Träume von Tourismusdirektoren sehen anders aus. Irgendwie werbemäßiger. Die neue „Tatort“-Folge „Kinderwunsch“, die morgen, Montag, um 20.15 Uhr auf ORF2, ausgestrahlt wird, findet mit wenigen Ausnahmen vor den Kulissen trostloser Hafenareale und weiter Industriehallen statt. Linz zeigt sich dabei von der harten Seite, der österreichische Sonderermittler ist dabei brutaler als zuvor.
Zum tristen Setting passend fällt diesiges Licht in das graue Großraumbüro der Aufdeckerjournalistin Sandra Walch, die tot aus der Donau gezogen wurde. Der Mord an der jungen Mutter führt Harald Krassnitzer in seinem 21.Fall als Kommissar Moritz Eisner in einen Sumpf, in dem Gier, korrupte Medizin und gewalttätige Ostbanden ihr Unwesen treiben. Der Wiener Hauptermittler und seine Linzer Kollegen Karin Brandstätter (Fanny Stavjanik) und Wolfgang Rohrmoser (MichaelMenzel) tappen im Dunkeln und stolpern dabei noch über einen weiteren Toten. Serge Falck praktiziert, Manuel Rubey intrigiert und Dorka Gryllus verführt – in Nebenrollen.
Heiß wird die Spur erst in einer Klinik für künstliche Befruchtung, der Kommissar selbst erwärmt sich während seiner Ermittlungen für eine Musikerin, die ihm vor ausnahmsweise gefälligem Tourismusdirektorenhintergrund schöne Augen macht. Als er schließlich hintergangen wird, bestraft der Wiener Kriminaler den Verrat an seiner Person mit einem Gewaltausbruch nach dem Vorbild des neuen James-Bond-Typus, der auch zarte, aber hinterhältige Frauen nicht schont: „Notwehr auf Österreichisch“, ist eine Spezialität, die Eisner härter als in vergangenen „Tatort“-Folgen wirken lässt. Vielleicht ein Versuch, den österreichisch-langsamen Ruf der heimischen „Tatort“-Produktion abzuschütteln?
Ein (unfreiwillig?) witziges Detail ist jedenfalls der deplatziert und anachronistisch wirkende Kopfschmuck Krassnitzers – vor allem in der Atmosphäre der in „Kinderwunsch“ allgegenwärtigen Hightech-Medizin. Nach einem harten Schlag aus dem Hinterhalt liegt, taumelt, ermittelt und zielt der Kommissar szenen- und minutenlang mit einem fein gesponnenen weißen Netz mit Knoten auf dem Schädel. Das amüsiert – auch bei der Vorpremiere im Linzer Brucknerhaus. Zur Präsentation der Großproduktion, für die der Dramatiker Thomas Baum das Drehbuch schrieb und Walter Bannert Regie führte, offenbarte Bürgermeister Franz Dobusch, dass er nie freiwillig eine „Tatort“-Folge auslasse, Linz09-Intendant Martin Heller gab zu, dass er nie fernsehe, wünschte sich aber trotzdem, dass der Linz-„Tatort“ eine Chance sei, „Bilder der Stadt zu transportieren“. Generaldirektor Alexander Wrabetz gratulierte Linz dazu. Nur der ebenfalls anwesende Tourismusdirektor Georg Steiner machte ein nicht ganz so glückliches Gesicht. Die Bilder hatte er sich wohl anders vorgestellt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2009)
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