt für Sie die größte Herausforderung im gegenwärtigen Filmemachen?

Lee: Wenn man sich einen alten Film wieder ansieht, entwickelt man einen gewissen Zynismus: Man glaubt nicht mehr daran. Wer glaubt schon den Figuren in einem Musical, die urplötzlich zu singen beginnen? Alle wollen wir die Unschuld zurückerobern, die wir früher beim Filmschauen empfanden. Es ist erfrischend, einen Film aus dem Shanghai der 40er zu erzählen, für westliche und östliche Zuschauer: Es ermöglicht altmodische Romantik, einen gewissen Filmzauber.

Sie waren einer der letzten und überhaupt einer der wenigen nicht-schwedischen Regisseure, die Ingmar Bergman persönlich trafen.

Lee: Ja, als ich im Radio von seinem Tod hörte, war ich tieftraurig, weil ich eigentlich gehofft hatte, ihm „Gefahr und Begierde“ im November vorführen zu können. Sein Film „Die Jungfrauenquelle“ war eine Offenbarung für mich, als ich ihn mit 18 Jahren gesehen habe. Er hat mein Leben verändert. Bergman hat mir meine Jungfräulichkeit und meine Unschuld geraubt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2007)

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