Sommerkino: Hier zittert, lacht und weint man unter Sternen

Das Vergnügen, unter freiem Himmel Filme zu schauen, ist über 100 Jahre alt. Noch heute sind Freiluftkinos äußerst beliebt: Über den Reiz der Unkontrollierbarkeit und die Highlights der heurigen Sommerkinosaison.

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Das Kino unter Sternen am Karlsplatz ist eines der Wiener Sommerkinos. – Kino unter Sternen / Markus Frühmann

Vielleicht ist es der Umstand, dass sich die fantastischen Weiten des Films mit der Außenwelt vermischen, der einen Abend im Sommerkino so reizvoll macht: wenn der Wind durch die Reihen bläst, während auf der Leinwand die Pferde über eine Steppe galoppieren; wenn sich der Weltraum in einem Science-Fiction-Film mit dem Nachthimmel verbindet; oder wenn es in der finalen Szene einer Liebesgeschichte sachte zu regnen beginnt. Solche Momente sind nicht planbar, doch auch wenn nichts dergleichen passiert, haben Kinovorstellungen im Freien einen besonderen Charme.

„Mit dem Sommerkino ist eine Freiheitsidee verbunden“, sagt Ernst Kieninger, der Direktor des Filmarchivs Austria, der gemeinsam mit dem Viennale-Direktor, Hans Hurch, das „Kino wie noch nie“ am Wiener Augartenspitz programmiert. „Über einem nichts als das Himmelszelt. Diese Freiheit hat auch eine historische Dimension: In Griechenland, wo es die ersten Freiluftkinos gab, war das eine schwer beherrschbare, spontane Form des Kinos. Da hat man Pop-up-Kinos in Hinterhöfen auf- und wieder zugemacht. Das war immer anarchistisch.“

Gerüche, Wetter, Gelsen

Hans Hurch spricht vom „Reiz der Unkontrollierbarkeit“: „Wenn bei der Viennale ein Film läuft, dann läuft er – außer die Welt geht unter.“ Im Freiluftkino sind nicht nur Wetter und Technik ein Faktor, auch sonst geht es nicht so geordnet zu wie im dunklen Kinosaal, der einen für die Dauer einer Filmvorstellung von der Wirklichkeit abschirmt. Im Sommerkino sitzt man unter Bäumen oder zwischen Hauswänden, es riecht nach Wiese oder Gegrilltem, manchmal blitzt und donnert es, bisweilen schüttet es auch – wie lange hält das Publikum durch? Zwischendurch hört man ein Hupen von den umliegenden Straßen oder seine Sitznachbarn die Gelsen vom Unterschenkel klatschen – es ist eine Erfahrung für alle Sinne.

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Ein Großstadtbiotop: Das "Kino wie noch nie" im Garten des Filmarchivs. – Filmarchiv Austria.
 

Das war das Kino schon in seinen Anfangsjahren, als Wanderkinos von Ort zu Ort fuhren und in Schaubuden oder Gasthäusern ihre Projektoren aufbauten. Da wurde geraucht und geschrien. Auch später, als Kinos einen fixen Saal hatten, gab es atmosphärische Zusatzangebote – die „NZZ“ berichtet von einem Mann, der in den 20er-Jahren mit einer „duftgeschwängerten Spritze“ durch die Sitzreihen ging und die Kinobesucher besprühte.

Erste Freiluftkinos: Füße hoch!

Kinovorstellungen unter freiem Himmel gibt es seit etwa 1900: In Griechenland wurden damals auf öffentlichen Plätzen oder in versteckten Hinterhöfen kurze Stummfilme gezeigt. Das älteste noch in Betrieb stehende Freiluftkino, das Sun Pictures Theater, eröffnete 1916 in Australien. Unkontrollierbar waren die Vorführungen damals allemal: Das Areal wurde regelmäßig überflutet, die Besucher mussten ihre Füße heben, wann immer das Wasser unter ihren Sitzen hindurchfloss. In Wien gab es ab 1921 Filme unter freiem Himmel zu sehen: Da gründete das Flieger-Kino im Park des Palais Clam-Gallas eine Open-Air-Dependance, im Jahr darauf eröffnete in der Döblinger Hauptstraße das „1. Wiener Freiluftkino“ mit 450 Plätzen.

Mit dem Zweiten Weltkrieg verschwanden die Freiluftkinos – vorerst – wieder aus dem Stadtbild. In den USA hatte sich da schon ein verwandtes Phänomen etabliert – bei dem den Kinobesucher vom Sternenzelt allerdings ein Autodach trennt: Die Autokinos, die in den 1950ern ihre Hochzeit erlebten, boten Kinovergnügen bei größtmöglicher Freiheit – für die Eltern, die sich den Babysitter sparten, indem sie ihre Kleinen mitnahmen, und für die Jugendlichen, die hinter beschlagenen Scheiben ungestört schmusen konnten.

