George A. Romero: „Wir selbst sind die Zombies!“

Interview. George A. Romero, Vater des modernen Horrorfilms, über sein neues Opus.

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(c) EPA (Jaume Sellart)

Die Kameras halten auf die Opfer einer Familientragödie, die gerade auf Bahren aus dem Haus getragen werden. Während sich eine Moderatorin in Aufstellung für den Fernsehbericht bringt, erhebt sich im Hintergrund einer der Toten und fällt den Sanitäter an. Wenige Momente später liegt die Frau mit halb weg gefressenem Gesicht am Boden, das Bild verliert seine Stabilität, am Höhepunkt der Panik wird es schwarz.

Das Präludium zu George A. Romeros Diary of the Dead stellt sich später als ein bearbeiteter Clip aus dem Internet heraus. Der US-Regisseur kehrt für seinen fünften Zombiefilm gewissermaßen in jene Nacht der lebenden Toten von 1968 zurück, mit dem er einen Markstein des modernen Horrorfilms inszeniert hat. Schon in diesem Klassiker spekulierten immer wieder TV-Berichte über die Ursache der wandelnden Leichen.

Im Interview mit der „Presse“ meint Romero dazu: „Ich war Medien gegenüber schon immer kritisch eingestellt, vor allem wegen der Gefahr, die von Manipulationen ausgeht. Jetzt bereitet es mir große Sorgen, wenn ich sehe, wie meine beiden Kinder mit dem Internet umgehen. Es ist sehr einfach zu lügen und es ist sehr einfach für jemanden mit einer irren Idee, plötzlich Millionen von Menschen hinter sich zu haben. Dort hast du Nazis, da die islamische Schia. Es wird tribalistisch. Man möchte dieser Idee einer offenen Kommunikation vertrauen, aber es scheint mir kein Diskurs zu sein, und es ist auch nicht immer ein aufrichtiger Austausch von Informationen.“


Dokumentation der Katastrophe

In Diary of the Dead entwirft Romero seine ausgeklügelte Medienkritik anhand von Filmstudenten, die zum Zeitpunkt des die Zombie-Plage auslösenden Seuchenausbruchs in einem Waldstück einen Mumienfilm inszenieren. Sie beschließen, eine Dokumentation über die Katastrophe zu drehen. Der Zuschauer folgt den jungen Leuten bei ihrem Kampf ums Überleben und um die beste Einstellung durch einen Parcours aus Schauplätzen, in denen sich Romeros eigene Karriere widerspiegelt. Es ist der erste offensichtlich selbstreflexive Film des Regisseurs aus Pittsburgh, der weiß, dass er sein Werk und sich selbst in ein Nachdenken über die Medien mit einbeziehen muss.

Romero: „1968 waren Zombies ein Voodoo-Phänomen, gehörten in die Karibik. Ich habe meine Untoten ,Fleischesser‘ genannt, ich habe das Wort Zombie nie verwendet. Das passierte erst als die Leute darüber zu schreiben begannen und zu mir sagten: ,Ach, diese Zombies!‘ Ich antwortete: ,Zombies? Das sind keine Zombies, das sind deine Nachbarn, das sind wir selbst!‘ Ich habe den Zombie nicht erschaffen. Meine Idee war wohl anders: Die Untoten tragen nun Nikes und T-Shirts und pflücken eben nicht mehr Baumwolle für Bela Lugosi.“ Romero war immer schon ein profunder und wachgeistiger Systemkritiker, in seinen Filmen machte er Machtinstitutionen aus Politik, Wirtschaft, Militär und Medien verantwortlich für den gesellschaftlichen Untergang.

„Meine Ideen stammen allesamt aus der Welt. Ich hocke mich nicht hin und erfinde Horrorgeschichten. Ich sehe mir an, was im Moment passiert – und versuche dann die Zombies dran zu kleben.“ Diary of the Deadist Romeros humorvollster und deswegen auch garstigster Film: Seine Filmstudenten begreifen die Realität erst, wenn sie von ihr aufgefressen werden. Dann schreien sie und halten die Kamera drauf.

VIENNALE-PREMIERE

George A. Romeros „Diary of the Dead“: der fünfte Film im Zombie-Zyklus läuft bei Wiens Filmfest. Termine: In der Nacht von 27. auf 28.10. um 1 Uhr früh im Gartenbau; am 29. 10. um 13.30 Uhr im Metro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2007)

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