King Kong mit Öko-Moral

Kritik Der Blockbuster „Kong: Skull Island“ ist gut geölter, überraschend spritziger Edel-Trash, mit ultra-künstlichen Effekten und guten Botschaften: Umweltschutz und Pazifismus.

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Kong: Skull Island – (c) Warner

Ein Mann fällt vom Himmel. Direkt aus der Sonnenmitte fliegt er schreiend der Kamera entgegen, wie Ikarus oder der erste Mensch. Bald ist klar: Es handelt sich um einen US-Soldaten, abgestürzt auf einer Pazifik-Insel nach erbittertem Weltkriegs-Luftkampf. Sein japanischer Gegner ist bereits gelandet und wartet mit gezücktem Schwert. Ein kurzer Blickwechsel, archaisch und angespannt, wie im Western. Dann eine Verfolgungsjagd durch den Dschungel, bis an den Rand einer Klippe, wo sich das Duell entscheiden muss. Denkt man zumindest.

Bis sich eine haarige Gigantenhand über den beiden aufbäumt und deutlich macht: Es gibt im Augenblick ein größeres Problem. Die Eröffnungssequenz des Monster-Blockbusters „Kong: Skull Island“ zeichnet den Rest des Films in dreierlei Hinsicht vor. Einerseits verankert ihn das knallige „cold opening“ (ein abrupter Einstieg als nervenkitzelnder Aperitif vor dem eigentlichen Filmbeginn) klar in der Popcorn-Tradition von B-Movies und ihren Big-Budget-Revisionen. Weiters etabliert es eine Kernmetapher: Riesenaffe King Kong als Naturgewalt, die eine übermütige Menschheit auf ihren Platz verweist. Nicht zuletzt macht der furiose Einstieg ordentlich Spaß – keine Selbstverständlichkeit im oft schwerfälligen, narrativ überfrachteten Multiplex-Kino der Gegenwart.

„Skull Island“ spielt in den Siebzigern – gerade weit genug weg von der Gegenwart, um den Einbruch alberner Fantastik zu gestatten, aber doch so nah dran, dass man augenzwinkernde Wirklichkeitsbezüge herstellen kann, mit Sprüchen à la: „Washington war noch nie so durch den Wind wie jetzt“. Bill Randa (John Goodman), Chef einer geheimen Regierungsorganisation, wittert Wundersames auf dem titelgebenden pazifischen Eiland und schafft es, seine Vorgesetzten von einer Expedition zu überzeugen.

 

Fröhliche Monsterhatz

Mit dabei: Ein britischer Söldner mit Fährtensucherfertigkeiten (Tom Hiddleston), eine kritische Vietnamkriegsreporterin (Brie Larson) und ein Haufen ausgemusterter Soldaten, deren Anführer (Samuel L. Jackson) die Niederlage in Südostasien noch nicht verwunden hat. Den turmhohen König des Schädelinsel-Dschungels brauchen sie nicht lange suchen; schließlich ist er kaum zu übersehen. In einer explosiven Spektakelsequenz, die zuweilen an die Egoperspektiven-Attraktionsmomente moderner Computerspiele erinnert (Stürzen Sie in King Kongs Schlund!), wird das Hubschrauberschwadron der Neuankömmlinge vom Primaten-Ungetüm dezimiert. Den Überlebenden bleibt nur die Flucht durch den Urwald.

Von da an ergeht sich der Film in fröhlicher Monsterhatz, die sich auch ins Grotesk-Brutale vorwagt; etwa, als ein armer Teufel vom Bein einer Riesenspinne gepfählt wird. Aber wirklich arg wird's nie, dafür sorgt allein die ultra-künstliche, farbsatte Ästhetik. Dass die meisten Figuren im Schatten der Effekt-Safari untergehen, ist verschmerzbar – Charakterchargen wie Goodman, Jackson und Komiker John C. Reilly als Robinson-Crusoe-Karikatur wiegen diesen Umstand auf.

Als gut geölter, leichtblütiger Edel-Trash will „Skull Island“ offenkundig in die Kassenschlager-Fußstapfen von „Jurassic World“ treten, mit dem er sich einen Drehbuchautor teilt. In puncto Kurzweil kann er mithalten – auch aufgrund der überraschend spritzigen Inszenierung von Indie-Parvenü Jordan Vogt-Roberts, der viel Dynamik in die Bilder bringt und eine Vorliebe für humoristische Match-Cuts an den Tag legt: Mal schneidet er vom kauenden Kong auf einen Sandwich-Imbiss, mal von einem Kampfmesser auf die damit geöffnete Konservendose.

Was der King-Kong-Marke an Wiedererkennungswert fehlt, kompensiert „Skull Island“ mit einem Pastiche naheliegender Referenzwelten: „Apocalypse Now“, „Predator“, „Jurassic Park“. Und sein thematischer Überbau ist selbstverständlich sauber durchdacht: Jacksons Militär muss als Buhmann einer Antikriegsbotschaft herhalten, weil er Kong nicht vom Vietcong unterscheiden kann, und während der Riesenaffe im Original aus den Dreißigern für das Triebhafte im Menschen stand (oder für die entrechtete schwarze Bevölkerung der USA, je nach Bedarf), geht es diesmal um Ökologie – Sätze wie „Dieser Planet gehört uns nicht“ oder „Wir sind nur Gäste hier“ fallen öfter. Ein Schelm, wer dabei an den chinesischen Kinomarkt denkt: Spätestens seit dem Sensationserfolg von Stephen Chows „The Mermaid“ steht das Thema dort hoch im Kurs.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2017)

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