Franz Novotny: "Helmut Zilk hat es wegen der Mädels gemacht"

Franz Novotny erzählt in seinem Film „Deckname Holec“ von Helmut Zilks angeblicher Spionagetätigkeit für den tschechoslowakischen Geheimdienst. Mit der „Presse“ sprach er über vermutliche Motive und die künstlerische Wahrheit.

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(c) Thimfilm

Die Presse: 2009, kurz nach Helmut Zilks Tod, veröffentlichte das „Profil“ Dokumente, die Verbindungen zwischen Zilk und dem Geheimdienst der CSSR aufzeigen. In „Deckname Holec“ erzählen Sie eine fiktive Geschichte rund um diese angebliche Spionagetätigkeit. Was glauben Sie persönlich, was ist dran an der Geheimdienstgeschichte?

Franz Novotny: Es ist zwar denkmöglich, aber es widerspräche der menschlichen Lebenserfahrung, dass die Akte von Marsmenschen geschrieben wurde. Ich denke, es ist nachgerade als erwiesen anzusehen, dass diese Dokumente authentisch sind.

Laut dem Akt hat Zilk 70.000 Schilling für seine Tätigkeit bekommen. Glauben Sie, hat er das wegen des Geldes gemacht?

Unsere Interpretation geht darüber hinaus: Er hat es wegen der Mädels gemacht. Wenn man wie Zilk fast jede Woche in Prag war, dann hat man sich sicher vergnügt. Es steht auch einiges davon im Geheimdienstakt der Tschechen, das ist ziemlich evident. In der Spielfilmdeutung muss man natürlich den Figurenreichtum reduzieren, so wurde aus zahlreichen Geliebten eine Kerngeliebte.

Aber ist es nicht trotzdem unvorstellbar, dass ein Mensch so ein Risiko eingeht – für Hedonismus und Geliebte?

Die Triebhaftigkeit von Mann und Frau ist unermesslich. Ein zweites Argument mag sein, dass sich Zilk geehrt fühlte, als damals noch relativ unbedeutender Fernsehjournalist von einem großen Geheimdienst nach seiner politischen Meinung gefragt zu werden. Seine Eitelkeit wurde befriedigt.

Sie haben Zilk als Auftraggeber beim ORF kennengelernt, haben einige Wahlwerbespots für ihn als Bürgermeister gedreht. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?

Als hervorragenden Unterhalter, als charismatischen Politiker, wie es wenige gibt. Intuitiv, teilweise unscharf handelnd. Er hat mir sehr wichtige Momente meines Lebens vermittelt, ich wurde durch ihn das erste Mal aus einem großen Betrieb entfernt – vollkommen zu Recht –, nachdem ich einen Bericht gemacht hatte für die „ZiB“, der einem der Betroffenen nicht gefiel. Ich wurde vorgeladen und innerhalb eines kurzen Gesprächs entfernt. Hat mir sehr gefallen. Eine lustige Situation ist mir noch in Erinnerung: Da haben wir einen Wahlwerbespot gedreht mit ihm als Darsteller. Er musste etwas lesen und hatte keine Brille dabei. Ohne von dem Papierblatt, das er las, aufzuschauen, hat er den hinter ihm sitzenden Kurt Scholz angeherrscht: „Brille!“ Und er bekam sofort die Brille. Das war fürstliches Gehabe, das einer gewissen Heiterkeit nicht entbehrt.

Sie haben ihm einmal einen bösen Brief geschrieben, weil er ein Drehbuch von Ihnen abgelehnt hat und stattdessen einen Film über die Sängerknaben wollte . . .

Das war meine erste Bekanntschaft mit ihm. Ich bin Zilk aber nicht böse. Nichts von dem jetzigen Film besteht auf Basis einer Vergeltung. Aber: Auch wenn ich mit ihm zu tun hatte, das verpflichtet mich nicht, sein Hagiograf zu werden. Ich bin immer noch der künstlerischen Wahrheit verpflichtet.

Was ist die künstlerische Wahrheit?

Die Interpretation, wie es gewesen sein könnte.

Wie viel Wahrheit braucht ein Spielfilm, der von realen Personen handelt?

Man kann von den historischen Tatsachen, z. B. dem Einmarsch der Armee der sozialistischen Staaten in der damaligen Tschechoslowakei, nicht abweichen. Das sind Fakten. Alles dazwischen, wie sich Menschen entwickelt haben, unterliegt der Deutung.

Sie werden gern als Skandalregisseur bezeichnet – seit Ihrem ersten Film, der „Staatsoperette“. Haben Sie eigentlich ein Rezept für Skandale?

Es gibt kein Rezept für Skandale, und ich schwöre bei allem, was mir heilig ist: Ich habe mich nie bemüht, einen Skandal zu machen. Der Skandal passiert dann, wenn man den Finger auf die richtigen Wunden legt, oder im Fall der „Staatsoperette“ die mühsam zugeschütteten Gräben der österreichischen Nachkriegslebenslüge wieder aufreißt. Es hieß, Österreich wäre das erste Opfer des Nationalsozialismus, was der größte Blödsinn war.

Heuer kommt die „Staatsoperette“ auf die Bühne der Bregenzer Festspiele. Hat sie als Stück noch Aktualität?

Das ist sicher ein schönes Ereignis. Es ist mir tatsächlich wurscht wie ein Kropf, und ich wünsche allen den besten Erfolg. Ich lebe in der Zukunft und in der Gegenwart. Aber die Vergangenheit ist mir relativ egal. Ich bin dafür, dass sie Schulbuchliteratur wird, aber das ist eigentlich alles, was ich von dieser damaligen wunderbaren Produktion sagen kann.

Ist das einer Ihrer Ansprüche als Filmemacher – in den Kanon einzugehen?

Solche Gedanken hat man nicht, dass man unsterblich sein will. Das wäre erstens eitel und zweitens überflüssig. Und auch nicht beeinflussbar.

Aber dass Sie nicht eitel wären, könnten Sie nicht sagen, oder?

Nur beim G'wand!

Franz Novotny (rechts) bei den Dreharbeiten zu
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Franz Novotny (rechts) bei den Dreharbeiten zu
Franz Novotny (rechts) bei den Dreharbeiten zu "Deckname Holec" mit Kryštof Hádek und Vica Kerekes. – (c) Petro Domenigg

ZUR PERSON

Franz Novotny, 1949 in Wien geboren, begann während seines Malereistudiums erste Filme zu drehen. Bekannt wurde er 1977 durch den Fernsehfilm „Staatsoperette“. 1980 kam „Exit – Nur keine Panik“ ins Kino, mittlerweile ein Klassiker. Novotny drehte auch viele Werbespots, zuletzt war er vor allem als Produzent tätig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2016)

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