Das letzte Autokino Österreichs in Groß-Enzersdorf musste im Vorjahr schließen. Bei den Sommerkinos ist der Zustrom ungebrochen. Hurch und Kieninger erzählen vom „Sommerkinobonus“: Filme würden vom Publikum generell freundlicher aufgenommen. Zudem seien Besucher eher bereit, sich etwas anzusehen, das sie sich sonst nie ansehen würden. Hurch: „Es herrscht eine offenere Stimmung. Das hat sicher mit dem Ambiente zu tun. Dass man nicht einfach ins Kino geht, eine Karte kauft und heimgeht. Ein Freiluftkinofilm ist eigentlich ein Sommerabend.“

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Disney's entzückender Animationsfilm "Zoomania" ist am 13. 7. im "Kino im Schloss" zu sehen. – Disney

Höhepunkte des Freiluftkinosommers: Von Austro-Horror bis "Zoomania"

An Auswahl mangelt es nicht: Das Programm der Wiener Sommerkinos (Grafik siehe unten) ist auch heuer wieder umfangreich, die Bandbreite groß. Wo also anfangen?

Vielleicht beim Geburtstagskind: Das „Kino unter Sternen“ im Schatten der Karlskirche feiert sein 20-Jahr-Jubiläum und hat sich dazu ganz dem österreichischen Film verschrieben: Zu sehen gibt es 20 Filme aus 20 Jahren – etwa von Michael Glawogger („Das Vaterspiel“ am 4. 7.) oder Wolfgang Murnberger (Die Brenner-Verfilmung „Komm, süßer Tod“ am 23. 7.). Oder Jakob Brossmanns sehenswerte Doku "Lampedusa im Winter" (8. 7.; am 6. 7. ist der Film auch am "Kino am Dach" zu sehen).

Blockbustern – von „Zoomania“ (13. 7.) bis „Ghostbusters“ (19. 8.) – widmet man sich beim „Kino im Schloss“ in der malerischen Kulisse des Schloss Neugebäude in Simmering. Beim „Kino am Dach“ auf der Hauptbücherei gibt es neben Hollywoodware auch Festivalfilme und eine kleine Werkschau des Indie-Regisseurs Jim Jarmusch (etwa die Vampirromanze „Only Lovers Left Alive“ am 5. 7.).

Von Taxis und Hummern

Durch die Bezirke zieht das Wanderkino Volxkino, im Gepäck hat man heuer zum Beispiel das preisgekrönte semidokumentarische Roadmovie „Taxi Teheran“ von Jafar Panahi (8. 7., Matteottiplatz) oder die skurrile Dystopie „The Lobster“ (18. 8., Karmelitermarkt).

Der traditionelle Besuchermagnet in der Sommerkinosaison ist das Filmfestival am Rathausplatz: Dort lockt ab 14. Juli nicht nur die Streetfood-Meile, sondern auch ein musikalisches Filmprogramm – von Opernaufzeichnungen (darunter erstmals einige aus der Met Opera, etwa „La Bohème“ zur Eröffnung) bis zu Popkonzerten (etwa ein Clubkonzert von Iggy Pop am 18. 7. und 1. 9. oder das MTV-"Unplugged"-Konzert von Placebo am 21. 7. und 29. 8.).

Rolling Stones und Raketen in Wien

Auf Musikfilme setzt man auch im „Kino wie noch nie“ am Augartenspitz: Zu den Schwerpunkten zählt heuer eine Reihe von Dokumentar- und Konzertfilmen über die Rolling Stones. Sämtliche Filme werden hier in ihrem Originalformat gezeigt – rund die Hälfte läuft also vom Band. Das habe nicht nur den Reiz des Analogen, sondern auch technische Vorteile, erzählte Filmarchiv-Direktor Ernst Kieninger der "Presse": Digitale Projektoren geben in der Sommerhitze nämlich gerne mal den Geist auf.

Im Programm sind heuer einige Schätze aus früheren Zeiten. Etwa "1. April 2000", ein 1952 im Auftrag der damaligen österreichischen Bundesregierung gedrehter Science-Fiction-Film: Da will sich Österreich endlich von den alliierten Besatzern unabhängig machen - und wird daraufhin vor dem Weltgericht (das mit einer Rakete vor dem Schloss Schönbrunn landet!) des Bruchs des Weltfriedens angeklagt. Unter en Darstellern sind Stars wie Hilde Krahl, Josef Meinrad, Curd Jürgens, Hans Moser, Paul Hörbiger und Helmut Qualtinger.

Von Qualtinger gibt es dieses Jahr noch mehr zu sehen am Augartenspitz, daneben viel zum Gruseln (etwa den österreichischen Hit „Ich seh Ich seh“ am 26. 8.; auch der ist am 27. 7. schon im "Kino am Dach" zu sehen) und ein paar vorgezogene Kinostarts (etwa „High Rise“ am 6. 7. oder „Wild“ am 15. 7.).

