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"Lady Jane": Die Verbrecherin aus Liebe

04.09.2008 | 17:57 |  MARKUS KEUSCHNIGG (Die Presse)

Regisseur Robert Guédiguian flirtet in „Lady Jane“ mit dem Thriller, stößt aber zu eigennützig dessen Logiken und Regeln von sich. Ab diesem Freitag im Kino.

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Es ist 15:58 Uhr, als Muriel am Bahnhof von Marseille steht. Ihre Augen springen von der Digitaluhr zur Bahnsteigsanzeige, endlich fährt ein Zug ein. Sie erwartet darin den Mann, der vor zwei Tagen ihren Sohn entführt hat: Muriel umklammert die vielen Tausend Euro, die sie sich in einer Plastiktasche unter den Arm geklemmt hat. Ein Kerl blickt sie aus dem Zug heraus an, sein Gesicht zittert, sein Ausdruck entgleist: Muriel wird ihm das Geld nach kurzem Zögern nicht geben.

Dieser Moment der gescheiterten Übergabe wirkt wie aus einem klassischen „Film policier“, nur ohne Polizisten: Regisseur Robert Guédiguian zeigt in Lady Jane viel Interesse fürs Genre, lässt es in Versatzstücken aufblitzen. Rot leuchtende Bars, Gewalt, doppelbödige Figuren verweisen auf die Erzählhaltung der Sechziger: Für das Heute ist der Film zu abgekapselt, zu fokussiert, zu kühl. Das Damals spielt ohnehin die wichtigere Rolle: Muriels Ohnmacht ob des Verschwindens ihres Sohns dient nur als Ventil, durch das die chaotische Vergangenheit in die aufgeräumte Gegenwart strömt.

 

Wilde Vergangenheit

Aus der Not heraus, weil sie das Lösegeld alleine nicht auftreiben kann, wendet sich Muriel an zwei alte Freunde: François (Jean-Pierre Daroussin) und René (Gérard Meylan). Zu dritt, das erfährt man aus Gesprächen, das wird illustriert in Rückblenden, haben sie Dinger gedreht: mit Plastikmasken über den Gesichtern Luxusgüter wie Pelzmäntel oder Juwelen geklaut, dann in Gemeindebauten verteilt. Das war früher: Man konnte noch anecken, man konnte rebellieren, der kriminelle Akt als anarchistisches Kunstwerk, so in etwa. Heute ist die Bande ruhig geworden: Muriel führt eine Boutique, François schraubt an Booten herum, René verkauft Spielmaschinen.

Aber jetzt müssen sie wieder gemeinsam vorgehen, die Männer wollen der Frau helfen, immerhin ist einer von den beiden auch Vater des Buben: Er muss seinen Sohn retten. Die Waffen werden wieder geladen. Erst spät lässt Guédiguian sein eigentliches Thema zu: „Jemand, der Rache sucht, ist wie die Fliege, die immer wieder gegen das Fenster knallt, obwohl es eine Tür gibt, die offen steht“, lautet das armenische Sprichwort, das der Regisseur auf die letzte Einstellung folgen lässt. Dem Rachefilm zu eigen ist der Perspektivenwechsel: vom Opfer zum Täter, im Fall von Muriel eben von der Täterin zum Opfer zur Täterin.

Immer wieder, und das gehört mit zu den spannendsten Momenten des Films, kehrt Guédiguian den Blick um: Er zeigt Muriel, wie sie in ihrer Boutique zusammenbricht, er zeigt – mit verwackelter Kamera –, wie sie jemand von außen dabei beobachtet. Die Verbrecherin wird zur Gebrochenen: Es könnte so aufregend und aufklärend sein, die Vergangenheit zur Gegenwart zu machen, alte Konflikte ins Jetzt zu reißen, die Wunden wieder zum Bluten zu bringen.

 

Prächtige alte Gauner

Aber Guédiguians Regie ist, wie bei den meisten seiner Filme, zu eigennützig: Er flirtet zwar mit dem Thriller, stößt aber gleichzeitig dessen Logiken und Regeln von sich weg, will das Genre umpflügen. Viel zu langsam schält sich die Abgründigkeit aus der Geschichte heraus, beeindrucken können nur die Schauspieler, allesamt Guédiguian-Stammpersonal: Daroussin und Meylan sind prächtig als alte Gauner, ihre Gesichter selbstredend; Ariane Ascaride beeindruckt als Mutter und Rächerin. Gerade, weil das Ensemble so stark ist, ärgert man sich über die fehlende Intensität und darüber, dass in Lady Jane große, existenzielle Konflikte ohne Nebenwirkungen am Zuseher vorbeiziehen. So muss auch die finale Konfrontation enttäuschen: Wie bei einem misslungenen Fernsehkrimi stopft Guédiguian Erklärungsmomente in die letzten Minuten.

„Lady Jane“ heißt eine B-Seite der „Rolling Stones“ von 1966. „Wedlock is nigh my love, her station's right my love, life is secure with Lady Jane.“ Es ist auch der Name von Muriels Boutique. Darin verkauft sie Luxusartikel, solche, die sie früher gestohlen hat. Die Zeiten haben sich geändert.

ZUR PERSON

Robert Guédiguian wurde 1953 in Marseille geboren. Er widmet sich als Autor, Regisseur und Produzent dem Arbeitermilieu seiner Heimatstadt. Mit seinem Debüt „Dernier été“ (1981) und weiteren sanft und lustvoll gezeichneten Komödien und Dramen machte er sich bei Cineasten einen Namen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2008)

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