Die Super-Spinne in der Pubertät

Bereits drei Jahre nach dem Ende der letzten Blockbuster-Reihe um Spider-Man schwingt er in neuem Gewand durch die Kinos – und ist diesmal so jung wie sein Zielpublikum.

Der buchstäblich jüngste Spider-Man: Unter der Superheldenmaske steckt ein ziemlich unvollkommener Teenager (Tom Holland).
Schließen
Der buchstäblich jüngste Spider-Man: Unter der Superheldenmaske steckt ein ziemlich unvollkommener Teenager (Tom Holland).
Der buchstäblich jüngste Spider-Man: Unter der Superheldenmaske steckt ein ziemlich unvollkommener Teenager (Tom Holland). – (c) Sony Pictures

Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich „Spider-Man“ zu einem der wegweisenden Erfolge des modernen Superheldenblockbusters aufschwang. Sam Raimi, der Low-Budget-Kreativkopf hinter „Tanz der Teufel“, stürzte sich 2002 mit voller Leidenschaft in seine Arbeit – und das zu einer Zeit, als Regisseure bei Großproduktionen noch ein Wörtchen mitzureden hatten.
Dank maßgeblicher Fortschritte im Computeranimationsbereich wirkten die luftakrobatischen Manöver der Spinne überraschend anmutig und lenkten nicht von der Handlung ab. Heraus kam ungeachtet kleiner Holprigkeiten Popcorn-Kino par excellence. Der Film war spannend, spritzig und enorm unterhaltsam, er fing den Charme des Comics sehr gut ein. Seine Fortsetzung spielte an den Kinokassen kaum weniger ein und kam bei der Kritik sogar noch besser weg – nicht zuletzt dank Alfred Molinas eindringlicher Performance in der Rolle des Bösewichts Doctor Octopus. 2007 folgte ein dritter Teil, dessen erzählerische Überfrachtung viele Zuschauer irritierte. Doch er fand zu einem angemessenen, zufriedenstellenden Ende. Es schien an der Zeit, Peter Parker für eine Weile in Ruhe zu lassen.
Aber das wäre ja nicht im Sinne Hollywoods. Spider-Mans Markenwert ist viel zu hoch für Urlaub. Also holte man den Helden bereits 2012 wieder aus der Reserve und versuchte, ihm in „The Amazing Spider-Man“ einen hippen, jungen, coolen Anstrich zu verpassen – mit dem damaligen Newcomer Andrew Garfield in der Titelrolle. Als das Sequel „Rise of Electro“ 2014 hinter den Erwartungen zurückblieb, wurde die Wiederbelebung unterbunden. Endgültig? Wo denken Sie hin! Schon in der letzten Avengers-Episode „Captain America: Civil War“ hatte der Neo-Spider-Man einen Gastauftritt. Kommende Woche startet sein eigener Film in den heimischen Kinos.

Comic-Ikonen warmhalten. Die immer kürzer werdenden Intervalle zwischen den Spider-Man-Inkarnationen mögen absurd anmuten. Aber bedenkt man die stetige Reduktion der popkulturellen Aufmerksamkeitsspanne in den letzten Jahren, ergibt der Neuauflagenwahnsinn fast schon wieder Sinn. Für die jugendliche Zielgruppe des neuen Films ist Raimis Trilogie nichts weniger als Urgeschichte (Wer zur Hölle ist Tobey Maguire?). Die letzten beiden Netz-Werke haben keine nennenswerten Spuren im Kollektivgedächtnis hinterlassen. Und Comic-Ikonen von Spider-Mans Kaliber müssen warmgehalten werden, zumal sie den Motor des zeitgenössischen Geschäftsmodells großer Studios bilden. „Spider-Man: Homecoming“ ist eine logische Konsequenz.
Dabei handelt es sich weniger um eine Heimkehr (obwohl Rechteinhaber Sony wieder mit Urquell Marvel kooperiert) als um eine weitere Verjüngungskur. Der 21-jährige Brite Tom Holland spielt den 15-jährigen Schüler Peter Parker. Mit der Entstehungsgeschichte Spider-Mans hält sich der Film nicht auf – nur zu Beginn setzt es einen kurzen Crash-Kurs im Videotagebuchformat. Parker wurde von Supermilliardär Tony Stark (kein Marvel-Film ohne Robert Downey Jr.) für die Avengers rekrutiert und befindet sich quasi in der Probezeit. Im Hi-Tech-Anzug hüpft er durch New York und lotet seine Kräfte aus.

Tollpatsch. Die Atmosphäre dieser Szenen ist erfrischend locker und unbeschwert, passend zur Figur. Spider-Man war schon immer ein „ganz normaler“ Superheld, seine Beliebtheit fußt auf Unvollkommenheit. Selten sah man ihn so tollpatschig wie hier: Er verwechselt brave Bürger mit Verbrechern, bekommt unvermittelt Höhenangst und vergisst bei der Beschattung, sein Handy auf Lautlos zu stellen. Kein Wunder: Schließlich steckt unter der Maske ein pubertierender Junge, der auch im Schulalltag nicht ganz bei sich ist. Im Grunde erzählt „Spider-Man: Homecoming“ eine Coming-of-Age-Geschichte, und wenn Peter Parker mit seinem Nerd-Kumpel Ned (Jacob Batalon) herumlümmelt, sich auf ein Date mit seinem Schwarm Liz (Laura Harrier) vorbereitet oder seine Tante und Ersatzmutter May (Marisa Tomei) in helle Aufregung versetzt, hat das ebenso viel Gewicht wie Spider-Mans Scharmützel mit Schurken.

Modernisierungsverlierer. Den Oberbösen Vulture gibt Michael Keaton, und seine Figur ist einer der interessantesten Marvel-Antagonisten seit Langem: Ein Modernisierungsverlierer, der sich Walter-White-mäßig als Superwaffenschieber neu erfunden hat, im funkensprühenden Flugkostüm durch die Gegend saust – und das alles nur für seine Familie. Als Halunke mit Verantwortungsgefühl stellt er im Blockbusterkontext eine Seltenheit dar. Keaton hievt ihn mit seinem nuancierten Spiel ins Tragische und verleiht dem Film ungeahnte moralische Komplexität. Dass das sehr an Raimis zweiten „Spider-Man“-Teil erinnert, ist nicht schlimm.
Dass eine der zentralen Actionsequenzen in „Homecoming“ ebenfalls von Raimi „inspiriert“ wurde, nervt schon eher. Dafür betört eine abenteuerliche Kletterpartie über das Washington Monument mit Originalität und Verve. Wie viel davon aufs Kerbholz des jungen Regisseurs Jon Watts geht, der zuletzt mit dem Indie-Suspensestück „Cop Car“ für Furore sorgte, darüber lässt sich freilich nur spekulieren. Spaß macht der (buchstäblich) jüngste „Spider-Man“ auf jeden Fall. Und wenn nicht, spielt das keine Rolle – denn der nächste kommt bestimmt.
Voraussichtlich als Säugling.

»

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Die Super-Spinne in der Pubertät

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.