"Revanche": Strumpfmaske im Spätsommer

Endlich wieder ein heimischer Film, der zur ganz großen Erzählung ausholt: Götz Spielmann geht für sein gelungenes Krimidrama „Revanche“ aufs Land. Mit Gewinn.

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(c) Filmladen

Warmes Spätsommerlicht fällt durch das dichte Grün auf den Boden. Alex ist mit seinem Motorrad unterwegs zum Großvater, die Kamera folgt ihm. Dann legt er sich in eine Kurve, die Kamera folgt ihm nicht mehr, sondern fährt geradeaus auf den Wald zu, kommt dann zur Ruhe. In der Mitte steht ein Baum, links davon ist gehacktes Feuerholz aufgestapelt, rechts ein Jesuskreuz angebracht. Erst später wird dieser Ort in Götz Spielmanns Revanche eine gewichtige Rolle spielen, bekommt dieser scheinbar beliebige Punkt seine Rolle in der Erzählung zugewiesen.

Die Leben von vier Menschen breiten sich in diesem österreichischen Drama organisch aus, fast so als wären sie Teil der Natur, die sie umgibt. Aber da sind dann noch menschliche Emotionen – Liebe, Hass, Wut, Schuld, Geilheit –, die zu Entscheidungen führen, die eine Tragödie bewirken. Bei Spielmann, der seine Drehbücher selbst verfasst, ist alles angefüllt mit vorahnenden Bildern: Wenn Alex (urgewaltig: Johannes Krisch) in seiner herunter gekommenen Wiener Wohnung seiner Freundin Tamara eine Pistole an den Kopf setzt, wenn er sie mit einer Strumpfmaske überm Gesicht aus dem Schlaf reißt und man dann erfährt, dass alles nur Spiel war, ist damit eine Gefühlsspur ausgelegt. Nicht mehr als ein Säuseln. Man glaubt, man weiß was kommt. Aber es kommt anders.

Revanche beginnt mit einem Wald, der sich in der ruhenden Oberfläche eines Teichs spiegelt. Plötzlich zerreißt ein Objekt die Einheit, das Bild verschwimmt, Wellen breiten sich kreisförmig aus. Erst am Filmende wird man zum Epizentrum vordringen und erfahren, was ins Wasser gefallen ist – und vor allem, wer es geworfen hat. Spielmanns Geschichte ist famos geflochten, schlägt erzählende Brücken von Wiens Rotlichtszene zum niederösterreichischen Familienhaus, das „aufg'ramt, sauber, picobello“ da steht.

 

Vom Banküberfall zur Bar

Susanne (mit zittriger Wucht: Ursula Strauss), eine Verkäuferin, hält ihr Leben in Schuss, hofft auf ein Kind, liebt ihren Mann, den Polizisten Robert (eindringlich: Andreas Lust). Die saftige Wiese leuchtet durchs Fenster. In Wien drückt sich das Betongrau ins Leben von Alex: Der raubeinige Kerl saß schon im Gefängnis und hält sich jetzt als Handlanger von Rotlichtzampano Konecny (Hanno Pöschl) über Wasser. Tamara (Irina Potapenko), einer Prostituierten, vertraut er seinen Traum von der Bar in Ibiza an: Die 80.000 Euro sollten beim Überfall auf eine Provinzbank zu holen sein. Mit ungeladener Waffe und Strumpfmaske dreht Alex das Ding, alles geht gut, doch dann kommt ein Polizist hinzu: Robert schießt – und trifft.

Der Fluchtwagen fährt von der Waldstraße ab: links der Holzhaufen, rechts das Jesuskreuz. Der anfänglich brachial wirkende Gegensatz zwischen Stadt und Land löst sich auf in Spielmanns humanistischem Blick, in seiner punktgenau beobachteten Alltagstragödie, die den Menschen aus dem Milieu schält und den Blick frei gibt auf ihre Gefühle. „Warum bist du so? Was hat man dir getan?“ will Susanne von Alex wissen. „Sei froh, dass du nicht alles weißt“, sagt er. Sie wird es dann doch erfahren.

Die Figuren in Revanche sind so faszinierend weil sie so glaubwürdig sind. Um sie herum wuchern die Mythen, aus denen die Lebensträume: von der perfekten Familie, vom geglückten Neuanfang, von der Seelenreinigung durch Revanche. Der Gang aufs Land gelingt Götz Spielmann, weil seine Geschichten dort eine Echokammer finden, da sich das, was daran persönlich erscheint, universale Gültigkeit erlangt. Endlich wieder ein heimischer Film, der zur ganz großen Erzählung ausholt! Revanche hat etwas Selbstverständliches und Unangestrengtes, eine organische Beschaffenheit: Wie die Spätsommersonne, die durch das Waldgrün fällt und Licht und Schatten bringt. Und irgendwann kommt der Herbstnebel.

ZUR PERSON

Götz Spielmann (*1961, Wien) studierte an der Wiener Filmakademie u.a. bei Axel Corti, 1988 erhielt er für seinen Diplomfilm „Vergiss Sneider!“ beim Max-Ophüls-Festival den Sonderpreis.

Mit Filmen wie „Erwin und Julia“ (1990), „Die Fremde“ (2000) und „Antares“ (2004) etablierte er sich als einer der führenden Autorenfilmer Österreichs, daneben arbeitete Spielmann am Theater.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2008)

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