"Star Wars VII": Ein Film, der es allen recht machen will

Kritik. "Star Wars: Das Erwachen der Macht" ist ein Blockbuster-Prachtexemplar: Unterhaltsam, rasant, detailverliebt. Gleichzeitig steht der Film so sehr unter dem Bann der Originaltrilogie, dass er auf seine eigene Identität vergisst.

Rey (Daisy Ridley) und Finn (John Boyega)
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Rey (Daisy Ridley) und Finn (John Boyega)
Rey (Daisy Ridley) und Finn (John Boyega) – (c) Disney

Eine neue Hoffnung. So lautet der Untertitel des allerersten „Star Wars“-Films, Episode IV. Er hätte auch zum neuen Kapitel der Weltraumsaga gepasst, das heute offiziell in den österreichischen Kinos aufgeschlagen wird, denn an diesem hängen Hoffnungen von wahrhaft galaktischen Ausmaßen: Millionen von Fans wünschen sich eine würdige Wiedergeburt ihres geliebten Erzähluniversums, und der Disney-Konzern, seit 2012 Eigentümer aller relevanten „Star Wars“-Lizenzen, ersehnt einen glücklichen Neustart der Blockbuster-Reihe – auf dass dieselben Fans ihn künftig dauerhaft mit Dollarmillionen versorgen. Vorprogrammiert ist der kommerzielle Erfolg von „Episode VII: Das Erwachen der Macht“ sowieso. Der Traum Hollywoods wird Wirklichkeit: Ein risikofreier Kassenschlager, „too big to fail“ aufgrund des geradezu übernatürlichen Kultstatus seines Basismaterials. Aber von der Anerkennung durch die hochsensiblen „Star Wars“-Jünger (und –Ältesten) rund um den Globus hängt ab, ob der neue Außenposten von Disneys Unterhaltungsimperium auf Sand fußt – oder auf Granit.

Jetzt, wo die legendären Eröffnungsfanfaren der „Star Wars“-Titelmelodie im Begriff sind, den wahrscheinlich längsten und lautesten Hype-Trommelwirbel der Kinogeschichte abzulösen und unzählige Kinosäle in euphorische Sternenkriegsstimmung zu versetzen, darf gesagt sein: Wirklich enttäuschen wird der neue Film wohl die wenigsten. Das Lucasfilm-Kreativteam unter der Ägide von Produzentin Kathleen Kennedy (Schöpfer George Lucas selbst ist seit dem Disney-Deal im Ruhestand und trägt nur noch den Ehrentitel eines „kreativen Beraters“) haben weder Kosten noch Mühen gescheut, um es allen – aber auch wirklich allen – recht zu machen, Hardcore-Enthusiasten ebenso wie etwaigen Neulingen. Oberstes Gebot war die Orientierung an der Originaltrilogie, um dem sterilen Spektakel der einträglichen, aber weithin verrufenen Prequels (Episode I-III) ein Schnippchen zu schlagen, kurzum: Buße zu tun für die Sünden des Vaters, der da Lucas heißt, indem man sich auf dessen Tugenden zurückbesinnt. Also keine drögen Holzschnittdialoge vor pittoresken Animationskulissen mehr, kein übersteigerter Digitalbombast mit dem Charme eines CAD-Modells, sondern echte Sets und Analogeffekte im Verbund mit modernster Tricktechnik, das Beste aus beiden Welten. Und statt farbloser Figuren auf Irrwegen durch ein undurchsichtiges Handlungsgestrüpp aus Handelsembargos und politischen Intrigen ein Satz frischer Archetypen, die dem Ruf des Monomythos folgen.

