Jugendliche stehen weit nach Mitternacht auf einer Straße. Einer richtet die Kamera seines Mobiltelefons auf die drei anderen. „Wie hat euch der Film gefallen?“ Einer hält seinen Unterarm an die Linse: „Meine Freundin hat sich so gefürchtet, dass sie mich gekratzt hat.“ Ein Besuch von Paranormal Activity kommt einer Mutprobe, einem Initiationsritual gleich. Auf Internetplattformen wie YouTube und Facebook sprechen und schreien sich diejenigen, die es hinter sich gebracht haben, ihre Gefühle aus dem Leib – hinaus in die Welt.
Der Debütfilm von Regisseur Oren Peli hat an die 10.000 Euro gekostet. Gedreht hat er ihn mit Freunden in seinem Vorstadthaus. Mittlerweile, nach mehrwöchigem Kinoeinsatz in den USA, haben die Einnahmen die 100-Millionen-Dollar-Grenze überschritten. Paranormal Activity ist zum erfolgreichsten unabhängig produzierten Film geworden.
„Kino hat mich immer schon gefesselt. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, wie man so ein Unterfangen realisieren kann, wenn man kein Teil der Industrie ist“, erzählt der 38-jährige Peli im „Presse“-Interview. Geschafft hat es sein bereits 2007 gedrehtes Horrorkammerspiel vor allem aufgrund von Mundpropaganda: Bereits nach der ersten Aufführung twittern und posten die Zuschauer des Films, dass sie „fünf Tage lang kein Auge zugemacht haben“.
Spielberg gab „verfluchten Film“ zurück
„Nach der ersten Vorführung waren die Reaktionen überwältigend. Auch die Rezensionen waren durchwegs gut. Aber kein Verleiher wollte den Film haben.“ Noch nicht. Eine Mitarbeiterin des Studios Dreamworks sieht Paranormal Activity und bringt eine DVD zu ihrem Vorgesetzten, der sie seinem Vorgesetzten übergibt: Steven Spielberg. Im Internet hält sich das Gerücht, dass der vielleicht berühmteste Regisseur der Welt den „verfluchten Film“ nach der Sichtung in einem schwarzen Müllsack zurückgebracht hat. In seinem Haus wären, wie im Film, unerklärliche Phänomene aufgetreten.
Paranormal Activity erzählt vom Paar Katie und Micah, das in ein Vorstadthaus zieht und dort von einem Dämon terrorisiert wird. Um die nächtlichen Erscheinungen beweisen zu können, bringen sie eine Kamera an. „Zwei Dinge machen den Film so angsteinflößend: zum einen die Leistung der beiden Hauptdarsteller; zum anderen, dass er sehr roh und realistisch wirkt. Die Zuschauer stellen eine Verbindung her: Es geht darum, was passiert, während wir schlafen, während wir am verletzbarsten sind.“
Peli spielt geschickt mit Urängsten: Sein Film ist effektiv, aber nicht innovativ. Denn mit The Blair Witch Project (1999) ist die subjektive Wackelkamera massenkompatibel geworden. Der Erfolg von Paranormal Activity liegt demnach, wie bei vergleichbaren Phänomenen, nicht in Form und Inhalt, also der Qualität des Films begründet, sondern im Drumherum, im Mythos. Die Marketingkampagne setzt ganz auf das Publikum: „Die Fans haben die Distribution kontrolliert, sie haben den Film bekannt gemacht. Also mussten sie auch im Zentrum der Kampagne stehen.“ „Verlang ihn!“, fordert eine Stimme am Ende des Trailers auf: Im Internet konnten Interessierte darüber abstimmen, in welchen Städten Paranormal Activity aufgeführt werden sollte. Dass (potenzielle) Zuschauer über den Vertrieb eines Films entscheiden können, ist nicht nur unkonventionell, es ist auch sehr riskant.
Mitmachinternet bindet junges Publikum
Für Paramount, das den Film nach einem Bruch mit Dreamworks verleiht, hat sich der Mut gelohnt: Das junge Publikum ist es gewohnt, im Internet Entscheidungen zu treffen, die in der wirklichen Welt Wirkung zeigen. Indem man ihnen die Möglichkeit gibt, in einen Bereich einzugreifen, der üblicherweise allein vom Verleiher kontrolliert wird, schenkt man ihnen Vertrauen – und bindet sie emotional. Das Mitmachinternet 2.0 ist in der Wirklichkeit angekommen.
Oren Peli jedenfalls hat seine Feuertaufe als Regisseur bestanden: Gerade laufen die Dreharbeiten für sein Folgeprojekt, einen Science-Fiction-Thriller namens Area 51.„Ich stehe immer unter Druck. Bei Paranormal Activity habe ich ihn mir selbst gemacht. Jetzt kommt er von anderen Seiten.“ Von allen Seiten, möchte man meinen. Eduardo Sanchez und Daniel Myrick, die Regisseure von Blair Witch Project, sind nach dem phänomenalen Erfolg ihres Studentenfilms von der Industrie ausgenommen und weggeworfen worden. Mittlerweile drehen sie wieder mit Minibudgets. „Ich glaube nicht, dass Paranormal Activity etwas bewegen wird. Vor zehn Jahren, nachdem Blair Witch Project angelaufen ist, hat jeder gesagt, dass sich die Industrie verändern wird. Es ist nichts passiert. Es bleibt alles immer beim Alten.“ Willkommen in der Normalität.
■Regisseur Oren Peli wurde 1971 in Israel geboren, gründete schon im Alter von 16 Jahren eine Software-Firma, studierte dann Grafik und Animation und wanderte mit 19 in die USA aus. Dort arbeitete er als Computerspiel-Programmierer, bevor er 2007 seinen ersten Kinofilm drehte. Das renommierte Sundance-Festival lehnte es ab, ihn als Premiere zu zeigen. [EPA/Lerena]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2009)
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