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Der österreichische Horrorfilm "Ich seh ich seh" ist diesen Sommer gleich zweimal zu sehen: Am 27. Juli im "Kino am Dach", am 26. August im "Kino wie noch nie". – Stadtkino Filmverleih
 

Stummes, Kurzes, Schräges

In der Reihe Cinema Sessions zeigt man am Augartenspitz Stummfilme (etwa Charlie Chaplins „The Gold Rush“ am 21. 8.) mit Livemusik-Untermalung – diesem Konzept hat sich auch das „Stumm & Laut“-Festival am Columbusplatz verschrieben (ab 25. August). Um Kurzfilme geht es indessen beim „dotdotdot“-Festival im Garten des Volkskundemuseums; das Nachfolgefestival des „espressofilm“ setzt einen Schwerpunkt auf das Thema „Tanz und Film – eine Sommerliebe“.

In der Wiener Arena ist Ende August eine kleine Auswahl von Filmen zu sehen. Dort findet am 27. August auch das "Cat Video Festival" statt, das durch Crowdfunding auf die Beine gestellt wurde.

An junge Leute richtet sich das „youngCaritas Sommerkino“, das in Zusammenarbeit mit der Diagonale drei österreichische Filme ausgewählt hat (z. B. „Maikäfer flieg“ nach dem Nöstlinger-Roman am 9. 7.). Werken außerhalb des traditionellen Kinobetriebs widmet sich das „frame[o]ut“ im Museumsquartier ab 8. Juli. Angekündigt sind Experimentelles und Transmediales, der Ton kommt über Funkkopfhörer.

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Sommerkino-Details

1. Kino wie noch nie.
Filmarchiv und Viennale gestalteten ein Programm aus Klassikern, Kinoperlen und neuen Filmstarts. Bis 28. August, Augartenspitz (Wiederholung immer am Folgetag im Metro Kinokulturhaus). Tickets: 8,50 Euro. kinowienochnie.at

2. Kino unter Sternen.
Zum 20. Geburtstag gibt es 20 österreichische Filme aus 20 Jahren. Bis 23. Juli vor der Karlskirche. Eintritt frei. kinountersternen.at

3. Filmfestival am Rathausplatz.
Das größte Sommerkino der Stadt zeigt Klassisches wie Opern- und Orchesteraufzeichnungen, aber auch Pop- und Rockkonzerte. Für Kulinarik sorgt die Gastromeile vor dem Rathaus. 14. Juli bis 4. September. Eintritt frei. filmfestival-rathausplatz.at

4. Kino am Dach.
Am Dach der Hauptbücherei werden Blockbuster, aber auch Indie-Filme gezeigt. Bis 31. August, Urban-Loritz-Platz 2A. Tickets: 6 Euro. kinoamdach.at

5. Kino im Schloss.
Im Schloss Neugebäude sitzt man auf Sofas, auf der Leinwand läuft vor allem Hollywoodware. Bis 1. September, Otmar-Brix-Gasse 1. Tickets: 8 Euro. schlossneugebaeude.at

6. Arena Sommerkino.
Die Wiener Arena zeigt in ihrem Open-Air-Bereich ausgewählte Filme (z. B. „The Texas Chainsaw Massacre“). 28. bis 31. August, Baumgasse 80. Tickets: 6 Euro. arenavie.com
Am 27. August soll in der Arena darüber hinaus das Cat Video Festival stattfinden. Link: Cat Video Festival auf Facebook.

7. frame[o]ut.
Mit „audiovisuellen Überraschungen“ lockt dieses Festival, im Programm stehen transmediale Filmexperimente, dazu gibt es Publikumsgespräche und Live-Acts. 8. Juli bis 27. August, Museumsquartier. Eintritt frei. frameout.at

8. youngCaritas Sommerkino.
In Kooperation mit der Diagonale werden österreichische Filme für junges Publikum gezeigt. 7. bis 9. Juli, Gürtelbogen 353. Eintritt frei. wien.youngcaritas.at

9. dotdotdot.
Im Garten des Volkskundemuseums werden 200 Kurzfilme gezeigt. 5. Juli bis 26. August, Laudongasse 15−19. Eintritt: „Pay as you can“. dotdotdot.at

10. Stumm & Laut.
Das Freiluftkino in Wien Favoriten bietet historische Stummfilme mit Livemusik. 25. bis 28. August, Columbusplatz. Eintritt frei. stummundlaut.at

11. Volxkino.
Das Wanderkino bringt Filme in diverse Bezirke – und baut seine Leinwand in Parks, zwischen Gemeindebauten oder auf Märkten auf. Bis 16. September. Eintritt frei. volxkino.at

Sommerkinos in den Bundesländern

Graz. Im Lesliehof zeigt man Kinofilme aus dem letzten Jahr und die Premiere von „Hotel Rock'n'Roll“. wanderkino.com

St. Pölten. Heimische und internationale Erfolgsfilme auf dem Rathausplatz.
cinema-paradiso.at

Innsbruck. Anspruchsvolles Unterhaltungskino im Hof des Zeughauses.
treibhaus.at

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2016)

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