Lange Fingernägel schieben sich durch die Sichtklappe der Zellentür, eine tiefe Stimme beschwört die Rückkehr der Verkörperung des Bösen –Encarnação do demonio. Nach 40 Jahren kehrt der nihilistische Totengräber Zé do Caixao auf die Leinwand zurück: In den späten 1960ern war er populäre Ikone Brasiliens, später (als „Coffin Joe“) eine Kultfigur des internationalen Horrorkinos.
Erfunden und verkörpert wurde der grausame Leichenbestatter mit dem Traum vom perfekten Kind von José Mojica Marins, einem Exzentriker, der mit seiner Kunstfigur verschmolz: Die langen Fingernägel von Zé wurden auch sein Markenzeichen, er trat mit dessen schwarzem Zylinder und Umhang auf, begründete so eine erfolgreiche Kulturindustrie – etwa mit Coffin-Joe-Comics – und wurde eine kontroverse Gestalt des öffentlichen Lebens in Brasilien.
Gotteslästerliche Sprüche
Nur die Kinopläne scheiterten: Über 40 Jahre dauerte es, bis Mojica Marins seinen dritten Totengräber-Film ohne künstlerische Kompromisse realisieren konnte. Denn er ist ein großer Filmemacher der Grenzüberschreitung, rang stets mit der Zensur: Beim ersten Auftritt 1964 schockierte Zé seine Landsleute mit gotteslästerlichen Sprüchen mindestens so sehr wie mit unerhörten Torturen. Beides ist heute im Kino gang und gäbe: Dass das Comeback von Mojica Marins dennoch ein außerordentliches Ereignis ist, liegt an seiner Integrität als Schöpfer. Sein Totengräber steht nicht nur in der „Contes cruels“-Tradition des Schauerromans, sondern fordert auch intellektuell heraus mit einer perversen Moralphilosophie zwischen Nietzsche und Anarchismus.
Am verblüffendsten an Encarnação do demonio ist aber die Verschränkung bewährter surrealer Tendenzen und persönlicher Themen mit einem ästhetischen und gesellschaftlichen Bewusstsein, das auf der Höhe der Zeit ist. Noch immer hat der Leichenbestatter Schreckensvisionen seiner Opfer, die in Schwarz-Weiß durch die farbigen Filmbilder geistern; noch immer ersinnt er verstörende Verschränkungen von Folter und Ekstase – einmal schneidet er ein totes Schwein auf, heraus steigt eine schöne nackte Frau, um ihn blutverschmiert zu umarmen.
In den Slums von São Paulo hat sich Zé nach 40 Jahren Haft versteckt, es regiert soziale Gewalt: Um am Totengräber Rache zu nehmen, geht ein Polizeioffizier – im Tandem mit einem scheinheiligen Exorzisten – ohne Rücksicht auf Verluste vor wie unlängst die titelgebende Spezialeinheit im umstrittenen Berlinale-Gewinner Tropa de Elite.
Die triumphale Rückkehr von José Mojica Marins in der Mitternachtssektion passt zum ersten Trend, der sich in Venedig abzeichnet, obwohl Festivaldirektor Marco Müller angekündigt hatte, sein Programm folge keinem Trend: Es sei nicht mehr zeitgemäß, „vom Kino zu erwarten, dass es uns von einer problematischen und widersprüchlichen Gegenwart retten könne“.
Weg vom sozial bedeutsamen Kino
Das Basteln von Trends ist heute vor allem Marketingstrategie, der Traum vom Kino als Kompass ist ein praktischer Mythos der Kulturindustrie. Und die Richtung, die in den ersten Tagen am Lido auffällig oft eingeschlagen wurde, geht bezeichnenderweise weg von den Klischees sozial bedeutsamen Kinos: Es ist die Rückkehr zum Genrekino.
Dabei hat es das Genrekino heute nicht mehr leicht, es ist längst ironisiert worden: Das belegen unverdiente Lacher bei Barbet Schroeders sympathisch altmodischem, konzeptuell klarem, aber nicht allzu spannendem Wettbewerbs-Thriller Inju, the Beast in the Shadow. Benoit Magimel taucht da als arroganter französischer Krimiautor auf der Suche nach einem mysteriösen japanischen Kollegen tief in (s)eine Fantasie von der Insel ein, mit Abstechern ins Geisha-Teehaus, zu Sadomaso-Sex und allzu selbstbewusstem Spiel mit der Form.
Formale Spielerei darf man sich offenbar nur erlauben, wenn man Erwartungen bedient: Japans Autorenfilmer Takeshi Kitano etwa erntete 2007 für die hinreißend brachiale Komödie Glory to the Filmmaker! Hohn, weil sie hinterfotzig kunstlos daherkam. Heuer kleidet er seine Selbstreflexion zu Kunst und Tod in bewährt schöne Bilder und ruhige Rhythmen – und schon ist seine (tatsächlich prächtige) Malerbiografie Achilles and the Tortoise der beliebteste Wettbewerbsfilm. Dabei erlaubt sich Kitano zusehends irre Sachen, etwa, wenn der Grenzerfahrungen suchende Maler in einer brennenden Hütte ein vergängliches Stillleben in extremis festhalten will. Nach allen tragikomischen Exzessen bleibt aber ein rührendes Bekenntnis zur Liebe: Wer braucht da noch Kunst?
Überragend: Deutscher Wettbewerbsfilm
Fatale Verwicklungen produziert die Liebe (oder jedenfalls: das Begehren) dagegen im überragenden deutschen Wettbewerbsfilm, der exemplarisch vorführt, wie das Krimi-Genre und soziale Bedeutung zwingend zusammengehen: In Jerichow variiert Christian Petzold die kriminelle Dreiecksbeziehung des Klassikers Wenn der Postmann zweimal klingelt als tragisches Doppelspiel im wirtschaftlich desolaten deutschen Nordosten (der Titel ist der Name einer Stadt) – und im Zeitalter des kapitalistischen Warenverkehrs.
In dem großartig gespielten Film wird ein arbeitsloser Exsoldat (Benno Fürmann) die rechte Hand eines Besitzers Dutzender Imbissbuden (bewegend: Hilmi Sözer), beginnt bald eine Affäre mit dessen schöner Frau (Nina Hoss). Petzolds inszenatorische Präzision ist unbeirrbar: Kein Blick, keine Geste, die ins Leere läuft (es sei denn, um den Leerlauf im Leben spürbar zu machen). Die Krimikonstruktion sorgt für bemerkenswerte Spannkraft, ohne den desillusionierten Blick auf die Verhältnisse abzulenken: So verzweifelt die Figuren um ihr Glück ringen, so unbarmherzig werden ihre Gefühlsregungen vom Geld umkreist – alles ist Tauschwert. Was heißt da noch die Liebe?
■Im Wettbewerb von Venedig setzt Direktor Marco Müller heuer verstärkt auf junge Namen und wenig bekannte Meister, etwa auf den Äthiopier Haile Gerima oder den Deutschen Werner Schroeter. Dazu fehlen Hollywood-Filme außer Konkurrenz (üblicherweise ein Reservoir für Star-Auftritte). Beides hat zur Flucht vieler PR-Agenten und Verkäufer geführt: Die fahren nun sofort zum fast zeitgleichen, mit Hollywood-Ware gesättigten Riesenfilmfest in Toronto.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2008)
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