Schwarz-Weiß. Grautöne. Ich erinnere mich noch an den Grundig-Fernseher, mit seiner hölzernen Hülle und dem gerillten Wählrad für die Kanäle. Beim Umschalten hat's metallisch gekracht. Unter der Woche, am Abend, Ende der 70er-Jahre, schaute dann Captain Kirk in seiner grauen Uniform aus dem Kastl. Spock zog eine graue Augenbraue hoch. Miss Uhura war gar nicht so schwarz. Und all die Monster und Planetenkiller, die Tribbles, Klingonen, Lichter von Zetar und grünen Girls vom Orion, die waren schwarz-weiß-grau. War ein Hammer, als ich später mit dem neuen Farb-TV sah, dass Kirks Uniform in Wahrheit gelblich war, die von Scotty rot, und Phaserstrahlen bunt. Das kann nimmer besser werden, dacht ich mir.
Dann uferte Star Trek aus, nicht immer zu seinem Vorteil, in den 80ern folgte gar eine „Next Generation“, dazu Spin-off-Ungetüme wie „Deep Space Nine“, verschiedene Regisseure (darunter Trek-Protagonisten wie Jonathan Frakes) schufen zehn Kinofilme. Denen ging zuletzt die Luft aus, und zwar sowohl inhaltlich-atmosphärisch als auch gemessen an der harten Währung der Kinogänger.
Sicher, der phänomenale „Achter“, als die Enterprise gegen das Menschmaschinenkollektiv der Borg focht, legte die Latte hoch, da konnte nix Bessres mehr nach. Also war der Neuner ein politisch korrektes Soufflé, das beim ersten Anschauen zusammenfiel; der Zehner, als Picard seinen Klon trifft, war spannend und düster, zündete aber nicht recht. Vielleicht war man auch schon zu alt. Die Studentenjahre, als man sich am Nachmittag „Next Generation“-Folgen und dazu allerhand anderes reinziehen konnte, sind auch schon jenseits der Ereignishorizontes.
Angriff der Milchgesichter
Als es 2008 hieß, J. J. Abrams mache Teil elf, der in der Jugend der Ur-Crew um Kirk, Pille und Co. spielte, hielt man die Luft an: Der machte Bum-Bum-Kracher wie „Mission: Impossible III“ – das kann nix werden! Dann erste Fotos der Darsteller: Bubis, 70er-Jahrgänge, wie soll Milchgesicht Chris Pine, der in Liebeskomödien wie „Plötzlich Prinzessin“ herumsüßelte (in „Zum Glück geküsst“ macht er mit Ungustine Lindsay Lohan herum, darauf steht Erhängen am Galgenmikrofon!), die Rolle des Haudegens James Tiberius Kirk füllen? Oder Zachary Quinto: Für den nur aus der Serie „Heroes“ bekannten Schönling müssen die Schuhe von Leonard Nimoy bzw. Spock nicht nur eine Nummer, sondern ein Zahlensystem zu groß sein.
Aber jetzt, unerwartet, wird alles doch besser. Man könnte sagen: Das geistige Schwarz-Weiß aus Skepsis und Furcht zerreißt – und endlich ist da wieder Licht. Farbe. Und das Gefühl vibrierender Nerven.
Abrams legt mit einer hinreißenden Kamerafahrt los und lässt rasch ein Unheil in Form eines Rutenbündels (oder einer Spinne?) aus einem schwarzen Loch ins Jahr 2233 kriechen; dem Jahr, in dem laut der offiziellen Star-Trek-Enzyklopädie James T. Kirk zur Welt kommt. Geburt und Tod erweisen sich als nah, und nachdem die erste Träne zerdrückt ist, beginnt Abrams, sich an dem schönen und in sich konsistenten Plot von Roberto Orci und Alex Kurtzman orientierend, aus dieser ein neues Epos zu malen: die Geschichte vor der Geschichte.
Die sei nur angerissen: Im Grunde geht's um Zorn. Rache. Und wie Menschen werden. Im Jahr 2387 (zur Orientierung: „Nemesis“, der zehnte Teil, spielt acht Jahre zuvor; Kirk ist eigentlich seit 2293 tot) wird die romulanische Heimat zerstört; Spock ist daran beteiligt und wird nun von romulanischen Minenarbeitern verfolgt. Ihr Weg führt durch die Zeit, wo sie just zu Kirks Geburt auftauchen – und eine leicht alternative Zeitlinie in Gang setzen, die es den Autoren ermöglicht, nicht sklavisch jedes Detail des klassischen Star-Trek-Universums einhalten zu müssen.
Prügel-Landei versus Ordnungssklave
Man erfährt, wie Kirk und Spock aufwuchsen: Der eine ein Landei, das säuft und schlägert, der andere ein von seinen vulkanischen Mitschülern wegen seiner menschlichen Mutter gehänselte Sklave von Ordnung und Logik. Beide geraten zur Sternenflotte und wüst aneinander: Einmal schlägt Spock den renitenten Kirk, der auch schon mal Miss Uhura an die Oberweite langt, windelweich. Dann legt sich die Sternenflotte mit den Minenarbeitern an, noch ein Planet geht kaputt, dann fast die Erde. Und am Ende endet alles in ... Okay: Das reicht.
Staunend sieht man, wie die Jungschauspieler die Rollen ihrer Vorgänger nicht nur glaubhaft füllen, sondern neu nuancieren. Der gebürtige Russe Anton Yelchin gibt einen zerstreuten Chekov, Zoë Saldana eine wahnsinnig sexy Uhura und John Cho einen zähen Sulu (s. unten). Der Neuseeländer Karl Urban brilliert auch optisch als „Pille“ Dr. McCoy, hat aber zu wenig Raum. Britenkomiker Simon Pegg als Chefingenieur „Scotty“ ist gewöhnungsbedürftig. Dafür werden wahre Kenner u. a. mit grünen Orion-Girls, Spocks Harfe und dem legendären „Kobayashi Maru“-Test belohnt – und mit einer großen Rolle für Captain Christopher Pike (gespielt von Bruce Greenwood): Der war Kirks Vorgänger als Enterprise-Chef, kam aber nur in zwei Folgen der originalen Serie vor.
Teile der Handlung und Dramaturgie mögen zwar, wie es der Science-Fiction recht inhärent ist, an den Haaren herbeigezogen sein, und Jung-Kirk Chris Pine nervt bisweilen mit seinem Prügeltrieb und seiner vordergründigen Lässigkeit. Dann aber wieder versinkt er so in den Stuhl des Captains, dass aus seinem Antlitz förmlich William Shatner rinnt. Und in Eric Bana (der gab in „Troja“ den Hektor) hat er einen Feind, dessen Grobschlächtigkeit geradezu zauberhaft ist.
Es wär verwunderlich, würde aus diesem feinen Boden nicht ein tragfähiger Baum für neue Abenteuer einer neuen alten Crew erwachsen. Im Weltraum. Unendliche Weiten. Und es riecht wieder nach Jugend.
Ab 8. Mai im Kino
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2009)
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