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Woodstock-Film: "Ein amerikanisches Happening"

13.08.2009 | 19:03 | CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Regisseur Ang Lee zieht im Film "Taking Woodstock" tragikomische Bilanz zum Jubiläum des legendären Festivals. Ein Gespräch über verschwundene Hippie-Vibes, problematische Schamhaare und LSD-Trips.

Herr Lee, während des Woodstock-Festivals haben Sie noch in Taiwan gelebt. Welche Wirkung war aus der Entfernung auszumachen?

Ang Lee: In der Erinnerung ist der Eindruck sehr gering. Ich weiß noch, ich habe gearbeitet und sah es in den Nachrichten, auf einem kleinem Schwarz-Weiß-Fernseher: ein Meer von Menschen, lange Haare, Gitarrenimprovisationen... Es war ein amerikanisches Happening, etwas, das sehr cool war – und auch gleich schon wieder vorbei.

War das aus Ihrer Sicht nicht eher seltsam?

Lee: Alle diese Vorgänge in den USA waren irgendwie seltsam für uns. Bedenken Sie: Wir in Taiwan glaubten fest daran, dass uns eine amerikanische Weltordnung schützte. Ich wuchs an der vordersten Front des Kalten Krieges auf, es gab kaum einen Ort, der so antikommunistisch und unsicher war. Die Sicherheit, die uns die USA boten, war sehr wichtig für uns, ich wuchs mit dieser Haltung auf. Antikriegskundgebungen und Hippies zu sehen, war also ein wenig verstörend: Ich war darauf programmiert und hintrainiert, von so etwas verstört zu werden!

Was hat Sie daran gereizt, die Geschichte von Woodstock wieder zu erzählen?

Lee:Irgendetwas an einer Geschichte muss mich packen, damit ich einen Film daraus machen kann. Aber ich habe aufgegeben, zu begreifen, was es ist. Meine ersten drei Filme zum Beispiel behandelten Themen, mit denen ich gut vertraut war. Aber dann zogen mich immer wieder Stoffe an, bei denen das Gegenteil der Fall war – wie die schwulen Cowboys in „Brokeback Mountain“. Es geht gar nicht so sehr um die Figuren und Geschichten an sich, da kann man sich immer etwas einfallen lassen, es ist die Kombination der Elemente, die mich reizt. In „Taking Woodstock“ wird ein sehr großes Ereignis aus einem sehr engen Blickwinkel geschildert – ich glaube, das hat mich erwischt. Und, die Verbindung zu meinem Film „Der Eissturm“: Da schilderte ich die Siebzigerjahre als eine Art Kater nach Woodstock.

Und heute? Was ist übrig vom „Woodstock-Vibe“, von der Stimmung und den Idealen?

Lee: Wirklich nicht viel. Wenn ich mir etwa meine eigenen Kinder ansehe – die sind viel nüchterner als jede Figur in meinem Woodstock-Film! In der Musik und anderswo werden zwar nach wie vor brillante Sachen gemacht, aber der Vibe ist ganz anders. Obwohl: Der Obama-Optimismus erinnert mich an damals, der Glauben, dass man etwas tun und Änderungen bewirken kann. Das ist eine ewig junge Idee, man spürt etwas Neues: die nächste Generation...

Um Woodstock nachzustellen, mussten Sie eine ganze Menge an Statisten auftreiben.

Lee: Wir haben Einheimische engagiert, keine professionellen Statisten, sondern junge Leute vom College. Und echte Hippies aus New Hampshire, da gibt es noch immer welche. Wichtig für uns war dabei, dass sie wie wirkliche Menschen wirken, nicht wie Statisten. Natürlich kommen in den Massenszenen die Leute mit dem geeigneten Körper in den Vordergrund. Dabei entpuppte sich die Schambehaarung als ein wirkliches Problem! Es war sehr schwierig, heutzutage für die Nacktauftritte geeignete Statisten zu finden, die sich ihre Schaamhaare nicht abrasiert haben! Insgesamt war während der gesamten Drehzeit eine Kerngruppe von ungefähr 200 Personen da. Wir versuchten, sie zuvor mit einem zweitägigen Hippie-Trainingsprogramm einzuschulen: Wir gaben ihnen ein eigenes Hippie-Handbuch, damit sie den Slang und die Kultur lernten – und die „richtige“ Einstellung!

Mit solchen Menschenmassen muss es doch ziemlich viel Gestank und Dreck gegeben haben, ganz wie in Woodstock selbst...

Lee: Ach, es war nur ein kurzer Abschnitt der Dreharbeiten, und die Leute waren total gut drauf. Ich habe noch nie junge Menschen so glücklich gesehen. Sie haben sich nicht beschwert – dabei hätten sie sich beschweren sollen! Vielleicht waren sie einfach nette Leute, vielleicht hat sie der Geist des Films angesteckt. Sie haben sich nicht einmal beschwert, als sie in den Schlamm mussten!

Ihr Film greift bis in die Split-Screen-Effekte den originalen „Woodstock“-Film auf.

Lee: Ja, damals musste alles noch auf einem Steenbeck-Schneidetisch konzipiert und montiert werden. Heute kann man das viel einfacher digital choreografieren, in „Hulk“ habe ich das schon ausgiebiger gemacht – „Taking Woodstock“ ist mein „Hulk Redux“! Aber ernsthaft: Hier war es wichtig, das Gefühl der Ära zu treffen, beim Auftreten der Leute ebenso wie filmisch! Ich verwendete also von mir gedrehte 16mm-Filmmaterial und viele Aufnahmen eines jungen Amateurs, absichtlich etwas chaotisch – das war perfekt. So entsteht ein dokumentarisches oder jedenfalls sehr glaubhaftes Gefühl.

Sie stellen auch einige Schlüsselszenen des alten „Woodstock“-Dokumentarfilms nach.

Lee: Ja, wie das Interview mit dem Vater, von dem ein Kind in Vietnam ist – und das andere in Woodstock. Viele Nuancen verdanken sich anderen Filmen und ausgiebiger Recherche. Unser historischer Berater war ein Kollege von Timothy Leary, dem „Acid King“. Er weiß alles über diese Zeit – und über die damals verwendeten Substanzen!

Etwas überraschend ist jedoch, dass Sie auf die große Show verzichten: Das eigentliche Konzert ist im Film kaum zu sehen.

Lee: Entscheidend dafür war wohl, dass wir uns entschlossen, der Buchvorlage möglichst treu zu bleiben. Und daraus kann man keinen Konzertfilm machen, es geht ja darum, was zwei Meilen weiter auf der Straße passiert. Natürlich hört man viele bekannte Lieder, aber nur fern und leise, deswegen gab es schon Beschwerden!

Wie ist Ihr Verhältnis zu Rockmusik generell?

Lee: Recht durchschnittlich, ich höre, was grad im Radio läuft. Als ich jünger war, habe ich mich mehr für Klassik begeistert, aber mittlerweile glaube ich auch an Rockbands.

Haben Sie eine Lieblingsszene in Ihrem Film?

Lee: Eindeutig der LSD-Trip!

Basiert dieser Trip auf eigener Erfahrung?

Lee: Es ist mir peinlich, das zuzugeben – aber nein! Ich habe nie Drogen genommen.


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