„The Salesman“: Der Mann rächt, die Frau schweigt

KritikÜber Sexualdelikte spricht man im Iran nicht. Wie soll man sie dann vergelten? Asghar Farhadi führt im ausgeklügelten Drama „The Salesman“ in eine Grauzone voller ethischer Zwickmühlen. Schade, dass es im Finale allzu melodramatisch wird.

Was Rana (Taraneh Alidoosti) passiert ist, will keiner wirklich hören. Regisseur Farhadi gewann mit „The Salesman“ den Auslandsoscar.
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Was Rana (Taraneh Alidoosti) passiert ist, will keiner wirklich hören. Regisseur Farhadi gewann mit „The Salesman“ den Auslandsoscar.
Was Rana (Taraneh Alidoosti) passiert ist, will keiner wirklich hören. Regisseur Farhadi gewann mit „The Salesman“ den Auslandsoscar. – (c) Thimfilm

Einer der meistzitierten Sätze des europäischen Kinos stammt aus Jean Renoirs tragikomischer Sozialstudie „Die Spielregel“ und bringt ein Kerndilemma des Humanismus auf den Punkt: „In der Welt gibt es eine schreckliche Sache, nämlich dass jeder seine Gründe hat.“ Eigentlich könnte man dieses Diktum jeder Arbeit des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi als Motto voranstellen – kaum ein zeitgenössischer Filmemacher hat sich so intensiv mit der Frage beschäftigt, ob und wie sich Recht und Unrecht im komplexen Wertegewebe der Gegenwart definieren lassen. Seine raffinierten Melodramen sind meist klar im Kontext seines Heimatlands verankert und bilden die „Vielfalt moralischer Perspektiven in einer zwischen Tradition und Modernität gefangenen Gesellschaft“ ab, wie es die Kritikerin Tina Hassannia formuliert.

Dass sie auch im Westen über cinephile Kreise hinaus Anerkennung finden, zeugt von ihren universellen Qualitäten – aber zwei Faktoren tragen wesentlich zum Auslandserfolg bei. Einerseits stellt Farhadi, der zunächst als Autor von Theaterstücken, Hörspielen und Drehbüchern tätig war, im Unterschied zu vielen seiner festivalerprobten Landsleute Dramaturgie vor Poesie. Seine Erzählungen sind spannend, dialoglastig und wendungsreich, man verliert sich in ihnen wie in einem guten Roman. Außerdem stammen seine Hauptfiguren für gewöhnlich aus der bildungsbürgerlichen Oberschicht, geben sich aufgeklärt und weltoffen – ihre Lebenswelten sind dem westlichen Programmkinopublikum vertraut.

 

Eine Gewalttat – mehr weiß man nicht

Nach dem Tod des großen Kinodichters Abbas Kiarostami und in Anbetracht des anhaltenden Berufsverbots für dessen Adepten Jafar Panahi steht Farhadi derzeit als Zentralrepräsentant des Irans auf der Weltkino-Bühne. Mit Erfolg: 2012 gewann sein feingliedriges Scheidungsdrama „A Separation“ als erster iranischer Film überhaupt den Auslandsoscar, im Februar wurde diese Ehre auch seinem jüngsten Werk „The Salesman“ zuteil – wobei Farhadis Ankündigung, der Veranstaltung aus Protest gegen Trumps erstes Einreiseverbot fernzubleiben, etwas zum Sieg beigetragen haben könnte. Bei der Preisverleihung verlas eine Stellvertreterin ein Statement des Regisseurs, dessen Polit-Botschaft im Einklang mit seiner künstlerischen Verweigerung von Schwarz-Weiß-Malerei steht: „Wer die Welt in ,Unsrige‘ und ,Feinde‘ unterteilt, schürt Angst – eine heimtückische Rechtfertigung von Aggression und Krieg.“

„The Salesman“ ist in seiner Auslotung von Ambivalenzen weit weniger direkt – doch im Kern geht es um Ähnliches. Nachdem ihr Wohnhaus von einem Erdbeben erschüttert wird, ziehen Rana (Taraneh Alidoosti) und Emad (Shahab Hosseini), ein kinderloses Theaterschauspieler-Ehepaar, in eine neue Wohnung. Dort spukt noch der anrüchige Schatten einer Vormieterin, die sich als Prostituierte verdingte und einfach nicht dazu kommt, ihre Sachen abzuholen. Als Rana eines Abends alleine zuhause ist, läutet es an der Tür. Im Glauben, es sei ihr Mann, macht sie auf, verschwindet ins Bad – und gewährt so aus Versehen einem verirrten Freier zutritt, der ihr im Affekt Gewalt antut. Dieser archaische Ausdruck scheint angemessen, denn die genaue Natur des Verbrechens bleibt im Dunkeln, so gebietet es die Zensur. Doch Farhadi macht die obligate Auslassung zum Teil seiner Kritik am Schweigegebot der iranischen Kultur in Bezug auf Sexualdelikte. Rana spricht nicht darüber, weil sie traumatisiert ist, aber auch, weil niemand wirklich davon hören will. Schließlich handelt es sich, Aufklärung hin oder her, um eine Schande für die Familie. Und diese Zwangsdiskretion treibt den vordergründig so modernen Emad, der nebenher als Schullehrer arbeitet, der sich stets hip und kumpelhaft gibt, sukzessive in tradierte Verhaltensmuster, weckt in ihm das Verlangen nach Rache, weil die Ehre nur so wiederhergestellt werden kann.

 

Konflikte auf der Theaterbühne

Selbstverständlich führt die Suche nach dem Schuldigen nicht zur erhofften Katharsis, sondern bloß in eine Grauzone voller ethischer Zwickmühlen. Womit Farhadi auch ein altes Genre des persischen Populärkinos durchkreuzt: Den sogenannten Jaheli-Film, wo „echte“ Männer im Namen „befleckter“ Frauen zur Selbstjustiz greifen.

Die ausgeklügelte Konstruktion von „The Salesman“ beeindruckt. Selbst der titelgebende Seitenzweig des Plots (Theaterproben zu Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“) mutet nur auf den ersten Blick deplatziert an: Kämpfe mit den Behörden um verfängliche Passagen spiegeln das Verdrängungsmotiv, und der Bühnenklassiker bildet einen Resonanzboden für unausgesprochene Konflikte zwischen den Filmfiguren. Dennoch wirkt das Ganze etwas überfrachtet. Farhadi strebt nach einem holistischen Sittengemälde und schichtet so viele Anspielungen, sprechende Details und symbolische Gesten übereinander, dass der narrative Fluss irgendwann ins Stocken gerät.

„The Salesman“ ist inhaltlich äußerst ergiebig, aber weniger mitreißend als seine früheren Gesellschaftsporträts. Daran kann auch die maßlos übersteigerte Melodramatik des Finales nichts ändern – ein Ausreißer, der den mühevollen dramaturgischen Balanceakt des Films jäh zu Fall bringt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2017)

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