Die Schlaue und das Biest

Kritik Disney feiert mit der Neuverfilmung von „Die Schöne und das Biest“ ein opulentes Nostalgiefest – und Emma Watson macht aus Belle eine Heldin mit feministischem Anspruch.

Das intelligente Dorfmädchen Belle (Emma Watson) ist im Schloss des Biestes (Dan Stevens) gefangen – und kehrt das Menschliche in ihm hervor.
Schließen
Das intelligente Dorfmädchen Belle (Emma Watson) ist im Schloss des Biestes (Dan Stevens) gefangen – und kehrt das Menschliche in ihm hervor.
Das intelligente Dorfmädchen Belle (Emma Watson) ist im Schloss des Biestes (Dan Stevens) gefangen – und kehrt das Menschliche in ihm hervor. – (c) Courtesy of Disney

Die Rolle der Cinderella hat Emma Watson vor einigen Jahren abgelehnt – zu passiv war ihr die Figur. Man darf davon ausgehen, dass Watson sich auch mit den meisten anderen Disney-Prinzessinnen nicht identifizieren kann. Da wäre etwa Dornröschen: Sie verschläft einen guten Teil ihres Films, um am Ende von einem fremden Mann wachgeküsst zu werden. Oder Arielle: Sie gibt – im wahrsten Sinne des Wortes – ihre Stimme auf für einen Schönling, den sie einmal gesehen hat.

Und da ist Emma Watson, der die Welt acht „Harry Potter“-Filme lang beim Großwerden zugeschaut hat. Die als UN-Sonderbotschafterin mit der Kampagne „HeForShe“ Männer für den Kampf für Gleichberechtigung gewinnen will, die einen feministischen Buchklub führt und ihren Starstatus nutzt, um für die Chancengleichheit von Frauen auf der ganzen Welt aufzutreten. Wenn Watson nun also für den Disney-Konzern, der in einem anhaltenden Renaissance-Trip sukzessive seine Zeichentrickmeisterwerke weitererzählt oder neu verfilmt, doch noch in die Rolle einer Prinzessin schlüpft, dann tut sie auch dies nicht ohne emanzipatorische Absicht: Sie habe die Rolle der Belle in der Realfilmadaption von „Die Schöne und das Biest“ nur unter der Bedingung angenommen, dass sie über die Figur mitbestimmen darf, sagte sie einem Filmmagazin.

Allzu viel hat sie an der Belle aus dem Disney-Film von 1991 nicht geändert, allzu viel war wohl auch gar nicht nötig: Denn war die Figur in der Märchenvorlage wie auch etwa in Jean Cocteaus Verfilmung (1946) vor allem ein Opfer ihrer Umstände, das sich dem Biest mehr unterwürfig als liebend näherte, so hatte Belle bei Disney schon etwas Emanzipiertes: Da ist sie eine Büchernärrin, die intellektuell gefordert werden will und von einem modernen Leben träumt („There must be more than this provincial life“, singt sie), die die Avancen des schmierigen Gaston konsequent abweist („His little wife? No sir, not me!“) und deren Handeln nie vom Wunsch getrieben ist, unter die Haube zu kommen. Als ihr Vater sich im Wald verirrt und in einem verzauberten Schloss Zuflucht findet, wird er vom Hausherrn, dem Biest, gefangen genommen. Belle bittet das Biest um seine Freilassung und begibt sich freiwillig in Gefangenschaft. Bald entwickelt sie Sympathie für die monströse Kreatur – ohne zu wissen, dass nur ihre Liebe jenen Fluch aufheben kann, der den einstigen Prinzen als Strafe für seine Eitelkeit in ein Biest und all seine Diener in sprechende Haushaltsgegenstände verwandelt hat.


