„T2 Trainspotting“: Das gute alte Heroin

Kritik Eine Fortsetzung von „Trainspotting“, kann das gut gehen? Danny Boyle serviert zum Glück mehr als aufgewärmte Drogensuppe. Er schickt seine vier (Ex-)Junkies in die Midlife-Crisis – und zeigt: Nostalgie kann durchaus heilsam sein.

An die treibende Kraft seines Vorgängers kommt „T2: Trainspotting“ nicht heran. Macht nix: War das Original der Rausch, so ist die Fortsetzung das Reha-Programm dazu. Wieder mit dabei: Sick Boy (Jonny Lee Miller) und Mark Renton (Ewan McGregor).
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An die treibende Kraft seines Vorgängers kommt „T2: Trainspotting“ nicht heran. Macht nix: War das Original der Rausch, so ist die Fortsetzung das Reha-Programm dazu. Wieder mit dabei: Sick Boy (Jonny Lee Miller) und Mark Renton (Ewan McGregor).
An die treibende Kraft seines Vorgängers kommt „T2: Trainspotting“ nicht heran. Macht nix: War das Original der Rausch, so ist die Fortsetzung das Reha-Programm dazu. Wieder mit dabei: Sick Boy (Jonny Lee Miller) und Mark Renton (Ewan McGregor). – (c) Sony Pictures

Der schlechte Ruf von Sequels gründet nicht zuletzt darauf, dass sie sich als Fortsetzungen verstehen, aber meistens keine sind. Sie könnten die Geschichte eines erfolgreichen Films in ungeahnte Richtungen weiterspinnen, seine Mythologie aus einer neuen Perspektive betrachten oder den Hauptfiguren verborgene Facetten abringen. Stattdessen geben sie sich in der Regel mit einem bloßen Neuaufguss zufrieden, einer Schnellschuss-Reproduktion, die pflichtschuldig und unreflektiert die größten Hits des Originals herunterleiert. Das ist nicht nur faul, es raubt dem Ursprungswerk auch seine Einzigartigkeit – und führt letztlich zur ewigen Wiederkunft des Gleichen.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Für Konfektionsware aus der Genreschmiede gehört Serialisierung zu den erprobten Erfolgsmodellen, weil Genres von Haus aus mit Schablonen hantieren. Dasselbe gilt für unverwüstliche Ikonen der Popkultur: James Bond und Sherlock Holmes dürfen sich nicht allzu sehr verändern, sonst wären sie nicht mehr James Bond und Sherlock Holmes. Doch selbst an diesen Imagefelsen fließt die Zeitgeistbrandung nicht spurlos vorüber.

 

Viel Futter für Anspielungsbedürftige

Bei Filmen, die auch nur einen Hauch von Realitätsnähe aufweisen, erhofft man sich von einer Fortsetzung allerdings mehr als dasselbe in Grün. Im Idealfall sollte sie die Entwicklung ihres Zielpublikums widerspiegeln, wie die diesbezüglich viel zitierte „Harry Potter“-Reihe, die sich (ganz wie ihre Buchvorlagen) Stück für Stück vom zauberhaften Fantasy-Spektakel in ein düsteres Coming-of-Age-Drama verwandelte, parallel zur Teenager-Werdung ihrer Fans. Ein Teil der Faszination lag zudem darin, den Hauptdarstellern beim Älterwerden zuzusehen – denn Kinoerzählungen, die periodisch um neue Kapitel erweitert werden, haben immer auch etwas von Langzeitdokumentationen.

Clevere Regisseure machen diesen Umstand zum Teil des Fortsetzungskonzepts, nutzen den klassentreffenhaften „Was ist aus ihnen geworden“-Faktor als Aufhänger. Ein Musterbeispiel wäre Richard Linklaters „Before“-Trilogie, die zeitversetzte Schnappschüsse einer Beziehung präsentiert – zauberhafte Erstbegegnung, bittersüßes Wiedersehen, komplizierte Ehekiste. Weniger bekannt, aber ebenso betörend: „Texasville“, in dem Peter Bogdanovich 33 Jahre nach seinem New-Hollywood-Klassiker „Die letzte Vorstellung“ an dessen Schauplatz zurückkehrt, um nach dem Rechten zu sehen. Danny Boyle wählt für Teil zwei seines Neunziger-Kultfilms „Trainspotting“ einen ähnlichen Zugang – und bietet zum Glück mehr als aufgewärmte Drogensuppe.

Dass Retro-Schwelgerei der Hauptgrund seiner Existenz ist, versucht der Film nicht zu verbergen: „Nostalgia, that's why you're here“ heißt es an einer Stelle als Wink Richtung Publikum. Und für Anspielungsbedürftige gibt es genügend Futter, ästhetisch wie musikalisch. Doch dabei bleibt es nicht: Klugerweise macht „Trainspotting 2“ Nostalgie selbst zum Thema.

Denn nicht nur wir sehnen uns nach dem Original, auch dessen Protagonisten hängen ihrer Jugend nach. Die Turbo-Junkie-Energie, mit der Renton (Ewan McGregor) einst im schnoddrigen Takt von Iggy Pops „Lust for Life“ vor dem Alltag Reißaus nahm, ist dahin. „Choose Life“, schleuderte er damals den Spießern entgegen, als ironische Umkehrung eines Anti-Drogen-Slogans.

Inzwischen hat er sich selbst fürs cleane Durchschnittsleben entschieden. Sein ehemaliger Freund Sick Boy (Jonny Lee Miller) ist Inhaber einer billigen Spelunke und verschafft sich mit Unterstützung seiner bulgarischen Freundin, Veronika (Anjela Nedyalkova), ein Zubrot als Sexvideo-Erpresser. Spud, der Sensible (ausdrucksstark: Ewen Bremner), hat den Heroinzug nie verlassen – als Renton ihn in seiner Plattenbauwohnung aufsucht, will er sich gerade umbringen. Und Prolo-Psychopath Begbie? Den haben sie ins Kittchen gesteckt. Dass er dort nicht den ganzen Film über bleibt, ist klar.

 

Einmal noch zur Nadel greifen

Im Grunde wollen die vier nichts mehr voneinander wissen (vielleicht mit Ausnahme von Begbie, der mit Renton noch ein Hühnchen zu rupfen hat und trotz Vaterkomplex-Vermenschlichung als eine Art Bösewicht fungiert). Jeder von ihnen erinnert die anderen an vertane Chancen und vergeudete Zeit. Aber man kennt sich zu gut, gehört irgendwie zusammen – und am Ende hat es dann doch etwas Therapeutisches, ein letztes Mal gemeinsam zur Nadel zu greifen, in einer Selbstoptimierungsgesellschaft mit null Toleranz für Aussteiger-Mentalität.

Nicht, dass „Trainspotting 2“ die Junkie-Kultur verklären würde, im Gegenteil: Der Film führt die desillusionierte Tristesse des Entzugsdaseins humorvoll, aber ungeschönt vor. Doch er verurteilt seine Figuren nicht dafür, dass sie die alten Zeiten ungeachtet aller objektiven Schrecklichkeiten durch die rosarote Brille betrachten. Schließlich hat jeder ein Anrecht auf Nostalgie. Und solange man sie nicht wie eine Droge missbraucht, kann sie durchaus heilsam sein. Insofern kann man dem etwas überlangen und episodischen Film nicht wirklich vorwerfen, dass er nie an die treibende Kraft seines Vorgängers herankommt: Er verhält sich zu diesem wie das Reha-Programm zum Rausch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2017)

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