Die Polizei ist im Hotelflur. Frankreichs Ausbrecherkönig Jacques Mesrine (Vincent Cassel) greift zu einer Finte, ruft auf Deutsch: „Bin mit der Baader-Gruppe!“ Es ist eher ein Witz, eine momentane Inspiration, dass sich Gangster Mesrine als terroristischer Revoluzzer ausgibt. Aber dann findet er Gefallen daran, sich zum Widerstandskämpfer zu stilisieren: So will Frankreichs Staatsfeind Nummer eins gesehen werden – ein rebellischer Glamour-Gangster, zu gleichen Teilen Baader-Meinhof und Robin Hood.
Von dieser Selbststilisierung erzählt der zweite Teil der Filmbiografie über Mesrine, Public Enemy No.1 – Todestrieb. In den Siebzigerjahren hielt Mesrine Frankreich in Atem: Ihm gelangen spektakuläre Banküberfälle und Fluchten (aus Gefängnissen, einmal sogar direkt aus dem Gerichtssaal!), er gab größenwahnsinnige Interviews und protzte mit attraktiven Komplizinnen.
In seiner per Kassiber aus dem Gefängnis geschmuggelten Autobiografie „L'instinct de Mort“ (1977, auf Deutsch: „Der Todestrieb“) dichtete sich Mesrine freiwillig ein paar Vergehen mehr an, um blutrünstige Zeitgenossen zu übertrumpfen. Das Buch wurde zum Bestseller, das Parlament erließ ein „Loi Mesrine“: Niemand sollte mehr von der Veröffentlichung seiner Verbrechen profitieren.
Verbrechen soll sich zwar nicht lohnen, seine Verfilmung aber schon. Der Mesrine-Kinozweiteiler von Regisseur Jean-François Richet gibt sich also kommerziell, statt Aufarbeitung bietet er Attraktionen: Ausstattung, Action, archetypische Klischees (kurz vorm Ende fährt Mesrine mit seiner Gangsterbraut zu „Je ne regrette rien“ im Kreis).
So sind die beiden Filmteile auch fast unabhängig voneinander: Die erste Hälfte, Public Enemy No.1 – Mordinstinkt, schilderte Mesrines Weg vom Algerienkämpfer zum Kriminellen, der erst – nicht ganz so beeindruckend – Quebecs Staatsfeind Nummer eins wird. Außer Mesrines in Outlaw-Manier hochstilisiertem Tod (als Klammer um beide Filme) wird die Legende seiner Autobiografie recht geradlinig abgespult. Die Oberfläche regiert, nur der Wechsel von Zeitkolorit und Gaststars zählt: grindiges Siebziger-Krimiflair statt poppigen Sixties-Farben, als krimineller Kollege: Mathieu Amalric statt Gérard Depardieu, als Gangsterliebchen: Ludivine Sagnier statt Cécile De France.
One-Man-Show mit putzigen Perücken
Aber Public Enemy No.1 ist eine One-Man-Show: Vincent Cassels Charisma muss das Interesse inmitten schmucker Beliebigkeit wachhalten. Vor allem in zweiten Teil erheitert er mit einer Vielzahl falscher Bärte und putziger Perücken. Der Film zeigt zwar Mesrines Spiel mit seinem Image, findet aber keine kritische Position zur Figur – oder zur Geschichte. Es reicht weder zur Hagiografie noch zur Demontage, wie derzeit auch bei Steven Soderberghs wenigstens formal ambitionierterem biografischen Zweiteiler Che.
Für seine Räuberpistole revitalisiert Regisseur Richet zwar den (Film-)Stil der Ära, aber das damalige Kino lebte auch von einem Bezug zur Wirklichkeit, der längst verloren ist. Ganz wie beim zeitgleich entstandenen Baader Meinhof Komplex fehlt es hier nicht nur an momentaner Inspiration.