Serviettenballett. Die Neuverfilmung unter der Regie von Bill Condon bleibt inhaltlich und optisch nah genug am alten Film, um dessen Liebhaber in nostalgisches Verzücken zu versetzen: Einzelne Passagen – etwa Belles erster Auftritt, bei dem sie singend durch ein Freilichtmuseum von einem Dorf geht – wirken wie Realfilmabzüge des gezeichneten Originals. Die Musicalszenen sind üppig choreografiert und visuell bezaubernd – vor allem das von Ewan McGregor (Kandelaber Lumière), Ian McKellen (Pendeluhr Cogsworth) und Emma Thompson (Teekanne Mrs. Potts) gesungene „Be Our Guest“, das sich vom süßen Serviettenballett zu einem stilistisch ausschweifenden Tischfeuerwerk hochsteigert.

Neu sind drei Lieder, deren Ohrwurmpotenzial an das der altbekannten kaum herankommt, eine gute Prise Ironie, eine sichtbare Diversifizierung des Figurenarsenals (die „schwule“ Szene, die Konservative von Russland bis Amerika empörte, ist hingegen nicht der Rede wert) und einige Hintergrundgeschichten, mit denen die Figuren emotional ausstaffiert werden. Der unausstehliche Gaston (Luke Evans), ein unsympathischer Narziss, hält sich etwa aufgrund seiner Kriegserfolge für etwas Besseres. Sein Gehilfe LeFou (Josh Gad), in der Zeichentrickversion noch ein patschertes Dummerchen, ist hier ein moralisch hin- und hergerissener Mitläufer, der es genießt, wenn von Gastons Schein etwas auf ihn abstrahlt – vermutlich, weil er nicht glaubt, selbst je leuchten zu können.


Lesen statt waschen. Sichtliche Freude hatten die Filmemacher am Rokoko-Pomp, mit dem sie die campy Schlossszenen versahen, in denen Dan Stevens (bekannt aus „Downton Abbey“) einen geschmeidigen Prinzen gibt. Viel interessanter, ja menschlicher wirkt er aber als Biest, das zwischen Shakespeare-Diskussionen und Schneeballschlachten seine angenehme Ader entdeckt.

Und Emma Watson? Sie holt aus Belle heraus, was an Fortschrittlichkeit aus einem französischen Dorfmädchen aus dem 18. Jahrhundert eben herauszuholen ist. In einer Szene erfindet sie etwa eine Art Waschmaschine, damit sie, statt per Hand zu waschen, kleinen Mädchen das Lesen beibringen kann – was von den Dorfbewohnern gar nicht goutiert wird. Watsons Belle ist abgeklärter, weniger naiv als die alte Belle, wenn auch durchaus eine schmachtende Romantikerin. Nie wirkt sie wie ein Opfer, das sich mit der eigenen Misere abgefunden hat (sie plant ihre Flucht schon im Moment, in dem sie sich in Gefangenschaft begibt – und man zweifelt nicht an ihrer Umsetzungskraft), nie hat man den Eindruck, dass ihre Zuneigung zum Biest lediglich eine besonders romantische Form des Stockholm–Syndroms sein könnte.

Den größten Coup aber musste nicht Emma Watson erfinden, der steht schon im Märchen. Da rettet nämlich die Schöne am Ende den Prinzen – wenn das Cinderella hört!

Das Märchen

1740. Die französische Schriftstellerin Gabrielle-Suzanne de Villeneuve, die viel über die Stellung von Frauen in der Gesellschaft schrieb, veröffentlichte ein Werk mit drei Märchen, darunter „La Belle et la Bête“.

1756. Jeanne-Marie Leprince de Beaumonts vereinfachte Version der Geschichte wurde auch auf Deutsch übersetzt.

Film. Jean Cocteaus „Es war einmal“ (auch: „Die Schöne und die Bestie“, 1946) ist ein Klassiker des frühen Fantasygenres. Der neue Disney-Film „Die Schöne und das Biest) von Bill Condon („Dreamgirls“, Teil drei und vier der „Twilight“-Reihe) ist ein Remake des Zeichentrickfilms von 1991. Kinostart: 16. März.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2017)

Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Die Schlaue und das Biest

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.