Ein Märchen über den Kampf zwischen Gut und Böse

Im Kern ist „Star Wars“ ein Märchen über den immerwährenden Kampf zwischen Gut und Böse. Kein Wunder also, dass sich auch 30 Jahre nach der siegreichen „Rückkehr der Jedi-Ritter“, wo „Das Erwachen der Macht“ ansetzt, Rebellen im Widerstreit mit einer dunklen Bedrohung befinden. Diese heißt nicht mehr „Imperium“, sondern „Erste Ordnung“, fährt aber dasselbe faschistoide Eroberungs- und Vernichtungsprogramm. Es ist die vielleicht schönste Idee des Films, dass sich einer seiner Protagonisten aus den Reihen der gesichtslosen Sturmtruppen dieses Molochs schält. Finn (super: John Boyega) hat anfangs keinen Namen, nur eine Seriennummer. Bei einer Massaker-Mission packt ihn die Identitätskrise, kurz darauf verhilft er einem gefangenen Piloten der Allianz (Oscar Isaac) zur Flucht – und landet in Folge auf dem Wüstenplaneten Jakku. Dort führt ihn das Schicksal, Entschuldigung: die Macht – mit der forschen Schrottsammlerin Rey (Daisy Ridley) zusammen, und gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach der Widerstandszentrale.

Gleich zu Beginn beschleunigt das Erzähltempo auf Überlichtgeschwindigkeit und geht bis zum Schluss nur selten vom Gas. Die ersten dreißig Minuten sind ein einziges Reißausnehmen der Hauptfiguren vor diversen Verfolgern entlang einer Perlenkette atemloser Actionsequenzen. Die beste davon holt den Millennium-Falken, das wohl bekannteste Raumschiff der Saga, mit Rey am Steuer aus der Reserve. Regisseur J.J. Abrams hat schon sein „Star Trek“-Reboot im „Star Wars“-Modus inszeniert, nun ist der Kinodynamiker vollends in seinem Element: Mit Ranfahrten, Blitzzooms und anderen Mobilisierungstaktiken hält er den Ball am Laufen und den Zuschauer auf Trab, während humorvolles Geplänkel für leichtfüßige Charakterentwicklung sorgt – ganz wie in den alten Filmen. Zudem ist „Das Erwachen der Macht“ ein Musterbeispiel für beiläufiges „Worldbuilding“: Ausstattungsdetails, Randfiguren und vereinzelte Dialogpassagen bieten zahllose Andockstellen für die Publikumsphantasie, das Universum weiterzudenken – ganz wie in den alten Filmen.

''Star Wars VII'': Das Erwachen der weiblichen Macht

Ein Düsterschurke wie Darth Vader

Alles schön und gut, doch die Quellenreverenz geht weiter. Abgesehen von den obligaten Auftritten bekannter Heroen, die den unbekannten ihren Segen geben (am prominentesten vertreten: Harrison Ford als Schmuggler Han Solo), neben dem Soundtrack von John Williams und Myriaden kleiner Anspielungen für Fans lehnen die Ko-Autoren Abrams und Lawrence Kasdan (Drehbuch bei Teil V und VI) ihren Film auch in Motivik und Struktur stark an die Originale an, bieten Variationen auf bestehende Stimmungen, Schauplätze und Story-Konzepte. Düsterschurke Kylo Ren (Adam Driver) ist im Grunde Darth Vader mit aufgemotztem Laserschwert und dem Temperament eines Teenagers. Spätestens als die Erste Ordnung ihre Superwaffe enthüllt, erkennt man die Grenzen dieses Erzählkosmos und die Krux des Nostalgieblockbustermodells: Das Alte wird zum Käfig des Neuen. Als George Lucas 1976 „Star Wars“ drehte, stand er unter dem Bann der Flash-Gordon-Serials seiner Jugendzeit – doch die Welt, die er schuf, war eigenständig. Abrams liefert spektakuläre, unterhaltsame und rasante, aber mit wenigen Ausnahmen (eine tolle Alptraumsequenz bleibt in Erinnerung) ausgesprochen unoriginelle Fan-Fiction.

2017 kommt der nächste Film, 2019 der übernächste. Geht es nach Disney, wird die Reihe bis in alle Ewigkeiten fortgesetzt. Für jene, die sich mehr erwarten, wird sie also noch oft genug aufbranden – eine neue Hoffnung.

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